Vortrag von Dr. Felix Riedel: Rechte Anti-Ökologie

Rechte Anti-Ökologie

Die AfD und die neue Rechte organisieren sich heute als Gegenpartei zu den Grünen. Damit folgen sie einem Muster rechtsgerichteter Organisationen in der ganzen Welt. Die überwiegende Zahl der rechten und rechtsextremen Organisationen heute ist gegen Windkraft, gegen Klimaschutz, gegen Vegetarismus, gegen CO2-Steuern, gegen Wolfsschutz und für Atomkraft. Rechte Thinktanks und Lobbies liefern mit gefälschten oder fehlerhaften Studien Propaganda für die Zeitungen, während in den Internetforen tödlicher Hass auf Greta Thunberg und andere prominente Umweltschützer*innen verbreitet wird.

Was macht die Gegnerschaft zur Ökologie für die Rechte so attraktiv? Welchen Einfluss haben die Thinktanks und Lobbies auch auf bürgerliche Parteien und Interessensgruppen wie z.B. Bauernverbände? Wie kann den oft kruden, mitunter aber auch raffiniert aufbereiteten Thesen kompetent widersprochen werden?

Der Referent Dr. Felix Riedel ist freischaffender Ethnologe, freier Autor und ehrenamtlich im Naturschutz tätig. Seine Schwerpunkte sind Medien, Propaganda, Gewalt und Ökologie.

Der Veranstalter „Mosbach gegen Rechts“ lädt zu diesem Vortrag mit anschließender Diskussion für Dienstag, 19. November 2019 um 19.30 Uhr ins Nebenzimmer des Gasthauses „Lamm“ in der Hauptstraße 59 (Fußgängerzone) in 74821 Mosbach ein. Die beiden Initiativen „Mosbach gegen Rechts“ und „Möckmühl steht auf“ kooperieren bei diesen zwei gleichen Vorträgen am Dienstag, 19.11. in Mosbach und Mittwoch, 20.11. in Möckmühl.

Soziale Revolte in Chile und reaktionäre Anti-Ökologie in der AfD Main-Tauber-Kreis

Die AfD Main-Tauber-Kreis, manche Rechtspopulisten und Rechtslibertäre suggerieren, der Aufstand der Massen in Chile richte sich nicht gegen soziale Ungleichheit, sondern gegen die CO2-Steuer, die zu einer Verteuerung der U-Bahn-Preise geführt habe. In ihrer Betrachtung lassen sie jedoch die realen sozialen Verhältnisse in Chile außen vor, im Gegenteil reden sie diese schön unter Bezugnahme auf den abstrakten Gini-Koeffizienten.

Ihr Beitrag zielt nicht auf Solidarität mit den Menschen in Chile, sondern hat vor allem die Funktion eines Bashings gegen Grüne und Mainstream-Medien. Dass dies eine völlig verkürzte Sichtweise ist, versucht unser ausführlicher Beitrag zu zeigen:

Soziale Revolte in Chile und reaktionäre Anti-Ökologie in der AfD Main-Tauber-Kreis

Es ist nicht „dieser ganze Klima-Terror“, der den Bürgern in Chile, Frankreich oder Deutschland „mittlerweile ihr tagtägliches Leben unbezahlbar macht“. Es ist der Terror des Kapitalismus, der Menschen zu Besitzenden und Besitzlosen macht, zu Vermögenden und Armen, zu Kaufkräftigen und Leuten, die jeden Pfennig mehrmals umdrehen müssen. Es ist der Terror des Kapitalismus, der ursprünglich allgemein zugängliche, öffentliche Güter und Allmenden privatisierte und weiter privatisiert, der andere Menschen von der Verfügung über diese Güter ausschloss und ausschließt, sodass sich diese Menschen dann im Kapitalismus als LohnarbeiterInnen verdingen müssen.

Die Hintergründe der Unruhen und die soziale Realität in Chile sind vielschichtiger, als es die AfD MTK und andere „wissenschaftlich“ weismachen wollen. Chile ist das OECD-Mitgliedsland mit der größten sozialen Ungleichheit. Ein Prozent der Bevölkerung besitzt fast ein Drittel des Reichtums. Die Hälfte der Bevölkerung verdient weniger als 400.000 Pesos im Monat, umgerechnet etwa 410 Euro. Strom, Wasser, Bildung, das Gesundheits- und Rentensystem sind fast komplett privatisiert. Öffentliche Einrichtungen erhalten nur wenig Unterstützung vom Staat. Dies hier näher auszuführen, sprengt den Rahmen dieses Beitrags. Wer sich aus einer solidarischen und subjektiven Perspektive (ohne Textlastigkeit) über die Revolte in Chile informieren will, dem sei folgendes Video empfohlen: https://player.vimeo.com/video/370474561

Wir hoffen auf eine solidarische Verbindung und gegenseitige Befruchtung der verschiedenen sozialen, ökologischen und emanzipatorischen Bewegungen. Ein solches Bündnis ist dringend nötig angesichts der anti-ökologischen Reaktion, die demagogisch soziale Fragestellungen beispielsweise gegen die Klimaschutzbewegung und „Fridays for Future“ ausspielen möchte. Umwelt- und Klimaschutzbewegungen benötigen aber auch ein soziales Fundament, um auf eine breite Akzeptanz zu stoßen. Die Thematisierung der sozialen Frage und Ökologie sollten keine Widersprüche sein.

Gegen die anti-ökologische Reaktion, für eine freie und solidarische Gesellschaft!

„Shame on you, Europe!“

Vortrag zum Sterben von geflüchteten Menschen und zur Seenotrettung im zentralen Mittelmeer

Am 21. Oktober 2019 wurde im ver.di-Bildungszentrum die Fotoausstellung „Angekommen“ des Fotografen Thomas Bollmann eröffnet. Im Rahmen dieser Veranstaltung hielt der ehrenamtlich arbeitende Seenotretter Olaf Oehmichen von der Organisation Sea-Eye einen Vortrag zur zivilen Seenotrettung im Mittelmeer. Die von ihm gezeigten Bilder und Videos von Einsätzen über die humanitäre Katastrophe und die Ignoranz der europäischen Öffentlichkeit schockierten und erschütterten die etwa 25 Besucherinnen und Besucher.

Ein ausführlicher Bericht zu dem Vortrag von Olaf Oehmichen findet sich hier: „Shame on you, Europe!“

Wer sich besser, genauer und noch ausführlicher über die Arbeit von Sea-Eye sowie zur Seenotrettung als durch diesen nachträglich geschriebenen Bericht informieren will oder wer dafür auch spenden will, kann dies hier tun: https://sea-eye.org/

Aufruf und Bericht: Kundgebung am Sonntag, 27. Oktober 2019 auf dem Marktplatz Mosbach

Stoppt den türkischen Einmarsch in der Demokratischen Konföderation Nordsyrien! Solidarität mit den Menschen in Rojava!

Für Sonntag, 27. Oktober 2019 hatte das örtliche Bündnis „Mosbach gegen Rechts“ gemeinsam mit Vertreter*innen der kurdischen Community zu einer Kundgebung gegen den Krieg in Nordsyrien aufgerufen. Nach Schätzung des Einsatzleiters der Polizei versammelten sich 150 bis 160 Menschen oberhalb des Marktplatzes vor der Stiftskirche Mosbach, nachdem Stadt und Polizei die Kundgebung nicht direkt auf dem Marktplatz erlauben wollten. Die Kundgebung verlief friedlich und ohne Zwischenfälle – wenn auch etwas durcheinander, da sie relativ kurzfristig angesetzt und dazu aufgerufen worden war. Die Teilnehmer*innen skandierten lautstark ihren Protest gegen den türkischen Einmarsch in Rojava und die aggressive Politik des türkischen Präsidenten Erdogan sowie ihre Unterstützung für die Revolution in Rojava.

Begonnen wurde die Kundgebung mit einer Schweigeminute für die Gefallenen, welche bei der Verteidigung gegen die Besatzung ihr Leben gelassen haben. Die Auftaktrednerin des kurdischen Vereins zeigte die humanitäre Tragödie auf, verurteilte die Verantwortungslosigkeit der internationalen Akteure, prangerte massive Menschenrechtsverletzungen an und rief zur Verteidigung der Revolution in Rojava auf. Vertreter des Bündnisses „Mosbach gegen Rechts“ gingen in ihren Reden auf das Gesellschaftsmodell Rojava mit seinen zentralen Pfeilern basisdemokratische Selbstverwaltung, multiethnisches Zusammenleben, Gleichberechtigung der Geschlechter und ökologische Ansätze ein. Dies sollte vor allem den nicht-kurdischen Besucher*innen einen besseren Eindruck vermitteln, warum es gerade für Demokrat*innen wichtig ist, für Rojava einzustehen. Außerdem wurde vor einer ethnischen Säuberung in Nordsyrien gewarnt und  die Bundesregierung wurde aufgerufen, ihre Komplizenschaft mit der türkischen Regierung zu beenden.

Abschließend wurde die Freiheit von Çiçek Kobanê gefordert, einer YPJ-Kämpferin, welche von dschihadistischen Verbündeten der Türkei entführt wurde. Unter den Teilnehmer*innen wurde Geld für die Arbeit der Hilfsorganisation Medico International in Rojava gesammelt. Hierbei kamen fast 600 Euro zusammen.

Siehe auch: https://anfdeutsch.com/aktuelles/kundgebung-fuer-rojava-in-mosbach-14979

Die drei Redebeiträge auf der Kundgebung: Gemeinsam Rojava verteidigen!

 

Der Aufruf zu der Kundgebung am 27. Oktober 2019

Mosbach (Marktplatz), Sonntag, 27. Oktober, 15 Uhr:

Kundgebung gegen den Krieg in Nord-Syrien

„Mosbach gegen Rechts“ und Leute aus der kurdischen Community rufen zu dieser Solidaritätskundgebung gegen den völkerrechtswidrigen Krieg der Türkei und islamistischer Milizen in Rojava/Nord-Syrien auf. Kurdische und multiethnische Einheiten hatten die Terrororganisation IS besiegt, und die Selbstverwaltung in Rojava hat ein friedliches Zusammenleben zwischen den Völkern aufgebaut. Seit dem türkischen Einmarsch herrscht jedoch ein humanitärer Ausnahmezustand. Alle Bürger und Bürgerinnen, die sich für ein friedliches Zusammenleben in Nordsyrien einsetzen wollen, sind aufgerufen, mit ihrer Teilnahme an der Kundgebung ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Bringt Eure Freundinnen und Freunde mit.

Auf der Kundgebung sind keine Fahnenstangen über ein Meter Länge und auch keine Fahnen der PKK, von PKK-Nachfolgeorganisationen und keine Bilder von Abdullah Öcalan erlaubt. „Mosbach gegen Rechts“ bittet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, diese Auflagen unbedingt zu beachten, sich nicht provozieren zu lassen und für einen gewaltfreien und friedlichen Ablauf der Kundgebung zu sorgen.

Die Demokratische Konföderation Nordsyrien (in vielen Medien oft herablassend bezeichnet als kurdische Milizen, die ein Gebiet in Nordsyrien kontrollieren) steht für viele Werte, die wir teilen: Gleichberechtigung der Geschlechter, Kampf gegen sexistische Gewalt, breite gesellschaftliche und politische Beteiligung von ethnischen oder religiösen Minderheiten, Ansätze basisdemokratischer und wirtschaftlicher Selbstverwaltung, Autonomie statt Nationalstaatlichkeit, Berücksichtigung von Ökologie usw. Wir wissen, dass nicht alles optimal umgesetzt werden kann, schätzen aber das Engagement großer Teile der Gesellschaft in Nordsyrien, nachdem sie 2014/2015 in tiefer Bedrängnis und mit vielen Opfern den Vormarsch des Islamischen Staates gestoppt und zurückgeschlagen hatten.

Der türkische Staat will dieses großartige Experiment an seiner Grenze aber nicht zulassen und verunglimpft es als „Terrorismus“. Der türkische Präsident hat versucht, der Europäischen Union den Einmarsch des türkischen Militärs und islamistischer Milizen in Nordsyrien damit schmackhaft zu machen, indem er die Ansiedlung von Hunderttausenden Flüchtlingen in Nordsyrien ankündigt, die bisher in Lagern in der Türkei untergebracht waren und wofür die EU bisher fast 3 Milliarden Euro bezahlte, damit sie nicht nach Europa weiterziehen. Blaupause für die Vorgehensweise ist der türkische Einmarsch in der bis dahin vom Krieg verschonten nordsyrischen Provinz Afrin vor anderthalb Jahren, auf welchen Flucht und Vertreibung von Kurden und anderen Menschen folgten.

Zwischen „Fridays for Future“ und Rechtspopulismus: Bildung stärken!

Im Rahmen der Reihe „Abende für Vielfalt und Demokratie“ laden das ver.di Bildungszentrum Mosbach und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Mosbach für Mittwoch, 6. November 2019 ins ver.di-Bildungszentrum zu einer Podiumsdiskussion ein. Bernhard Edin, der GEW-Kreisvorsitzender Neckar-Odenwald, schreibt in der Einladung:

Jeden Freitag gehen SchülerInnen gegen den Klimawandel auf die Straße. In den Medien stehen sie im Zentrum der Aufmerksamkeit und werden als politischste Generation seit langem gefeiert. Demokratie- und Politikverdrossenheit scheinen von gestern. Und doch hält es das Kultusministerium von Baden-Württemberg für nötig, mit Beginn des Schuljahres 2019/2020 einen Leitfaden „Demokratiebildung“ verbindlich an allen allgemeinbildenden Schulen einzuführen. Vielleicht weil gleichzeitig Studien und Berichte von Lehrenden den Verdacht nähren, dass in den Schulen Ressentiments gegenüber Minderheiten zunehmen und rechtspopulistische Ideen Anklang finden. Die GEW begrüßt grundsätzlich jede Stärkung der Demokratiebildung. Doch hinterfragt Erhard Korn die Alltagstauglichkeit des Leitfadens und kritisiert, dass mit diesem Ansatz nicht der „ernsthaften Krise der Demokratie“ begegnet werden könne, „die dem autoritären Nationalismus erst seine Wirkungsmöglichkeit eröffnet“ habe.

Ob es der Landesregierung wirklich ernst ist mit dem in dem Leitfaden postulierten Ziel, „junge Menschen zur Demokratie anzustiften und sie für die Demokratie zu gewinnen“, ob und wie es Lehrenden gelingen kann, ihre SchülerInnen gegen autoritäre, undemokratische Ideologien zu immunisieren, wollen wir auf einem Podium diskutieren mit

– Erhard Korn, Leiter des GEW-Vorstandsbereich Grundsatzfragen
– Lenadro Cerqueira Karst, Vorsitzender des Landesschülerbeirats BW
– Dr. Sandra Detzer, Landesvorsitzende der Grünen in BW
– Daniel Eisenbeiser, Realschullehrer an der Realschule Obrigheim, Verbindungslehrer und Lehrbeauftragter für Wirtschaft am Ausbildungsseminar Mannheim
– Andreas Klaffke, Gymnasiallehrer am Nicolaus-Kistner-Gymnasium Mosbach, Lehrbeauftragter für GK/Wirtschaft am Ausbildungsseminar HN (Gymnasien)

Veranstaltungen befreundeter Organisationen

Interkulturelle Wochen 2019 des Diakonischen Werks NOK Fachbereich Flucht und Migration:

Interkulturelle Wochen im Kirchenbezirk Mosbach 2019, veranstaltet vom Diakonischen Werk Neckar-Odenwald-Kreis Fachbereich Flucht und Migration:
https://www.flumi-diakonie.de/
https://www.flumi-diakonie.de/…/Flyer_IKW_Mosbach_2019_AEV_…

Für die Teilnahme an Veranstaltungen wird gebeten, sich anzumelden: www.flumi-diakonie.de oder asyl@diakonie-nok.de oder telefonisch 06261 92 99 200.

Das Motto der diesjährigen Interkulturellen Wochen macht auf eine Dimension im Zusammenleben mit Menschen anderer Herkunft und Religionen aufmerksam, die über das moralische Gebot der Freundlichkeit, der Fürsorge und Unterstützung – kurz: der „Gastfreundlichkeit“ – hinausgeht, nämlich „Zusammen leben, zusammen wachsen“. Durch die Begegnung von Menschen, Kulturen und Religionen können Vorurteile abgebaut werden und Ängsten kann begegnet werden. Lassen wir uns nicht anstecken von einer Kultur der Angst, der Angst vor den „Anderer“ und der Angst vor der Zukunft. Geben wir stattdessen Zeugnis von unserer Hoffnung, gestalten wir unsere Gesellschaft mit Mut und Zuversicht. Im Rahmen der Interkulturellen Wochen im Kirchenbezirk Mosbach wurde ein buntes und abwechslungsreiches Programm gestaltet.
Die Interkulturelle Woche startete am 19.09. mit dem Film „Rabbi Wolff – ein Gentleman vor dem Herrn“ im Kino Neckarelz und einem Gottesdienst am 22.09. in der Stiftskirche.
Am Donnerstag, den 26.09. kommt die Psychotherapeutin Zwannet Steenstra zur Ehrenamtstankstelle in den Diakonietreff. Thema des Abends ist „Resilienz im Ehrenamt“. Den wie sagte schon Voltaire: „Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen glücklich zu sein“. Was ist aber Resilienz und wie kann ich sie fördern? Dieser Frage gehen die Referentin und die Teilnehmer an diesem Abend nach damit es statt „Burn Out“ heißen kann – „light on!“.
Am Freitag, den 27.09. findet 19.30 Uhr die Lesung mit dem Autor Kerem Scharmberger statt. Er hat sein Buch „Die Kurden – ein Volk zwischen Unterdrückung und Rebellion“ im Gepäck. Nach der Lesung ist Zeit um mit dem Autor und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Der Samstag, 28.09. startet um 12.00 Uhr mit einem Friedensgebet.
Um 13.00 Uhr dürfen dann die Kinder gemeinsam mit dem Kindertheater Radelrutsch tanzen und singen. Das Radelrutsch kommt mit seinem interaktiven interkulturellen Musiktheater „Mein Land – Dein Land“ ins Martin-Luther-Haus.
Am Dienstag, den 01.10. sind Sie 18.00 Uhr zur Eröffnung der Fotoausstellung „Angekommen – Angenommen?“ ins Foyer des Landratsamtes eingeladen. Das Projekt beschäftigte sich mit der Frage: „Was ist Integration? – Wo ist Sie bei uns gelungen?“ Ehrenamtliche, Vertreter der Presse, der Integrationsbeauftragte des Landratsamtes Peter Wojcik und die Fachberaterin Ehrenamt Ines Neubauer vom Diakonischen Werk gestalten die Kunstaustellung. Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund erzählen hier anhand eines Fotos ihre Geschichte.
Am 10.10. heißt es dann wieder ab 20 Uhr im Kino Neckarelz „Vorhang auf“. Gezeigt wird er Film – Die Arier – von Mo Asumang. In dem Dokumentarfilm geht die afrodeutsche Mo Asumang auf eine persönliche Reise um herauszufinden, was hinter der Idee vom „Herrenmenschen“ steckt.
Die Interkulturelle Woche schließt am 25.10. mit der Denkwerkstatt „Christliche Werte und Rechtspopulismus“ ab 18.00 Uhr im evangelischen Gemeindehaus Obrigheim. In der Werkstatt geht es um den persönlichen Umgang mit rechten Parolen. Im Horizont eines christlichen Menschenbildes werden Übungen gemacht, Informationen gegeben und eine eigenverantwortliche Reaktion durch Rollenspiele geübt.
Aufgrund von begrenzten Kartenkontingenten ist eine Anmeldung für die meisten Veranstaltungen erforderlich. Sie können sich direkt online anmelden. Alle Veranstaltungen sind kostenfrei.
Einzige Ausnahme ist das Kindertheater Radelrutsch. Kinder haben freien Eintritt, Begleitpersonen kosten 2€. Die Karten erhalten Sie beim Empfang des Diakonischen Werkes.

 

9. Oktober 2019: Demokratie und Glauben – Christentum und Islam – Austausch, Diskussion und Begegnung – mit Pfarrer Lallathin und Harun Demircan

Mosbach gegen Rechts weist auf folgende Veranstaltung der Reihe „Abende für Vielfalt und Demokratie“ im ver.di-Bildungszentrum Mosbach hin:
Demokratie und Glauben – Demokratie und daran glauben! Gemeinsamkeiten zwischen Islam und Christentum – wir sprechen miteinander und nicht übereinander.
Im öffentlichen Diskurs, den Medien, der Politik und vielleicht auch im Privaten wird des Öfteren die Frage gestellt, ob der Islam zu Deutschland gehört. Zudem werden die angeblichen Unterschiede und Andersartigkeit hervorgehoben und als unüberbrückbare
Differenzen dargestellt. Ist dem so? Wir laden dazu ein, über Gemeinsamkeiten von Christentum und Islam zu sprechen.
Welche Werte vertreten wir, wie funktioniert das Zusammenleben in der Gesellschaft. Am Beispiel der 10 Gebote lassen sich schon erste Gemeinsamkeiten erkennen: Gott ehren, du sollst nicht töten, du sollst nicht lügen, du sollst nicht stehlen etc.
Wir würden uns freuen, wenn durch einen offenen und respektvollen Dialog evtl. vorhandene Ängste oder Vorbehalte abgebaut werden. Vielleicht gewinnt die oder der eine oder andere neue Freunde? Ganz nach dem Motto: Jeder Fremde ist ein Freund, den man noch nicht kennt.
Wann: Mittwoch, 09.10.2019, 19.00 Uhr bis ca. 21.30 Uhr
Wo: ver.di-Bildungszentrum Mosbach, Am Wasserturm 1-3, 74821 Mosbach
Was: Austausch und Diskussion mit Herrn Demircan und Herrn Pfarrer Lallathin
Infos: 0176 20253068
Der Eintritt ist frei und eine Anmeldung ist nicht erforderlich. An dem Abend werden Baklava, Namura und Zwiebelkuchen zum Probieren angeboten.
Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, Bildungszentrum Mosbach

 

30. Oktober 2019, Walldürn: Filmvorführung „Kleine Germanen“

Filmvorführung der Löwen-Lichtspiele Walldürn in Kooperation mit der Initiative „Herz statt Hetze Neckar-Odenwald-Kreis“
KLEINE GERMANEN macht in einer ungewöhnlichen Verbindung aus Dokumentar- und Animationsfilm auf ein kaum aufgearbeitetes Problem unserer Gesellschaft aufmerksam, das mit Blick auf die rechten Gewaltausschreitungen der letzten Zeit aktueller denn je ist: Kinder, die in einem demokratiefeindlichen Umfeld aufwachsen und nach dogmatischen Prinzipien rechtsextremer Ideologie erzogen werden.
Der Dokumentarfilm blickt aber auch über die traditionellen Strukturen rechtsextremer Gruppierungen hinaus in einen Teil unserer Mittelstandsgesellschaft, der immer stärker von rechtspopulistischen Strömungen geprägt ist – und konfrontiert den Betrachter mit Protagonisten, die ihre Kinder im Geist einer demokratiefeindlichen Welt erziehen. Die Animationsgeschichte zieht sich als „roter Faden“ durch den Film und erzählt das tragische Leben der persönlich betroffenen Elsa nach: Als Kind hat sie mit dem geliebten Opa Soldat gespielt. Mit ausgestrecktem rechten Arm hat sie „Für Führer, Volk und Vaterland!“ gerufen und war ganz stolz darauf. Heute blickt sie auf eine Kindheit zurück, die auf Hass und Lügen gebaut war und versucht zu verstehen, was diese Erziehung aus ihr und ihren eigenen Kindern gemacht hat.
Auf eindrucksvolle und klug reflektierte Weise erzählt der Dokumentarfilm KLEINE GERMANEN von Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh von Kindern und Jugendlichen, die in einem rechten, neonazistischen Umfeld aufwachsen.
Als Kind denkt man nicht an Politik. Man denkt nicht an Vorurteile, an Ideologien, an Religion, an Abgrenzung. Als Kind ist man unschuldig. Doch man orientiert sich an dem, was die Erwachsenen sagen, denken, nach außen tragen. Und übernimmt ihre Muster – in einer Spirale, die sich immer weiter nach oben schraubt. Die Filmemacher Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh erzählen in ihrem Dokumentarfilm KLEINE GERMANEN die Geschichten von Kindern, die in einem rechten, neonazistischen Umfeld aufwachsen. Um all die verschiedenen Schicksale, die sie in der Recherche aufgegriffen haben, deutlich zu machen, wählen sie eine animierte Geschichte, die das Schicksal von Elsa verdeutlicht. Sie wächst unter der Obhut ihres Opas, eines ehemaligen SS-Soldaten, auf und wird von ihm mit „germanischem“ Gedankengut geimpft. Ihr ganzes Leben lang wird davon geprägt sein – bis sie spürt, dass ihre eigenen Kinder unter ihrer eigenen Haltung leiden müssen. Und sie den Ausstieg wählt. Geiger und Farokhmanesh stützen diesen sich aus vielen Geschichten speisenden Handlungsstrang mit Gesprächen mit rechten Aktivisten, die von den Filmemachern nie vorgeführt werden. In offenen Interviews erzählen sie von ihrer eigenen Kindheit und von ihrer jetzigen Position als Eltern, die ihren Kindern Werte vermitteln wollen. Die Filmemacher halten sich in ihrer Kommentierung zurück, lassen die Äußerungen stehen und nehmen den Zuschauer ernst in seinem eigenen Urteilsvermögen. Gleichzeitig wird durch die sehr kluge Montage, die erläuternden Expertenstandpunkte und die immer bedrückender werdende Geschichte Elsas auch die kritische Haltung von Geiger und Farokhmanes deutlich. Um das Spektrum der Ansichten zu komplettieren, kommen auch junge Menschen zu Wort, die den Ausstieg rechts geschafft haben und sich von der Ideologie ihrer Eltern lösen konnten, als sie als junge Erwachsene mit Andersdenkenden in Berührung gekommen sind. Der Film endet mit der Mahnung, dass sich Geschichte wiederholen kann. Nicht nur im großen gesellschaftlichen Rahmen. Sondern auch und gerade im Kern der Familie. Ein kluger, reflektierter und gerade in der heutigen Zeit immens wichtiger Film.
Zum Abend:
19:00 Uhr Impulsvortrag zu Kubitscheck und der Wiking Jugend
19:30 Uhr Film Vorführung

Vielleicht die letzte Chance vor dem globalen Kollaps

Rund 800 Menschen auf der ersten Mosbacher Klimademo

Kurz vor dem Auftaktkundgebung um 5 Minuten vor 12 auf dem Bahnhofsvorplatz in Mosbach. Demoanfang mit Fronttransparent „Zusammen für Klimaschutz“ durch die Bahnhofsunterführung.

Zur ersten Mosbacher Klimademo am 20. September 2019, dem bundesweiten Klimastreiktag, kamen rund 800 Teilnehmerinnen und Teilnehmer – jung und alt. Die Erwartungen des Veranstalters, die Grüne Jugend Mosbach, wurden deutlich übertroffen. Damit ist „Fridays for Future“ endlich auch in Mosbach angekommen, nachdem die Mitorganisatorin Emily Nau, die nebenbei die jüngste Mosbacher Stadträtin ist, es zur Notwendigkeit erklärt hatte, „flächendeckend aktiv werden“ zu müssen. Gerade die jüngeren Redner und Rednerinnen, unter anderem die 15-jährige Franziska Wachter, verstanden es mit erfrischenden Beiträgen die Zuhörer und Zuhörerinnen zu begeistern. Siehe auch: https://www.facebook.com/Mosbacher-Klimademo-114468153262873/

Zur Berichterstattung in der Rhein-Neckar-Zeitung Mosbach und den Fränkischen Nachrichten siehe https://www.rnz.de/nachrichten/mosbach_artikel,-mosbach-wir-muessen-flaechendeckend-aktiv-werden-_arid,467757.html und https://www.fnweb.de/fraenkische-nachrichten_artikel,-mosbach-auch-die-dinosaurier-dachten-sie-haetten-zeit-_arid,1522807.html und https://www.fnweb.de/fraenkische-nachrichten_artikel,-mosbach-viele-hundert-streikende-in-mosbach-_arid,1522031.html

Demonstrationszug über die B 27 durch Mosbach

Insgesamt gingen in Deutschland 1,4 Millionen Menschen verteilt auf über 600 Demonstrationen auf die Straße. In Berlin waren es 270.000 Menschen, in Heidelberg 10.000 Menschen, über 5.000 in Würzburg, 2.500 in Heilbronn, 500 in Tauberbischofsheim, 300 in Wertheim, 400 in Bad Mergentheim, 500 in Sinsheim, 8.000 in Mannheim, 1.500 in Schwäbisch Hall und weitere Hunderte in Möckmühl, Künzelsau und anderswo in der Region.

In der Aktionswoche vom 20.-28. September 2019 wurden bei mehr als 6.100 Aktionen in 185 Ländern 7,6 Millionen Teilnehmerinnen und Teilnehmer gezählt. Dabei lag Italien mit 1,5 Millionen „Steikenden“ vor Deutschland an erster Stelle. In London nahmen 100.000 Menschen teil, in Brüssel 15.000, 35.000 in Den Haag, 80.000 in Wien, 100.000 in Bern, 15.000 in Paris, in Australien mindestens 300.000, 170.000 in Neuseeland, Tausende in Südafrika, 100 in Kabul (Afghanistan), Hunderte in Kampala (Uganda), 100 in Myanmar, Hunderte im Libanon, 1.000 in Tel Aviv, 250.000 mit Greta Thunberg in den USA, fast 500.000 in Montreal und mindestens weitere 100.000 in Kanada sowie viele weitere Menschen in anderen Städten.

Dr. Uwe Graser, seit über 30 Jahren am Max-Planck-Institut, warnt schon seit vielen Jahren vor dem Klimawandel. Thomas Schaupp erläuterte die Bedeutung einer Steigerung der Stromerzeugung aus regenerativen Energien (Wind und Sonne).

„Wir sind die letzte Generation, die dies jetzt noch verhindern kann.“

Wir haben Dr. Uwe Graser gefragt, ob wir seinen wissenschaftlichen Beitrag auf unsere Homepage stellen dürfen. Bei einer längerfristigen Veröffentlichung im Internet könnten allerdings Änderungen oder Ergänzungen des Beitrags nötig werden, weshalb er eine Veröffentlichung ablehnte. Daher schickte er uns lieber einen Link zu einem aktuellen Video-Beitrag (19.9.2019) von Stefan Rahmstorf, der die dramatische Situation auf dem Globus sehr gut und verständlich zusammenfasst: https://www.zeit.de/video/2019-09/6087750314001/klimawandel-was-wenn-wir-nichts-tun

Textversion:

„Der Klimawandel ist keine Zukunftsmusik, sondern wir stecken bereits mitten drin. Sehr viele Menschen spüren ja auch bereits die Folgen.

Im Pariser Klimaabkommen haben sich alle Staaten der Erde darauf geeinigt, Anstrengungen zu unternehmen, um die globale Erwärmung möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen. Das erfordert allerdings sehr rasche Emissionsminderung weltweit auf Nullemissionen deutlich vor der Mitte dieses Jahrhunderts. Physikalisch, technologisch ist dies durchaus zu schaffen, politisch erscheint es jedoch sehr unwahrscheinlich.

In Paris haben die Staaten auch Selbstverpflichtungen abgegeben, wie viel sie ihre Emissionen verringern wollen, die reichen aber bei weitem nicht aus, um die Erwärmung auch nur auf zwei Grad zu begrenzen, sondern damit landen wir eher bei drei Grad. Viele der genannten Folgen der globalen Erwärmung steigen einfach immer weiter an, je wärmer es wird. Es gibt aber auch Teile des Klimasystems, die regelrecht umkippen können, und wo beim Überschreiten bestimmter kritischer Kipppunkte unumkehrbare und drastische Änderungen im System auftreten.

Die großen Eisschilde auf Grönland und auf der Antarktis haben Kipppunkte, ab denen der Totalverlust dieser Eismassen zu einem Selbstläufer wird durch einen Teufelskreis. Bei Grönland liegt dies daran, dass, wenn das Eis dünner wird, es dadurch in niedrigere und damit wärmere Luftschichten kommt. Wenn diese Eismasse verloren geht, wird der globale Meeresspiegel um sieben Meter ansteigen. Kritischer Punkt liegt hier irgendwo zwischen heute und einer Erwärmung um drei Grad. Bei dem Westantarktischen Eisschild ist der Kipppunkt wahrscheinlich bereits überschritten und drei Meter globaler Meeresspiegelanstieg sind einprogrammiert. Zum Glück funktioniert das recht langsam. Damit ist aber die Existenz vieler großer Küstenstädte gefährdet.

Auf der Nordhalbkugel gibt es riesige Permafrostflächen, gefrorener Boden, der etwa 1,8 Billionen Tonnen Kohlenstoff speichert. Wenn diese Permafrostböden auftauen, dann wird dabei Methan frei. Und Methan ist ein sehr potentes Treibhausgas, pro Molekül sogar 25 Mal stärker als CO2, und wir beobachten jetzt schon ein zunehmendes Auftauen von Permafrostböden, schneller als dies von vielen Forschern erwartet worden ist.

Wenn Wälder gerodet werden oder verbrennen, dann wird der im Holz oder auch in den Böden gespeicherte Kohlenstoff freigesetzt, und von dem bisherigen CO2-Anstieg in der Atmosphäre ist etwa ein Viertel auf Entwaldung zurückzuführen, drei Viertel auf die Verbrennung fossiler Brennstoffe. Gleichzeitig werden Wälder wie der Amazonas-Wald oder die großen borealen Wälder des Nordens auch durch den Klimawandel wiederum gefährdet.

Wenn wir nichts tun, dann landen wir bis Ende des Jahrhunderts bei vier Grad. Und das ist dann ein wirklich komplett anderer Planet. Wir können uns diese vier Grad wärmere Welt eigentlich kaum vorstellen. Da werden Kipppunkte überschritten sein, möglicherweise ganze Kaskaden von Kipppunkten, die dann wie Dominosteine einander auslösen.

Bei vier Grad Erwärmung werden wir sehr häufig nie dagewesene Wetterextreme erleben. Wir müssten von den Küsten ständig zurückweichen, weil der Meeresspiegel immer schneller ansteigt. Es würde wahrscheinlich zu großen Ernteausfällen und Hungersnöten kommen, zu riesigen Flüchtlingsbewegungen. Die UN rechnet mit 200 Millionen Klimaflüchtlingen. Es werden sich Krankheiten wie Dengue Fieber und Malaria weiter ausbreiten.

Die Kosten, wenn man es wirtschaftlich betrachtet, werden sicher ein Vielfaches höher sein als Klimaschutzkosten. Um das zu vermeiden – viele Kollegen, die ich kenne, glauben, dass wir sowieso niemals auf vier Erwärmung kommen würden, weil uns vorher die Wirtschaft zusammenbricht und die Welt in Konflikten versinken würde… Dass es nicht dazu dazu kommt, das liegt jetzt in unserer Hand. Wir sind die letzte Generation, die dies jetzt noch verhindern kann.“

Strom aus Bürgerenergiegenossenschaften

Thomas Schaupp für die Genossenschaft „BürgerEnergie Neckar-Odenwald eG“ (BEG) warb für die Möglichkeit einer klimafreundlichen Deckung des Energiebedarfs durch Stromerzeugung aus regenerativen Energien (Wind und Sonne). Dazu müsse aber fünf Mal so viel Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt werden als heute, wenn auch der Wärmemarkt und Verkehr mit Strom versorgt werden solle. Dafür plane die Bundesregierung aber viel zu langsam: der Ausbau der Stromerzeugung aus regenerativen Energien müsse vierfach schneller gehen als in den letzten Jahren. Dazu müsse auch im Neckar-Odenwald-Kreis und in Mosbach nach Ausweitung der Kapazitäten gesucht werden. Das sei nicht nur Sache des Gemeinderats, denn auch jeder junge Mensch könne und solle sich einbringen. Die Elektrotechnik-Branche wird dabei eine wichtige Rolle spielen und benötige Nachwuchs. Schaupp warb dafür, dies bei der Berufswahl in Betracht zu ziehen, in einem Beruf tätig zu werden, wo man von Montag bis Freitag „for future“ arbeite.

Thomas Schaupp möchte Mut machen und aufzeigen, dass es möglich sei, dass Deutschland klimaneutral werden könne. Schaupp und Florian Dold warben gleichzeitig für die Mitwirkung in Bürgerenergiegenossenschaften als konkrete Möglichkeit, für die regenerative Erzeugung von Strom aus Wind und Sonne tätig zu werden: http://www.buergerenergie-neckar-odenwald.de/

Links: die Schülerin Franziska Wachter. Rechts: Patrick Herter von „Mosbach gegen Rechts“.

Die AfD und der Klimawandel

In unserem Beitrag von „Mosbach gegen Rechts“ verteidigte Patrick die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel gegen ideologisch oder politisch motivierte Angriffe von Klimawandelleugnern und Rechtspopulisten:

„Bei vielen der rechtspopulistischen Parteien in Europa sucht man vergeblich nach Maßnahmen, den Klimawandel aufzuhalten, doch speziell die AfD nimmt bei diesem Thema eine besonders krasse Position ein. Die Partei, die sonst „Wissenschaft statt Genderideologie“ fordert, will jetzt von Wissenschaft überhaupt nichts mehr wissen. Sie spricht in Bezug auf den menschengemachten Klimawandel von einer „ungesicherten Datenbasis“, während die wissenschaftlichen Ergebnisse mit 97%iger Sicherheit eine klare Sprache sprechen. Mit solcher Gewissheit ist sonst vielleicht gerade so die Relativitätstheorie bestätigt.

Es ist ja nicht falsch, Fragen zu stellen. Wie man etwa zu diesen Erkenntnissen kommt. Woher man weiß, dass es einen Klimawandel gibt und dass dieser vor allem vom Menschen verursacht ist. Im Gegenteil: Es ist sogar sehr gut sich darüber zu informieren. Man muss aber einsehen, dass die Wissenschaft auf diese Fragen klare Antworten hat. Und genau das tun Klimaleugner nicht. Sie leugnen wissenschaftliche Fakten, die nicht in ihre Ideologie passen. Mit irgendwelchen Pseudoerklärungen versuchen sie, Tatsachen, die in der Klimaforschung unumstritten sind, zu widerlegen und damit die angebliche Klimalüge zu entlarven.

Ein gängiges Argument ist dabei zum Beispiel, dass sich das Klima schon immer gewandelt habe und es schon immer Kalt- und Warmzeiten gegeben habe. Suggeriert wird dadurch, dass der aktuell beobachtete Klimawandel nicht durch den Menschen gemacht, sondern völlig natürlich sei. Das ist wie als würde man sagen: Krebs gab es schon immer, deshalb kann Rauchen keinen Krebs verursachen. Tatsächlich verläuft die Erderwärmung aktuell schneller als in den vergangenen zweitausend Jahren, und verschiedene Muster im Klimasystem deuten alle darauf hin, dass der große Ausstoß von Treibhausgasen durch den Menschen dafür verantwortlich ist.

Ein anderer Einwand, ist, dass das Intergovernmental Panel on Climate Change, kurz IPCC, worauf sich viele Leute als Quelle beziehen, ein Lobbyverein sei, der politische Ziele verfolge. Deshalb sei den Ergebnissen, zu denen der IPCC kommt, nicht zu trauen. Allerdings betreibt der IPCC überhaupt keine eigenständige Forschung, sondern fasst lediglich in regelmäßigen Abständen den Stand der Klimaforschung zusammen. Allen Aussagen, die der IPCC trifft, liegen Forschungsergebnisse von unabhängigen Wissenschaftlern zugrunde.

Aber das und all die anderen Tatsachen sind den Klimawandelleugnern egal. Zumindest einige von ihnen wissen wahrscheinlich auch davon. Sie haben keine ernsthaften, wissenschaftlichen Bedenken.

So eine Leugnung von Fakten hat immer einen politischen oder ideologischen Hintergrund. Niemand wacht morgens auf und denkt sich: „Ja, ich leugne jetzt den wissenschaftlichen Konsens über die Atomstruktur.“ Genauso wie manche Kreationisten die Urknall- und Evolutionstheorie leugnen, weil das nicht mit ihrem Bild der Schöpfung zusammenpasst, verfolgen Klimaleugner kein wissenschaftliches Ziel, sondern ein ideologisches beziehungsweise politisches.

Im Falle der AfD ist das, ähnlich wie teilweise bei der Flüchtlingspolitik, aus dem Klimawandel ein Thema zu machen, bei dem sich mal wieder zeigt, wie die Mainstreamparteien durch ihre links-grün-ideologische Politik das Volk hintergehen und Deutschland kaputtmachen würden, sodass die AfD als einzige wählbare Partei übrig bleibe. Denn nur sie habe die Lügen über den Klimawandel durchschaut und würde, sobald an der Macht, alle Maßnahmen zum Klimaschutz sofort beenden und damit den „Terror“ stoppen, dem die Bevölkerung durch CO2-Reduzierungsmaßnahmen und Ähnliches ausgesetzt ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Wer die AfD unterstützt, unterstützt nicht nur eine Partei voller Rechtsradikaler, sondern auch eine Partei, die nichts gegen ein Problem tut, ja es sogar leugnet, das – und auch da ist sich die Wissenschaft einig – wenn es nicht gelöst wird, zerstörerische Folgen für die ganze Welt hat. Das hat nichts mehr mit demokratischer Vielfalt oder so zu tun. Fakten unterliegen keiner demokratischen Debatte. Über Fakten kann man nicht diskutieren. Diskutieren kann man lediglich darüber, was für Konsequenzen man aus den Fakten zieht. Wobei im Falle des Klimawandels, angesichts der drohenden Folgen klar sein sollte, was die Konsequenz sein muss.“

Siehe auch den Aufruf von Mosbach gegen Rechts zur Unterstützung der 1. Mosbacher Klimademo: https://mosbach-gegen-rechts.de/2019/09/13/20-september-f4f-mosbach/

Timo Riedinger und Lena-Marie Dold von den Organisatoren der Demonstration

Für die Initiative AtomErbe Obrigheim rief Arno Huth die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Kundgebung auf, den Mosbacher Appell zur Abschaffung von Atomwaffen zu unterschreiben. Die Initiative wird demnächst mit dem Anliegen an den Oberbürgermeister, die Stadt Mosbach und die Bundesregierung herantreten. Zu dem Appell siehe: https://mosbach-gegen-rechts.de/mahnwache-redebeitrag-hiroshimatag-2019/

Die Wahrheit über Gretas Atlantiküberquerung

20.9.2019, 5 Minuten vor 12 Uhr

Lügen, Unterstellungen, Paternalismus, Beleidigungen, Gehässigkeiten, Missgunst

Wer in den letzten Wochen die Berichterstattungen von Rechtspopulisten und sogenannten Klimaskeptikern in deren „sozialen“ und anderen Online-Medien über die Atlantikfahrt von Greta Thunberg verfolgt hat, konnte auf zahlreiche Lügen, Unterstellungen, Gehässigkeiten und bevormundenden Paternalismus stoßen. Zweck ist Verunsicherung hervorzurufen sowie „Fridays for Future“ (F4F) zu verunglimpfen und lächerlich zu machen: die Kinder von F4F seien fremdgesteuert, hätten keinen eigenen Willen, würden instrumentalisiert, seien dumme „Schulschwänzer“ und hätten keine Ahnung.

Foto: Leonhard Lenz, Wikimedia Commons, gemeinfrei

Greta Thunberg in den Fängen einer Weltverschwörung

Vielfach wurde ein Bildchen geteilt (unter anderem von einem Mosbacher AfD-Gemeinderat), welches ein Segelboot zeigt, auf dessen Segel der Schriftzug „Edmond de Rothschild“ steht (jüdischer Bankier, 1845-1934). Handschriftlich ist angemerkt: „Dieser Moment wenn Du begreifst das Du mit nem Rothschild-Boot unterwegs bist #Pariser Klimabanker Agenda“. Suggeriert wird, ohne es direkt auszusprechen: Greta Thunberg bzw. F4F sind Teil der NWO (Neuen Weltordnung), einer angeblich globalen Verschwörung vor allem reicher Juden gegen die Völker der Welt.

Tatsächlich stammt das Foto des Bootes aber aus dem Jahr 2015, bevor es verkauft und umgetauft wurde. Die Behauptung, Greta Thunberg segele mit einem „Rothschild-Boot“, ist also falsch!

Ist die „Klima-Göre“ auf den Azoren in den Flieger umgestiegen?

Während der Reise wurden weitere Zweifel gestreut und unter Berufung auf den Verschwörungstheoretiker Gerhard Wisnewski suggeriert: „Der seltsame Kurs gibt zu denken: Wurde die Klima-Göre Greta Thunberg etwa von Bord der Segelyacht Malizia II geholt? … Der Sinn des Ganzen könnte darin liegen, dass man in New York nur eine frische und ausgeruhte Greta vorzeigen möchte und nicht ein seekrankes Mädchen, … Schließlich wartet da ja schon die Pressemeute und will eine topfitte Greta sehen. Es wäre also sicherer, sie die andere Hälfte der Reise von den Azoren aus mit dem Flugzeug zu befördern.“

Atlantiküberquerung – überwacht von einem Dutzend militärischer Flugzeuge

Auf einem Sharepic wird behauptet, dass die Klima-Aktivistin Greta Thunberg bei ihrer Atlantikreise von mehr als einem Dutzend militärischer Flugzeuge „mit weit mehr als 100 Einsatzflügen“ überwacht wird: „Das wird die mit Abstand teuerste Atlantiküberquerung der Neuzeit! Mit dem höchsten CO2-Verbrauch seit dem 2. Weltkrieg!“ Eine Recherche verweist allerdings auch diese angeblichen „Fakten“ in das Reich der Märchen.

Greta Thunberg produziert zusätzliche Treibhausgase

Auch die CSU-Landesgruppe im Bundestag versuchte mit einem Video von Armin Petschner (CSYOU) eine späte Antwort auf Rezos Youtube-Video zu geben und beteiligte sich damit an der Schmutz-Kampagne gegen Greta Thunberg. Mit einem inszenierten Versprecher suggeriert er, Greta wäre mit einer Luxus-Yacht über den Atlantik gefahren: „Klima-Ikone Greta Abramowicz äh Thunberg …“. Er wiederholt das zuvor schon vielfach erzählte Märchen, dass, wäre Greta „geflogen, hätte sie unterm Strich deutlich weniger CO2 produziert“. Die Rechnung: um das Boot zurück nach Europa zu bringen, reisen mehrere Segler mit dem Flugzeug in die USA.

Die Fahrt war jedoch eine symbolische Aktion, ein Appell, und vielleicht lassen sich dadurch viele Treibhausgase vermeiden, wenn diese mutige Aktion eines 17-jährigen Mädchens zum Vorbild genommen wird, in Zukunft auf Flüge zu verzichten. Es hängt also jetzt von uns ab, ob Gretas Atlantikfahrt zu einer Einsparung von Treibhausgasen führt oder nicht!

Greta Thunberg verdient sich an „Eurer Blödheit dumm und dämlich“

Leute, die sonst den Kapitalismus in allen seinen asozialen und umweltzerstörerischen Ausprägungen verteidigen, fangen plötzlich an, Geschäftemacherei zu kritisieren. Typisch ist beispielsweise die Frage des rechtspopulistischen Deutschlandkuriers: „Wer vermarktet eine psychisch beeinträchtigte 16-Jährige mit Asperger-Syndrom, einer Variante von Autismus, skrupellos als Superstar des Öko-Pops?“

Auch wenn es vielleicht gute Gründe gibt, die mediale Inszenierung von Greta Thunberg durch ihren Förderer Ingmar Rentzhog zu kritisieren, so ist es hier keine wirklich soziale oder emanzipatorische Kritik, sondern eine, die unreflektierten Neid hervorrufen will: Das „weniger laut erklärte Ziel“ von Ingmar Rentzhog sei es, „mit Greta Thunberg als Klima-Superstar möglichst viel Geld zu scheffeln.“ Der Deutschlandkurier käme aber bei einem anderen Thema kaum auf die Idee, diesen allgemeingültigen Zweck kapitalistischen Unternehmertums zu kritisieren. Ihm geht nur darum, Rentzhog als skrupellosen Geschäftemacher zu denunzieren und Greta Thunberg wieder zum willenlosen Opfer zu erklären, auf welches Millionen Menschen hereinfallen und die damit die deutsche Wirtschaft ruinieren würden.

Beleidigungen, Gehässigkeiten, Diskriminierungen

Kaum ein Beitrag in den rechtspopulistischen Medien kommt ohne Beleidigungen, Spottnamen oder Gehässigkeiten aus. Auf bevormundende Weise wird einmal Greta Thunberg als behindertes Opfer für krank erklärt, pathologisiert, dann im nächsten Absatz wüst beleidigt, und ein AfD-Politiker machte aus ihr ein Nazi-Mädel. Häufig wird der Name Greta Thunberg nicht einmal verwendet, stattdessen „pubertierendes schwedisches Schulmädchen“, „schulschwänzender Teenager“, „Klein-Greta“, „Klima-Göre“, „behinderter Teenager“, spöttisch „Heilige Greta“, die „Pippi Langstrumpf aller Klimabewegten“, „Nervensäge“, „professionelle Schulschwänzerin“, eine „Marionette für rein finanzielle Interessen“ und vieles mehr.

Das politisch missbrauchte Kind

Gerne wird auch das „kranke“, „autistische“ Mädchen bedauert, weil es „gnadenlos ausgenutzt“ würde von „der Öko-Lobby und den Klima-Jüngern“ mit „ihren knallharten Interessen“, so Dr. Malte Kaufmann von „Christen in der AfD“. Was meint er mit knallharten Interessen? Waffenhandel, Ölkriege, die Automobil-industrie, Braunkohle- und Atom-Lobby, die abzockenden Wohnungskonzerne, Geldanlegefonds, die Agrarlobby, die Privatisierung öffentlicher Güter oder die Landräuber in den Entwicklungsländern? Neidisch stellt Kaufmann fest: „Für Schulstreik wegen diffuser Klimahysterie wird ein Kind nun sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen“. Der bekennende Christ twittert: „Mädchen tut mir leid. Wird seiner Kindheit beraubt & für grüne Ideologien missbraucht.“

Kaufmann sieht in Greta Thunberg ein willenloses Opfer von politischem Kindesmissbrauch, anstatt ihr selbstbewusstes und entschlossenes Auftreten zu sehen und anzuerkennen. Kaufmann selbst war aber auch nicht davor zurückgeschreckt, seine vier Kinder zu instrumentalisieren und mit auf ein AfD-Wahlplakat zu packen, letztlich ein doppelmoralisches Verhalten.

Informiert und engagiert Euch für eine lebenswerte Zukunft weltweit für alle Menschen

Ständig werden Lügen, Unterstellungen, Beleidigungen und Gehässigkeiten über F4F und Greta Thunberg in die Welt gesetzt. Diese Hetzer wollen keinen globalen Bewusstseinswandel sowie eine ökologische und soziale Veränderung der Welt (Klimagerechtigkeit). Stattdessen propagieren sie ein Weiter-So: die fortgesetzte Zerstörung von Lebensbedingungen. Die Zukunft scheint ihnen nicht wichtig zu sein. Mit ihrer Hetze gegen F4F und Greta Thunberg wollen sie nur ablenken vom eigentlichen Thema, dem Klimawandel.

Macht Euch sachkundig, seid Euch aber auch bewusst, dass es nicht in jedem einzelnen Punkt eine wasserdichte Argumentation bzw. die eine Wahrheit geben kann. Informiert Euch auch bei Faktencheckern, zum Beispiel bei www.klimafakten.de oder correctiv.org oder mimikama.at

Ein Männerproblem: ihre Eier – der Neid von großen, aber zu kurz gekommenen Jungs

Unter anderem von einem Mosbacher AfD-Gemeinderat wurde zu einem Beitrag des „Promi-Gastronoms“ Detlef Steves verlinkt: „Jetzt reicht es mir! Eine 16 jährige beweint den Hambacher Forst? Die sollte lieber beweinen, dass ihr Freund auf einer Party mit ner anderen geknutscht hat, … Alter geht mir die scheisse langsam auf die Eier!!! Demnächst läuft sie noch über das Wasser und teilt Flüsse! …“

Ein treffender Kommentar dazu findet sich auf einem anderen Sharepic: „Was viele an Greta Thunberg vermutlich aneiert, ist, dass eine junge Frau aus dem Regelbetrieb aussteigt und ihr Ding durchzieht. Das halten vor allem Jungs, die mal Dinoforscher oder Superheld werden wollten und jetzt Versicherungsfachangestellte sind, schlecht aus… Als Tiger gestartet und als Bettvorleger…“

Mosbach 20. September 2019: Kommt zu Fridays for Future!

Demonstration durch die Mosbacher Innenstadt

„Komm lass uns den Anfang machen wir probieren neue Sachen. Wir brauchen Mut und Phantasie sonst ändern wir die Erde nie!“
20.-27. September 2019 Aktionswoche für das Klima.

 

Daher findet am Freitag 20.9.2019 ab 11:55 auch durch die Mosbacher Innenstadt eine Demonstration für mehr Umwelt- und Klimaschutz, eine gerechte Zukunft sowie gegen alle Menschheitsbedrohungen statt.
Treffpunkt: Bahnhof Mosbach (Baden)
Abschlusskundgebung: Marktplatz Mosbach
Kommt und bringt Eure Freundinnen und Freunde mit! In Sachen Klima ist es 5 vor 12. Aber gemeinsam können wir viel erreichen!
Verbreitet diesen Aufruf und setzt ein Zeichen für eine gerechtere Zukunft!
Aktuelle Informationen findet Ihr unter:
https://www.gruene-nok.de/umweltschutz/klimastreik-am-20-september-in-mosbach

Organisiert wird die Aktion durch die Grüne Jugend NOK, unterstützt durch das Verdi-Bildungszentrum in Mosbach, die Grünen Mosbach, die Grünen NOK, die Genossenschaft BürgerEnergie Neckar-Odenwald eG (BEG), Mosbach gegen Rechts, die Initiative AtomErbe Obrigheim und weitere.

Mosbach gegen Rechts appelliert an Euch:

Lasst Euch nicht einlullen mit Forderungen nach Emissionszertifikatehandel oder CO2-Steuer, und verzettelt Euch nicht mit Diskussionen über die Höhe einer CO2-Steuer. Setzt Euch für konkrete Veränderungen ein.

Wir brauchen einen massiven Ausbau des öffentlichen Personenverkehrs – ökologisch und sozial-kostengünstig, Güter auf die Schiene, die Zurückdrängung des Flugverkehrs, eine Einsparung des Verbrauchs von Ressourcen und Energie, den Ausbau des Anteils regenerativer oder weniger klimaschädlicher Energien, die Belassung möglichst vieler fossiler Energieträger (insbesondere Kohle und Öl) im Boden, keine Risikotechnologien (aktuell wurden im Atomkraftwerk Neckarwestheim doppelt so viele Risse wie vor einem Jahr festgestellt), den Schutz der Wälder und Meere, den Kampf gegen das Artensterben (rettet die Bienen und Insekten), die Umstellung auf eine ökologische Landwirtschaft, eine weltweite Entmilitarisierung und ein allgemeines Verbot aller Atomwaffen, eine Produktion für das Leben statt für Profite, globale soziale Gerechtigkeit, den Stopp von  Freihandelsabkommen, die ein zerstörerisches Wirtschaftswachstum weiter anheizen, Aufklärung, Bildung und eine weltweite soziale Grundsicherung zur Bekämpfung des Bevölkerungswachstums usw. usf.

Verteidigt Fridays for Future (Eure Bewegung und Eure Protagonisten, unter anderem Greta Thunberg) gegen reaktionäre Angriffe – gegen Beleidigungen, Unterstellungen, Lügen, Denunzierungen und ignoranten Paternalismus! Mischt Euch ein, und habt einen langen Atem! Sorgt dafür, dass Fridays for Future eine breite horizontale Bewegung von unten wird und bleibt! Lasst Eure Forderungen nicht verwässern!

Tut was, es ist Eure Zukunft und die der Kinder und Kindeskinder! Euer Engagement für eine bessere Welt ist langfristig die beste Versicherung, die Ihr abschließen könnt!

Von der Bäckerei hinaus in die Welt – Aufgeklärtheit über Grenzen hinweg

Fahrenbach und Togo: Bericht zum Vortrag von Friedemann Weber

Der Bericht über den Vortrag von Friedemann Weber wurde ergänzt durch Statements in der Diskussion, weitere Informationen in einem Telefonat und per E-Mail von Weber sowie durch ein paar Internetrecherchen zu Togo. Die Fotos stellte Friedemann Weber zur Verfügung, herzlichen Dank.

Der Bäckermeister Friedemann Weber aus Fahrenbach …

Anfang September 2019 fanden über 30 Leute den Weg zur ersten Veranstaltung aus der Reihe „Abende für Vielfalt und Demokratie“. Veranstalter war das ver.di-Bildungszentrum Mosbach, Referent der pensionierte Bäckermeister Friedemann Weber aus Fahrenbach. Er berichtete über seine Kontakte nach Togo und erklärt über sich selbst in der Ankündigung der Veranstaltung: „Ich bin kein Politikprofi, auch kein Ökonomieexperte, ich kann nur das erkennen und beurteilen, was ich mit eigenen Augen gesehen habe, was ich täglich an Nachrichten aufnehme und wie sich das beim Alltagsmenschen auswirkt. Bildung von Anfang an ist einer der Schlüssel zur besseren Welt“.

Engagiert aufgefallen war er schon durch einen Leserbrief in der RNZ Mosbach wenige Tage nach den Europawahlen im Ende Mai 2019, in welchem er aufgerüttelt ausführte: „Ich schäme mich für die 15 % ‚rechte‘ Stimmen bei der Europawahl in meiner Gemeinde [das zweitbeste Ergebnis im Neckar-Odenwald-Kreis für die AfD]. Ich schäme mich: Als Bürger, der seine Heimat und die Menschen schätzt und liebt. Als Bürger, dessen Eltern in gutem Glauben den Nazis damals ihr Vertrauen schenkten. Sie haben damit millionenfaches Morden ausgelöst. Ich schäme mich: Als Mensch, der Angst hat, dass solche dumpfen, menschenverachtenden Gedanken wieder hochkommen. Als Mensch, der dachte, die Geschichte mit Corneille hätte in Fahrenbach ein Bewusstsein für Weltoffenheit und Solidarität erzeugt. Ich schäme mich: Als Christ, der die Botschaft Jesu im gemeinsamen Alltag leben möchte, denn dieser Jesus hat keinen ausgegrenzt, keinen Ausländer und keinen Verbrecher. Bei aller Kritik haben wir unserem Land und Europa so viel zu verdanken; In erster Linie Frieden und Rechtsstaatlichkeit, wie in keiner Region dieser Welt. Mit den ‚Rechten‘ droht uns das, verloren zu gehen. Wer grölend auf der Straße nach alten Zeiten ruft, ohne Kenntnis der wirklichen Geschichte, der verdient keine Akzeptanz. Wer sich als politische Partei mit denen gemein macht, verdient keine Toleranz. Wer Angst vor Überfremdung des christlichen Abendlandes hat, soll sich kritisch fragen, wie seine Haltung zu unserer Kultur und Religion ist. Hier gilt es, unsere Werte zu leben und zu verteidigen. Wir müssen die Einwanderungsfrage aus Sicht der Flüchtlinge sehen: Kriegsursachen hatten wir in Europa auch über Jahrhunderte. Armut und Hunger haben auch Deutsche zur Auswanderung getrieben. Fluchtursachen haben viel mit Perspektivlosigkeit vor allem der Jungen zu tun, verursacht durch Ausbeutung von der Kolonialzeit bis heute. Auch deshalb stehen sie vor unseren Grenzen. Wenn wir Probleme klar und deutlich ansprechen, die Hintergründe bedenken, und nicht den Populisten die Hoheit überlassen, dann dürfen wir unserem demokratischen und sozialen Gemeinwesen Vertrauen schenken. Dann muss ich mich auch nicht mehr schämen. Friedemann Weber, Fahrenbach“

… und sein Auszubildender Corneille aus Togo

Es war etwa Anfang der 1990er Jahre, als Friedemann Weber aus Fahrenbach auf Anfrage den jungen Studenten Corneille aus Togo bei sich aufnahm, um ihn zum Bäcker auszubilden. Damals war eine große Migrationswelle, die Republikaner zogen 1992 und 1996 mit jeweils fast 10 % in den baden-württembergischen Landtag ein, Rufe nach „Ausländer raus“ und Abschaffung des Asylrechtes waren laut. So mussten auch etliche bürokratische Hindernisse überwunden werden, damit Corneille überhaupt nach Deutschland durfte. Corneille war ein wissbegieriger junger Mann. In seinem Heimatland hatte er vier Jahre lang die deutsche Sprache und Kultur studiert. Er hätte in Togo den Beruf eines Lehrers ergreifen können, welcher allerdings insbesondere in den staatlichen Schulen schlecht bezahlt wird, und wobei die Lehrer oft monatelang auf die Auszahlung der Gehälter warten mussten. Von Anfang an war klar, dass Corneille das Bäckerhandwerk in Deutschland erlernen wollte, um wieder nach Togo zurückzukehren. Neben Fahrenbach erlernte er den Bäckerberuf auch in anderen Orten. Gleich am ersten Sonntag nach der Ankunft nahm ihn der Geselle mit in den Verein zum Sportfest. Nach seiner Gesellenprüfung hätte Corneille eigentlich wieder nach Togo zurückkehren sollen. Wieder kostete es einen großen Aufwand an Bürokratie und Knüpfen von Beziehungen, um ihm die Verlängerung seines Aufenthalts in Deutschland um zwei Jahre bis zur Meisterprüfung zu ermöglichen.

Corneilles Projekte: eine deutsche Bäckerei in Togo, ein Biergarten und ein Hotel mit Seminarräumen

Zurück in Togo wollte Corneille eine eigene Bäckerei aufbauen, wozu er ein Grundstück benötigte. Erleichtert wurde ihm dies mittels eines einflussreichen, angesehenen christlichen Menschen, der Abkömmling eines deutschen Besatzungssoldaten war und über gute Beziehungen in die muslimische gehobene und bestimmende Mittelschicht verfügte. Heute umfasst Corneilles Betrieb neben der Bäckerei auch einen Biergarten und ein Hotel mit Bildungsbetrieb. In den ersten Jahren hat Corneille auch den Leuten in der Umgebung Wasser „verkauft“, damit sie nicht den langen Weg zum Brunnen gehen mussten. Corneille beschäftigt etliche Angestellte mit regulären Arbeitsverträgen und Sozialversicherung. Hinzu kam noch eine Krankenstation.

Bäckermeister Friedemann Weber mit Berufsschülern in Togo

Eindrücke Friedemann Webers aus Togo (ehemals deutsche Kolonie)

Friedemann Weber hat selbst vor etwa zwanzig und zuletzt vor zwei Jahren Togo besucht. Er zeigte Fotos, um ein paar Eindrücke von dem Land, den Menschen und dem Projekt zu geben. Togo ist ein kleines afrikanisches Land, flächenmäßig vergleichbar mit Baden-Württemberg. Sein Küstenstreifen im Süden umfasst nur etwa 50 Kilometer, dafür ragt der Landstreifen umso weiter in den Kontinent hinein. Nachbarländer sind im Westen Ghana, im Norden Burkina Faso und im Osten Benin. In Togo werden etwa vierzig verschiedene Sprachen gesprochen. Dabei gibt es ein ausgeprägtes klimatisches und Vegetationsgefälle zwischen dem Süden und dem Norden.

Viel Regenwald sei nicht mehr übrig geblieben, da die Leute Brennholz benützen. Ebenso wurden Wälder zu Gewinnung von Holzkohle gerodet, um diese an den Süden zu verkaufen. Im Norden ist das Land sehr trocken, es gibt nur wenig Vegetation. Die Leute bewohnen beispielsweise dreistöckige zylinderförmige Lehmbauten: unten das Vieh, in der Mitte die Bewohner, oben der Getreidespeicher. Nationalgericht ist das Fufu, das aus der Yamswurzel gewonnen wird, die hauptsächlich Kohlenhydrate liefert. Müll wird meist wild entsorgt, sodass sich Plastikmüll in offenen Kanälen und Löchern sammelt.

die Lehmbauten der Tambermas im Norden

Nach Einschätzung Webers hätten die Deutschen in Togo trotz des Kolonialismus viel Gutes hinterlassen, indem sie das Land strukturell entwickelten. Beispielsweise bauten sie Eisenbahnlinien für den Transport von landwirtschaftlichen Erzeugnissen wie Baumwolle und Rohstoffen wie Phosphat. Zudem legten sie einen Tiefseehafen an. Heute ist die Eisenbahn in vernachlässigtem Zustand. In der Baumwollregion hatten die Deutschen eine weiter verarbeitende Fabrik für Garn errichtet, die heute nicht mehr existiert. Weber meint – etwas zu optimistisch –, dass mit etwas gutem Willen aus dem deutschen Kolonialismus eine „Partnerschaft auf Augenhöhe“ zwischen Deutschland und Togo hätte werden können. Vielleicht noch von dieser Zeit hätten die Deutschen – anders als Franzosen – einen verhältnismäßig guten Ruf in Togo. Ein Diskutant widersprach und meinte, dass Kolonialismus weniger der Entwicklung, sondern vielmehr der Ausbeutung diente. Friedemann Weber stimmte der Aussage zu.

In der Diskussion: Probleme von Entwicklungshilfe, Ernährungssouveränität und Weltmarkt

Auf dem Markt werden Altkleider aus den reichen Staaten verkauft – in einem Land, wo Baumwolle wächst. Andere bunte Stoffe oder Kleider mit afrikanischen Motiven und Mustern für Kleider werden in Europa hergestellt. Sie sind billiger als beispielsweise bei einer lokalen Schneiderin.

Das Bildungssystem ist nur rudimentär entwickelt. Außer den Grundschulen (und der Universität) gibt es kaum weiterführende Schulen. Junge Menschen gehen wissbegierig in Berufsschulen, haben aber wenig Perspektiven. Zudem vermittle ihnen das Internet (falsche) Vorstellungen und Anreize von Europa, weshalb manche jungen Leute – wohl insbesondere Männer – überlegen, zu emigrieren.

Nachträglich ergänzt Friedemann Weber, dass er noch eine weitere Entwicklung in Togo beunruhigend findet: in vielen Dörfern sind insbesondere die Moscheen gut instand gehalten. Schilder erläutern: gesponsert insbesondere von Saudi-Arabien oder Kuwait, aber auch von den Vereinigten Arabischen Emiraten und anderen Staaten. Viele Männer, welche nach der Haddsch, der Pilgerfahrt nach Mekka, zurückkehrten, seien manchmal wie verwandelt. Es gebe einen islamistischen Trend.

Ein Foto zeigt den heutigen deutschen Entwicklungsminister Gert Müller (CSU) zu Besuch in der Bäckerei von Corneille (mit seinem deutschen Meisterbrief) und Gebäck. Weber meint, dass Müller im Vergleich zu bisherigen deutschen Entwicklungsministern eine gute Arbeit mit richtigen Ansätzen macht. Weber sieht im Transfer von Know-how den richtigen Weg.

Das Hotel von Corneille beinhaltet einen Seminarraum. Die deutsche Entwicklungshilfe unterstützt das Projekt, dass Frauen aus allen Gegenden Togos kommen, um ausgebildet zu werden. Zum Beispiel lernen sie Rezepte kennen. Das vermittelte Wissen ist angepasst an die Verhältnisse ihres Landes, zum Beispiel Backen in Lehmöfen, Zutaten aus dem eigenen Land, Unterricht über Verkauf, für (Lebensmittel-)Hygiene usw. Die Frauen kehren dann mit Wissen in ihre Dörfer zurück, um es dort umzusetzen. Insbesondere die Ausbildung von Frauen, von denen viele Analphabeten sind, sei wichtig, da diese eher als Männer genossenschaftlich denken und arbeiten und mit dem erwirtschafteten Geld haushalten können.

Friedemann Weber verschweigt nicht, dass das Projekt von Corneille zwar Arbeitsplätze schafft und Bildung vermittelt, aber letztlich auch Abhängigkeiten vom Weltmarkt aufrecht erhält durch den Import von billigem Getreide. Es werden aber möglichst viele inländische Zutaten zur Weiterverarbeitung verwendet, wobei der Import von Getreide schon länger etabliert ist. Immerhin wird es in heimischen Mühlen gemahlen. Zum Anbau von Getreide und anderen Zutaten für deutsche Bäckerei- und Brauereierzeugnisse fehlen die klimatischen Voraussetzungen in Togo. Auch der Import von Getreide aus Äthiopien, der Kornkammer Afrikas, zum Beispiel von Triticale – einer Kreuzung von Weizen und Roggen – würde am Transport scheitern. Weber zeigt weitere problematische Beispiele des Welthandels auf: der Import von thailändischem Reis, weil der billiger als der einheimische ist. Oder europäische Konzerne exportieren billige Milchprodukte nach Togo und in andere afrikanische Länder, was sich wegen der niedrigen Einfuhrzölle und der Milch-Subventionen der EU rentiert.

Als zahlreiche afrikanische kolonialisierte Staaten in den 1960er Jahren in die Unabhängigkeit entlassen wurden, waren sie nicht darauf vorbereitet und wurden ihrem Schicksal überlassen. Weber verweist auf den Kongo, ein riesiger Staat, der mit nur 300 Akademikern anfangen musste. In der Diskussion wurde noch ergänzt, dass auch die Entlassung in die staatliche Unabhängigkeit nur begrenzt eine eigenständige Entwicklung bis heute zuließ: die ehemaligen Kolonialmächte und andere Staaten wie die USA, die Sowjetunion, heute beispielsweise auch China und Institutionen des Weltmarkts intervenieren massiv mit militärischen, wirtschaftlichen und politischen Mitteln, um ihre eigenen ökonomischen und politischen Interessen durchzusetzen.

Während einerseits die USA, europäische und andere Staaten in Afrika billige, subventionierte Agrarprodukte auf den Markt werfen, schotten diese Staaten umgekehrt oft ihre Märkte gegen afrikanische Produkte ab oder diktieren ungünstige Handelspreise (terms of trade). Weltweit sind durch Landgrabbing – unter anderem durch europäische Staaten, USA, China, Saudi-Arabien und internationale Landfonds – in den letzten Jahrzehnten hunderte Millionen Hektar Land mehr oder weniger durch Enteignungen insbesondere Kleinbauern weggenommen worden, was die Ernährungssouveränität von grob einer Milliarde Menschen betrifft. Viele dieser Menschen werden dann als landwirtschaftliche Arbeiter zum Beispiel im Monokulturanbau ausgebeutet, ziehen dann in die (Mega-)Städte, bevölkern die Slums oder emigrieren.

Ein Diskutant wies zudem auf die Folgen von Klimawandel und Bevölkerungswachstum hin: irreguläre Niederschläge, Bodenerosion, Ertragseinbußen, eine immense Binnen- und Verzweiflungsmigration usw. Die europäischen Institutionen hätten viel zu lange verschiedenen Interessensverbänden nachgegeben. Als Beispiel nannte er auch die großen Fischereiflotten Europas, Nordamerikas, Russlands, Chinas, Japans usw. vor den Küsten Afrikas, die unzähligen Kleinfischern in afrikanischen Staaten ihre berufliche Perspektive nehmen.

Bild vom Seminar für die Bäcker-Frauen

Perspektiven, Hoffnung und weitere ermutigende Projekte

Bezüglich der Abholzungen und Regenwaldbrände im Zusammenhang mit dem Klimawandel wurde appellierend gefragt: Was ist der Weltbevölkerung der Regenwald wert? Und welche Gegenleistungen und Perspektiven für dessen Erhalt ist sie bereit, den Menschen in diesen Ländern zu geben?

Friedemann Weber betont, dass trotz Entwicklungshilfe letztendlich das Land und seine Menschen ihren Weg selber finden und gehen müssen. Er zitierte Obama, die ganze Welt könne Afrika helfen, das nütze den Menschen aber nichts, sie müssten sich selber helfen. Abschließend betonte Weber nochmals die Bedeutung von Bildung und den Transfer von Know-how. Seine Hoffnung gründet sich auf eine neue Generation von jungen wissensdurstigen Menschen in Togo. Das Projekt von Corneille sieht er als einen Hoffnungsmacher. Martin Luther King: „I have a dream…“.

Friedemann Weber freut sich, dass die Besucher seines Vortrags anschließend rund 400 Euro für das Projekt Kinder-Schul-Speisung KISS ( https://www.aktionpit.de/projekt/kiss-kinder-schul-speisung/ ) der Aktion „PiT – Togohilfe e.V.“ in Maisach ( https://www.aktionpit.de/ ) spendeten. PiT engagiert sich seit 1980 im Gesundheitsbereich, Schulbildung, Kinderhilfe sowie Dorfentwicklung in Togo. PiT erläutert zur „Kinder-Schul-Speisung: Nur 25 Cent kostet eine Mahlzeit im KiSS-Programm für die Kinder in unseren Dorfschulen in Togo. Um ein Kind ein Schuljahr lang mit Schulspeisung zu versorgen, genügen 50 Euro. Ein kleiner Betrag mit großer Wirkung: bessere Gesundheit, bessere Konzentration, bessere Schulabschlüsse, bessere Aufstiegschancen, bessere Mitgestaltung für ein lebenswertes Dorf“, „Schaffung von Arbeitsplätzen für Frauen (mehrere geschulte Köchinnen)“ sowie „regelmäßiger Einkauf von Lebensmitteln = verbesserter Absatzmarkt vor Ort“. Weber ergänzte, dass das KISS-Programm auch ein Anreiz insbesondere für Mädchen sei, die oft langen Wege zurückzulegen, um überhaupt die Schule zu besuchen. Ein weiterer positiver Aspekt sei, dass dadurch Mädchen die Schule länger besuchten und als Jugendliche nicht gleich selbst schon wieder Kinder bekämen.

Friedemann Weber weist noch auf ein weiteres Projekt von der evangelischen Hilfsorganisation „Brot für die Welt“ passend zu seinem Vortrag hin. Deren Partnerorganisation OADEL propagiert in Togo eine Ernährung durch regionale Produkte, welche die heimische Wirtschaft stärken und gesünder sind, entgegen des Trends auch in der Hauptstadt Lomé, wo sich immer mehr Menschen von importierten Billigwaren ernähren: https://www.brot-fuer-die-welt.de/projekte/togo-regional-erste-wahl/ Ein ausführlicher lesenswerter Beitrag zum Thema sowie zur Arbeit und Praxis von OADEL findet sich unter: https://www.brot-fuer-die-welt.de/fileadmin/mediapool/2_Downloads/Projekte/Togo/Projektinformationen_OADEL_Togo.pdf

Fortwirkungen des deutschen Kolonialismus in Togo

In einem Artikel vom 7.2.2005 berichtete die taz von Togo als ein „unrühmliches Kapitel deutscher Afrikapolitik.“ „Wir Schwarzen müssen zusammenhalten“, war das geflügelte Wort von Franz Josef Strauß, um seine Duzfreundschaft mit Togos Diktator Gnassingbe Eyadema zu begründen. Als Staatsgast ließ sich der bayerische CSU-Ministerpräsident in den 1980er Jahren gern vom togoischen Gewaltherrscher empfangen, mit Schulkindern, die „Josef ist der Größte“ sangen. Das Lokal „Alt-München“ war Szenetreffpunkt in der Hauptstadt Lomé, und das bayerische Fleischereiunternehmen Marox von Josef März besaß in Togo Ländereien. Eyademas Unrechtsstaat war jahrzehntelang Deutschlands Vorzeigepartner in Westafrika. Insgesamt 94,52 Milliarden CFA-Franc deutsche Entwicklungshilfe – rund 600 Millionen DM damals – flossen zwischen 1960 und 1990 nach Togo. Dazu kamen in den 1980er-Jahren Schuldenerlasse von 295,5 Millionen DM. Die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung bildete Togos Beamte im Einparteienstaat aus, und Bundeswehrsoldaten trainierten das für brutale Repression bekannte Militär. Dominic Johnson führt in der taz vor dem Hintergrund, dass Togo von 1884 bis 1916 eine deutsche Kolonie war, weiter aus: ( https://taz.de/!645626/ ):

„… Seine Hoheit ist das Haupt, das Togoland ist der Leib“, lautete eine Ergebenheitsadresse pensionierter Kolonialbeamter an den letzten deutschen Gouverneur von Togo, Herzog Adolph Friedrich zu Mecklenburg, als dieser im Alter von 87 Jahren den Unabhängigkeitsfeiern 1960 beiwohnte. „Togoland, stehe auf und werde hell! Denn das prophetische Licht der Deutschen ist hocherfreulicherweise über dir aufgegangen und verwandelt deine frühere leidende Form in den sichtbaren sozialfürsorglichen Mittelpunkt mit übernatürlichem ewigen Ziel einer Herrlichkeitsgegenwart deutscher Kultur.“ Nicht nur der deutsche Sprachgebrauch aus Kolonialzeiten blieb in Togo länger erhalten als in Deutschland. Auch Togos Arbeitslager pflegten koloniale Tugenden. Ein Häftling des verrufensten Lagers Kaza erinnerte sich später an die Bedingungen im „togoischen Gulag“: „Wir traten völlig nackt zur Zwangsarbeit an. Diejenigen von uns, die nicht mehr genug Kraft hatten, um sich aufrecht zu halten, folgten uns, indem sie ihre ruinierten Körper auf allen Vieren dahinschleppten. Wir arbeiteten den ganzen Tag mit Soldaten im Rücken.“ … Aus einem düsteren Kapitel deutscher Afrikapolitik hätte dennoch mehrmals eine Sternstunde werden können. Togos erster Präsident, Sylvanus Olympio, der 1963 von Eyadema erschossen wurde, war schließlich auch ein enger Freund Deutschlands gewesen, und hinter seinen Mördern vermutete man damals französische Interessen. 1966 täuschte Bundespräsident Lübke bei einer Togo-Reise eine Verletzung vor und kam mit einem Gipsarm, um Eyadema nicht die Hand schütteln zu müssen. Und als Togos Einparteienstaat ab 1990 zerfiel, blickte die Opposition hoffnungsfroh auf Deutschland: Die Bundesregierung suspendierte 1991 die Entwicklungshilfe für Togo und sorgte Anfang 1993 für einen entsprechenden EU-Beschluss, nachdem Staatsminister Helmut Schäfer (FDP) zufällig in Lomé mit erlebt hatte, wie Polizisten ein Blutbad unter friedlichen Demonstranten anrichteten. Deutschland und Frankreich richteten danach gemeinsam im elsässischen Colmar politische Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien Togos ein. Sie scheiterten daran, dass Togo seine Armee nicht unter internationale Überwachung stellen wollte. Deutschland, das immerhin diese Armee mit ausgebildet hatte, zog daraus keine weiteren praktischen Konsequenzen – außer, sich aus den Togo-Wirren zurückzuziehen. Aber als die EU-Kommission im April 2004 mit Togos Regierung einen 22-Punkte-Plan über politische Reformen vereinbarte, dessen Erfüllung die Wiederaufnahme der Entwicklungszusammenarbeit bedeuten würde, preschte Deutschland vor – und organisierte eine Sammelabschiebung politischer Flüchtlinge nach Togo. Nach Angaben von Flüchtlingshelfern sind mindestens fünf Abgeschobene in Togo nach ihrer Ankunft verschwunden.

Eine Buchbesprechung zu deutschem Kolonialismus in Togo anhand eines Skandals:

Rebekka Habermas: „Skandal in Togo – Ein Kapitel deutscher Kolonialherrschaft.“ (erschienen 2017) https://www.heise.de/tp/features/Sachbuecher-des-Monats-Februar-2017-3614297.html In „Skandal in Togo“ geht es um koloniale Sehnsüchte, fragile Macht und Gewalt. Im Mittelpunkt steht ein Skandal, der sogar den Reichstag im fernen Berlin auf den Plan rief: 1900 soll der Kolonialbeamte Geo Schmidt eine junge Afrikanerin vergewaltigt haben. Der Kolonialbeamte, eigentlich der mächtigste Mann vor Ort, rang nicht nur mit der afrikanischen Bevölkerung. In Togo waren auch christliche Missionare tätig, die vor allem Gottes Wort verbreiten wollten und ihre Bemühungen durch Geo Schmidt gefährdet sahen. Ihre unzähligen Briefe nach Berlin, in denen sie Schmidts Treiben schildern, sind beredte Zeugnisse eines grundlegenden Konflikts im kolonialen Raum. Und sie führten dazu, dass im Berliner Reichstag Abgeordnete wetterten, die Mission der Zivilisierung in Afrika werde durch brutale Kolonialbeamte gefährdet. Rebekka Habermas schildert die Beziehungen, Interessen und Motive der Beteiligten, den Rassismus und Alltag vor Ort und die kolonialen Echos, die der Skandal in der Gesellschaft des deutschen Kaiserreichs hervorrief.

Weitere Beiträge zur Geschichte und Politik Togos:

= Andrea Naica-Loebell, 12.3.2005: „Keine Besserung in Togo. Der Diktator ist tot, doch die Diktatur geht weiter.“ ( https://www.heise.de/tp/features/Keine-Besserung-in-Togo-3438851.html )

= Dezember 2014: „Ohne Versorgung: Gesundheitswesen in Togo – zwischen Spardiktat und Korruption“ ( https://afrique-europe-interact.net/1735-0-Gesundheitssystem-in-Togo.html )

= Urgence Togo und Afrique-Europe-Interact zur Diktatur in Togo, Stand 6.4.2018: Aufruf zur „Doppeldemo in Berlin“: „Solidarität mit der Demokratiebewegung in Togo – keine politisch-militärische Zusammenarbeit mit dem togoischen Regime! … „ ( https://afrique-europe-interact.net/1714-0-Demo-6-April-2018-Berlin.html )

= Association Togolaise des Expulsés (ATE) – die Togoische Vereinigung der Abgeschobenen: „Les expulsé(e)s ne sont pas oublie(e)s! … Togo: Flucht, Migration und Abschiebung … Selbstorganisierung und Selbsthilfe … Eine Stimme für die Abgeschobenen… “ ( https://afrique-europe-interact.net/161-0-ate.html )

= Bernard Schmid (allgemein zur Entkolonialisierung in Afrika), etwa 2010: „Von Massenmördern und ungeliebten Statuen – Dossier zum 50. Jahrestag der Dekolonisation“ ( https://afrique-europe-interact.net/204-0-Bernhard-schmid-dossier-unabhngigkeit.html )

= Vincent Munié in Le monde diplomatique (9.2.2007): „Mord am Dakar-Niger-Express – Folgen einer Privatisierung im Senegal ( https://www.monde-diplomatique.de/pm/2007/02/09.mondeText.artikel,a0038.idx,10 )

= Zu Togo siehe zudem einfach unter Wikipedia, beispielsweise: https://de.wikipedia.org/wiki/Togo sowie https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Togos sowie https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Kolonie_Togo