„Im Sammeltransport nach unbekannter Anstalt verlegt“

Buchvorstellung: Opfer der NS-„Euthanasie“ aus der Stadt Buchen

„Im Sammeltransport nach unbekannter Anstalt verlegt“ heißt das Gedenkbuch für die Opfer der sogenannten Euthanasie aus der Stadt Buchen während des Nationalsozialismus, welches am Montag, 20. September 2021 im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung in der Stadthalle Buchen vorgestellt wurde. Als Begleitprogramm war im Foyer die Wander-Ausstellung „Grafeneck 1940 – Geschichte und Erinnerung“ der Gedenkstätte Grafeneck zu besichtigen. Sie kann noch bis 17. Oktober im Foyer des Rathauses in Buchen angeschaut werden. Musikalisch umrahmt wurde das Programm mit fünf Stücken, dargeboten von Maria Westermann am Klavier.

Bürgermeister Roland Burger begrüßte die Teilnehmer und gab Artikel 1 des Grundgesetzes als Maßstab für die Beurteilung dieser Geschichte vor: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Er wies darauf hin, dass diese Forderung täglich mit Füßen getreten werde; beispiellos sei aber die Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten unter dem Stichwort „unwertes Leben“ gewesen, welcher auch mindestens achtzehn Menschen aus Buchen zum Opfer gefallen waren. Den Begriff „Euthanasie“ charakterisierte Burger als Euphemismus: es war alles andere als ein „schöner Tod“. Den Opfern wurde die Menschenwürde abgesprochen, sie wurden entindividualisiert und einem Massenverbrechen zugeführt. Die Morde geschahen geräuschlos und auch danach wurde nicht darüber gesprochen. Das Buch entreißt ihr Schicksal aus der Anonymität. Die Namen der Opfer werden auch in der Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus in den Überresten der ehemaligen Synagoge in Buchen ergänzt. Burger dankte Dr. Hans-Werner Scheuing als Impulsgeber für diese Arbeit, der Basismaterial für die Recherchen lieferte. (Scheuing ist Autor des Buches „Als Menschenleben gegen Sachwerte gewogen wurden. Die Geschichte der Erziehungs- und Pflegeanstalt für Geistesschwache Mosbach/Schwarzacher Hof und ihrer Bewohner 1933-1945″). Initiatorin für den Arbeitskreis in Buchen war dann Ingrid Landwehr.

Der Landrat des Neckar-Odenwald-Kreises Dr. Achim Brötel zeigte sich erfreut über die Resonanz der Veranstaltung, an der rund 80 Leute teilnahmen. Er lobte die Qualität des Bandes. Die Grundgesetz-Forderung von der Unantastbarkeit der Menschenwürde sei ein Bekenntnis für eine bessere Zukunft und lasse keine andere Deutung zu: „Jeder Mensch ist wertvoll, weil er ein Mensch ist.“ Die Nazis wollten jedoch eine neue Menschenrasse, die gleichzeitig andere Menschen ausschloss. Die Aktion T4 war ein planmäßig vollzogener Mord an als geistig oder psychisch behinderten, aussortierten Menschen und sogenannten „Asozialen“. Damals wehrten sich nur wenige dagegen: Brötel erinnerte an die Predigt des Bischof von Galen am 3. August 1941, der die These, dass unproduktive Menschen ihr Lebensrecht verwirkt hätten, hinterfragte. Kurz darauf wurde das Mordprogramm dann formal beendet, jedoch durch Medikation und Unterernährung in Anstalten weitergeführt. Brötel drückte seine Anerkennung für die Erinnerungsarbeit aus und verwies auch auf das Gedenken an die 262 Euthanasie-Opfer der damaligen Behinderteneinrichtung in Mosbach und am Schwarzacher Hof, an die der neu eingeweihte Maria-Zeitler-Pfad in Mosbach erinnert, und an die Thematisierung (beim Kreishistorikertag 2019) der Deportation von 54 Insassen der Kreispflegeanstalt Krautheim am 17.10.1940 vor allem nach Grafeneck. Die Euthanasie-Opfer waren Jahrzehnte lang aus dem öffentlichen Gedenken ausgeklammert worden, bis der Bundestag sie im Jahr 2011 zu einer Aufgabe von nationaler Bedeutung erklärte. Brötel dankte der Autorengruppe des Buches, dass sie einen Teil ihrer Zeit den Opfern geschenkt hätten. Er rief zu Solidarität als gesellschaftlichem Schutzschirm für die Demokratie auf und zitierte abschließend den ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan: „Alles was das Böse benötigt, um zu triumphieren, ist das Schweigen der Mehrheit.“

Thomas Stöckle, der Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, warf ein paar Schlaglichter auf die Vernichtungsanstalt Grafeneck, wo die Mehrzahl der baden-württembergischen und bayerischen Euthanasieopfer ermordet worden war. Das idyllisch und abgelegene Schloss auf der Schwäbischen Alb wurde 1940 zum Ort eines Massenmordes an 10.654 Menschen. Das Verbrechen, für welches es keine gesetzliche Grundlage gab, sollte als „geheime Reichssache“ nicht publik werden. Die Zentrale der Aktion T4 lag in der Tiergartenstraße 4 in Berlin, die sechs große Euthanasie-Vernichtungsanstalten betrieb: in Grafeneck, Brandenburg, Bernburg, Hartheim/Linz, Sonnenstein und Hadamar. Um 1960 analysierte ein Strafrechtler die Aktion als staatliches, großes und arbeitsteiliges Verbrechen. Die Arbeitsteiligkeit, dass viele Täter damit befasst waren, ergab sich allein schon aus den Dimensionen: bezüglich Grafeneck wurden rund 10.000 Menschen aus 50 Einrichtungen ausgesucht, abtransportiert, ihre Personalien nochmals erfasst, bevor sie schließlich in einer improvisierten Gaskammer ermordet wurden. Die englische und amerikanische Geschichtsschreibung spricht von „killing center“. Der Zeitpunkt für den Mord, dass er nicht schon früher geschah, erklärt sich aus dem Beginn des Weltkriegs, denn unmittelbar danach, am 14. Oktober 1939 wurde der Ort dafür ausgewählt. Zurück geht die Idee der Euthanasie auf völkisch-biologistische Ideologie: Volk bzw. Rasse wurden als Wesen gedacht, denen die Menschen untergeordnet wurden. Das völkische Denken fragte weniger, wer gehört dazu, sondern vor allem danach, wer nicht dazu gehöre. Nach 1945 legte sich der „Mantel des Schweigens“ über diese Verbrechen, jedoch nicht ganz, denn bis 1949 wurden einige Prozesse geführt, jedoch relativ milde Urteile gefällt. Es gab praktisch keine Überlebenden, und wenn doch, haben sie sich nicht organisiert. Es fehlte eine Erinnerungskultur. Verwandte der Opfer fielen als Redende, als Zeugen aus. Das Gedenken und Erinnern heute ermöglicht, aus der Geschichte zu lernen, das Grundgesetz mit Leben zu erfüllen. Stöckle ermunterte abschließend zu einem Gedenkstättenbesuch in Grafeneck.

Stadtarchivar Jan Kohler stellte dann das Buch anhand von zwei exemplarischen Biografien vor und ging nochmals auf den historischen Hintergrund ein. Schon am 14. Juli 1933 wurde als Vorläufer das Sterilisationsgesetz zur „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ beschlossen, dem über 300.000 Männern und Frauen unterzogen wurden, davon vielleicht über 100 in Buchen wie Kohler schätzte. Die große Zustimmung dazu generierte eine Stimmung des Schweigens und erleichterte den nachfolgenden Massenmord. Die Erforschung der achtzehn Euthanasie-Opfer in Buchen erwies sich als schwierig, denn sie hinterließen kaum Spuren in der Erinnerung. Die Nazis wollten den Opfern ihre Existenz, ihre Individualität, ihre Besonderheit nehmen, während das Buch diese und ihre Würde wieder zurückgeben möchte.

Keine Wahlempfehlung: Dr. Christina Baum, AfD

Dr. Christina Baum

Ausführlich siehe unter: https://mosbach-gegen-rechts.de/keine-wahlempfehlung-christina-baum/

Zur Bundestagswahl am 26. September 2021 kandidiert im Wahlkreis Odenwald-Tauber für die AfD die aufrechte Kämpferin für Wahrheit und Freiheit und für ein normales Deutschland Dr. Christina Baum. Zwar war sie zuletzt bei der Landtagswahl im März daran gescheitert, wieder in den Landtag einzuziehen. Dieses Mal dürfte sie aber mit einem guten Platz auf der Landesliste ziemlich sicher in den Bundestag einziehen. 2016 war sie gleich bei der Eröffnung des baden-württembergischen Landtags mit beleidigenden Angriffen gegen die Landtagspräsidentin Muhterem Aras aufgefallen: Die Wahl zeige, dass „die Islamisierung Deutschlands … in vollem Gange“ sei. Aras gehört den Aleviten an, einer liberaleren Strömung im Islam. Aleviten werden in islamischen Staaten häufig selbst unterdrückt oder verfolgt.

Christina Baum, eine gute politische Freundin von Björn Höcke, beklagt „einen schleichenden Genozid an der deutschen Bevölkerung“, wittert verschiedenste Verschwörungen gegen Deutschland, zum Beispiel eine „Umvolkung“ und einen „Bevölkerungsaustausch“ in Deutschland und möchte daher Programme zur „Remigration“ (Ausweisung), macht Stimmung gegen die „Lügenpresse“, die „Kartellparteien“ und die „Merkel-Diktatur“, ist die süddeutsche Protagonistin der inzwischen aufgelösten rechtsextremen AfD-Strömung „Der Flügel“, beschäftigte als Abgeordnete einen Mitarbeiter, der zuvor im Umfeld der NPD aktiv war, rechtfertigt ihre Hetze mit Meinungsfreiheit, behauptet, dass in Kindergärten und Schulen eine angebliche „Frühsexualisierung“ stattfinden würde, Schwule und Lesben wollten ihre Lebensweise der Mehrheit der Gesellschaft aufzwängen, sie spricht diesbezüglich von „Homopropaganda“ und „Umerziehungswahn“, in deutschen Schulen werde indoktriniert usw. Zum Wahlkampf hatte sie Björn Höcke eingeladen, der bei der Kundgebung in Lauda-Königshofen ähnlich wie der frühere US-Präsident Donald Trump schon mal im Vorfeld der Bundestagswahl vor Briefwahl warnte und Wahlbetrug unterstellte.

Anstatt die entscheidenden Zukunftsthemen anzugehen – drohender Klimawandel, Atomwaffen und die globale Verschwendung von 2 Billionen jährlich für das Militär, das friedliche Zusammenleben von Menschen, der Welthunger, globale soziale Gerechtigkeit, der drohende Verlust der Ackerböden, Überwachungskapitalismus und -staatlichkeit – bieten Dr. Christina Baum und die AfD nur rückwärts gewandte Antworten wie die Flucht in nationalistische, völkische und sexistische Ideologien.

Mosbach gegen Rechts setzt sich hingegen für eine offene und solidarische Gesellschaft und für eine Zukunft für alle ein.

Damit Ihr wisst, was Euch mit Frau Dr. Christina Baum im Bundestag erwartet, hier ein Porträt der Kandidatin: https://mosbach-gegen-rechts.de/keine-wahlempfehlung-christina-baum/

 

In Büchel und Mosbach: Für eine atomwaffenfreie Welt

Menschenkette in Büchel in der Eifel

Bundestagswahl am 26. September: Atomwaffenverbot wählen!
Esther Bejarano, jung und alt: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!
Fast 800 Menschen folgten dem bundesweiten Aufruf von Friedensorganisationen und der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen ICAN und schlossen am Sonntag, 5. September 2021 eine Menschenkette vor dem Fliegerhorst Büchel in der Eifel. Auch in Freiburg, Karlsruhe und Heidelberg stiegen 25 Friedensfreund*innen in einen Bus, der von der Werkstatt für Gewaltfreie Aktion Baden organisiert worden war.
Auf dem Fliegerhorst Büchel werden 20 US-amerikanische Atombomben bereit gehalten, die – im Rahmen der nuklearen Teilhabe – im Einsatzfall von Flugzeugen der Bundeswehr gegen feindliche Ziele geschossen werden sollen. Aktuell arbeitet die NATO daran, ihre in Europa bereitgehaltenen Atomwaffen und -bomber in Deutschland, Belgien, Italien, in der Türkei und den Niederlanden und die dafür notwendige Infrastruktur mit Zig Milliarden auszutauschen, zu modernisieren und zu erneuern.
Die Teilnehmer*innen der Menschenkette und Redner*innen auf der anschließenden Kundgebung forderten den Beitritt Deutschlands zum Internationalen Atomwaffenverbotsvertrag, der dieses Jahr am 22. Januar in Kraft getreten war, und den Abzug der US-Atomwaffen aus Deutschland. Sie wiesen auf die akute Gefahr von Atomkriegen auch aufgrund von Fehlalarmen und Versehen hin: immer schnellere Raketen und andere Bombenträger verkürzen die Vorwarnzeiten und Entscheidungsfristen erheblich auf wenige Minuten. Ebenso sind autonome, auf KI beruhende Reaktionssysteme aufgrund mangelhafter Datenbasis für Fehler anfällig. Der Trierer Informatiker Prof. Dr. Karl Hans Bläsiu stellte dazu klar: Ein Fehlalarm in Krisenzeiten, aber auch aufgrund von Cyberattacken könne immer häufiger möglich sein. „Für menschliche Entscheidungen wird immer weniger Zeit. Aber es darf nicht sein, dass das Überleben der Menschheit von solchen Entscheidungen eines Menschen oder sogar einer Maschine abhängt“, mahnte er eindringlich. Selbst bei einem sogenannten geografisch begrenzten Atomkrieg droht ein globaler nuklearer Winter die Lebensgrundlagen der Menschheit zu zerstören.
In den nächsten Jahren und Jahrzehnten planen die Atommächte insgesamt Investitionen in Höhe von Hunderten Milliarden, um ihre Atomwaffensysteme zu modernisieren. Stattdessen sollten diese Gelder umgeleitet werden, um die drängenden Menschheitsfragen Klima, Umwelt, Welternährung usw. gemeinsam anzupacken. International müssten vertrauensbildende Gespräche und Maßnahmen aufgenommen oder intensiviert werden. Dr. Angelika Claußen von den Ärzten gegen den Atomkrieg (IPPNW) erklärte, eine aufs Militär gestützte Sicherheitspolitik werde scheitern, wie Afghanistan aktuell gezeigt habe. „Darum brauchen wir eine zivile Sicherheits- und Friedenspolitik“.
Solidarische Grüße und Unterstützung bekamen die Teilnehmer*innen durch Redner aus den Niederlanden, Belgien und Italien.
Im Hinblick auf die bevorstehende Bundestagswahl am 26. September, die dieses Jahr zufälligerweise mit dem „Internationalen Tag für die Abschaffung von Atomwaffen“ zusammenfällt, wurde auch appelliert, an Politiker und Parteien heranzutreten, um sie für die nächste Regierung auf eine atomwaffenfreie Politik zu verpflichten.
[Anmerkung: am 26. September 1983 hatte der russische Oberst Stanislav Petrov, als sein Computer ihm verkündete, dass in zwanzig Minuten feindliche Atomwaffen ankommen und explodieren würden, dies eigenmächtig als Fehlalarm eingestuft und damit eine Menschheitskatastrophe abgewendet. Genau 30 Jahre später im Jahr 2013 erhob die Bewegung der Blockfreien Staaten den 26. September in einer Resolution zum Internationalen Tag für die Abschaffung von Atomwaffen.]
Eindeutig haben sich in ihren Wahlprogrammen nur die Linke und die Grünen für den Atomwaffenverbotsvertrag ausgesprochen, wobei ICAN hinsichtlich der Grünen bemängelt, dass sie keinen konkreten Weg dorthin aufzeigen würden: bei der Bundesdelegiertenkonferenz im Juni sei ein Änderungsantrag, der sich gegen die Anschaffung neuer Trägerflugzeuge für Atomwaffen aussprach, abgelehnt worden. SPD und FDP geben sich unverbindlich oder treffen keine Aussage dazu. Die Union bekennt sich hingegen zur nuklearen Teilhabe und Abschreckung.
Vermutlich wird nach der Bundestagswahl auch die Notwendigkeit eines wachsenden Widerstandes von unten gegen Atomrüstung bestehen und dies am besten im Bündnis mit anderen sozialen Bewegungen.
Die Teilnehmerzahl in Büchel verdeutlicht, dass das Anliegen noch viel mehr öffentliche Aufmerksamkeit benötigt und das Engagement noch massiv wachsen muss. Insbesondere müssen jüngere Leute für die atomare Bedrohung sensibilisiert werden. Das durchschnittliche Alter der Teilnehmenden lag nach meiner Einschätzung (vielleicht sogar deutlich) über 60 Jahre. Von daher aber auch ein besonderer Dank an die unentwegten Friedensbewegten in Büchel mit ihrem langen Atem.
Nebenbei: Ein Teilnehmer erinnerte mit Zitaten auf einem umgehängten, selbstgefertigten Plakat an die kürzlich verstorbene Antifaschistin Esther Bejarano: „Nie mehr schweigen, wenn Unrecht geschieht! Seid solidarisch! Helft einander! Achtet auf die Schwächsten! Bleibt mutig! Ich vertraue auf die Jugend, ich vertraue auf Euch! Nie wieder Faschismus – nie wieder Krieg!“ Esther Bejarano – Juli 2021. Rest in Power – in Liebe!

Kundgebung zum Hiroshima-Jahrestag in Mosbach

ZUM 76. JAHRESTAG DER ATOMBOMBENABWÜRFE AUF HIROSHIMA UND NAGASAKI veranstaltete die Initiative AtomErbe Obrigheim am 6. August 2021 eine Kundgebung auf dem Marktplatz Mosbach. Etwa 35 Teilnehmer*innen erinnerten an die über 150.000 Todesopfer.
In Redebeiträgen forderte die 16-jährige Schülerin Franziska Wachter zum Engagement gegen den Klimawandel auf, Arno Huth verlas ein Grußwort des Mosbacher Oberbürgermeisters und Mayor for Peace Michael Jann und verkündete, dass im Januar dieses Jahres der Atomwaffenverbotsvertrag in Kraft getreten war, und Uly Schlegel warb aus christlicher Perspektive dafür, Frieden nicht nur als Ziel anzusehen, sondern auch als Weg zu leben.

Unsere Stimme für das Atomwaffenverbot!

Die Initiative AtomErbe Obrigheim unterzeichnete zudem einen Aufruf mit, welcher die Bundesregierung auffordert, dem Atomwaffenverbotsvertrag beizutreten, die Beschaffung neuer Atomwaffen-Trägerflugzeuge für die Bundeswehr zu stoppen und für den Abzug aller US-Atomwaffen aus Deutschland zu sorgen. Die Anzeigen erschienen am 6. August in den überregionalen Tageszeitungen taz und FAZ:
Die Opfer der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 mahnen uns, für eine Welt frei von Atomwaffen einzutreten.
Heute bedrohen weltweit noch immer mehr als 13.000 Atomwaffen unsere Sicherheit. Jeder Einsatz dieser Massenvernichtungswaffen, ob vorsätzlich oder versehentlich, würde katastrophale, weitreichende und langanhaltende Folgen für Mensch und Umwelt nach sich ziehen, auch für unsere Städte und Gemeinden. Die Atommächte planen dennoch, Milliarden in die Aufrüstung ihrer Arsenale zu investieren.
Seit dem 22. Januar 2021 ist der UN-Atomwaffenverbotsvertrag in Kraft. Er verbietet allen beigetretenen Staaten u.a. die Herstellung, die Stationierung und den Einsatz von Atomwaffen. Mehr als 90 Prozent der Bevölkerung sind dafür, dass Deutschland diesem wegweisenden Vertrag beitritt. Unterstützt werden sie von weit über 100 Städten und mehreren hundert Abgeordneten aus dem Europaparlament, Bundestag und verschiedenen Landtagen.
Doch die derzeitige Bundesregierung boykottiert das Abkommen. Die Bundeswehr soll sogar neue Kampfflugzeuge für mehrere Milliarden Euro bekommen, damit sie auch zukünftig die in Büchel gelagerten Atombomben ins Ziel fliegen kann.
Am 26. September, dem von der Generalversammlung der Vereinten Nationen erklärten internationalen Tag zur Abschaffung aller Atomwaffen, ist Bundestagswahl.
Wir erwarten von der zukünftigen Bundesregierung:
  • als Beobachterin bei der 2022 stattfindenden Überprüfungskonferenz zum UN-Atomwaffenverbotsvertrag in Wien teilzunehmen – als ersten Schritt für einen raschen Beitritt Deutschlands zu diesem Vertrag;
  • die Beschaffung neuer Atomwaffen-Trägerflugzeuge für die Bundeswehr zu stoppen;
  • den Abzug aller US-Atombomben aus Deutschland
Wir unterstützen die vielfältigen Aktionen an den Gedenktagen der Atombombenabwürfe von 1945 und setzen uns mit unserer Stimme für ein generelles Atomwaffenverbot ein.

Demo gegen Höcke, Baum, AfD

Update, 6.9.2021:

WIR SIND MEHR!

RUND 600 DEMONSTRIERTEN IN LAUDA-KÖNIGSHOFEN GEGEN DEN RECHTSEXTREMEN AfD-FLÜGEL UM HÖCKE, BAUM & CO.
Ein breites Bündnis von zivilgesellschaftlichen Organisationen, lokalen Gliederungen von SPD, Grüne, Linke und DIE PARTEI, aus dem gewerkschaftlichen Spektrum und von Antifaschisten hatte zu der Demonstration mobilisiert. Es gab Redebeiträge von Vertretern des Netzwerks gegen Rechts Main-Tauber (Organisator der Demo), der Gruppe Herz statt Hetze Neckar-Odenwald, des DGB, der Kirche, von Jusos und der Grünen Jugend sowie der SPD, Grüne und Linke aus dem Main-Tauber-Kreis.
Anlass war die wiederholte Einladung des Rechtsextremen Björn Höcke in den Main-Tauber-Kreis durch Dr. Christina Baum (ex-AfD-MdL und aktuell Bundestagswahlkandidatin für den Wahlkreis Odenwald-Tauber und auf einem aussichtsreichen Platz auf der Landesliste). Anhand von Zitaten verdeutlichten die Redner der Gegendemonstration, dass Höcke und Baum rassistische, NS-verharmlosende, homophobe und völkische Positionen vertreten. Dabei lässt Höcke auch seine Bereitschaft zu gewaltsamen völkischen und politischen Säuberungen anklingen. Symbolisch wurde AfD-Propaganda und Hetze in die Mülltonne geworfen.
Anstelle des langweiligen und ausgrenzenden Titel des AfD-Programms „Deutschland, aber normal“ warben die Redner entschlossen für eine freie, offene, bunte, demokratische und solidarische Gesellschaft in Vielfalt. Ein Höhepunkt war sicherlich der Redebeitrag von Pfarrer Dr. Heiner Kücherer von der Kulturkirche Schüpfer Grund, der vielen aus dem Herzen sprach.
Vielen Dank an Euch und das Netzwerk gegen Rechts Main-Tauber.

Lauda-Königshofen: Gegendemonstration zu Höcke-Besuch am Samstag, 4. September 2021

 

Das Netzwerk gegen Rechts Main-Tauber (NGRMT) veranstaltet eine Demonstration unter dem Motto „AfD-Propaganda in die braune Tonne!“ am Samstag, 4. September.

Anlass dafür ist eine Kundgebung der AfD Main-Tauber mit dem Rechtsextremen Björn Höcke (AfD-Fraktionsvorsitzender Thüringen), ex-MdL Dr. Christina Baum (Bundestagskandidatin des Wahlkreises Odenwald-Tauber und auf einem chancenreichen Platz auf der Landesliste der AfD Baden-Württemberg), Johann Martel (Vorsitzender der AfD im Neckar-Odenwald-Kreis) und MdEP Maximilian Krah (stellvertretender Vorsitzender der AfD Sachsen) am 4. September in Lauda-Königshofen.

Das NGRMT ist ein breites Bündnis zivilgesellschaftlicher Kräfte, das sich für Demokratie, Toleranz und Vielfalt einsetzt. Es wendet sich insbesondere gegen politische Strömungen, die „die Werte des Grundgesetzes ablehnen und bekämpfen“.

Die Demonstration des Netzwerks startet um 15.30 Uhr mit einer Versammlung in der Kirchstraße und endet mit einer Kundgebung auf dem Gelände der Königshöfer Messe. Die Teilnehmenden sollen eine Mülltonne mitbringen. Die Veranstalter machen darauf aufmerksam, dass bei der Demonstration und der Kundgebung die geltenden Corona-Regeln einzuhalten sind.

Das Netzwerk gegen Rechts Main-Tauber ruft gemeinsam mit zahlreichen Organisationen zu dieser Aktion auf. Folgende Organisationen unterstützen die Demonstration: AK Toleranz und Vielfalt Osterburken, Bündnis 90/Die Grünen Lauda-Königshofen, Bündnis 90/Die Grünen Main-Tauber, Die Linke Main-Tauber, DGB Main-Tauber, Grüne Jugend Main-Tauber, Grüne Jugend Würzburg, Herz statt Hetze Neckar-Odenwald, IG Metall Tauberbischofsheim, Jusos Main-Tauber, Jusos Neckar-Odenwald, Mosbach gegen Rechts, SPD Lauda-Königshofen, SPD Main-Tauber, ver.di Heilbronn-Neckar-Franken.

 

Kundgebung zum 76. Hiroshima-Jahrestag

Kundgebung zum 76. Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki am Freitag, 6. August 2021 um 17.30 Uhr in Mosbach auf dem Marktplatz

Die Initiative AtomErbe Obrigheim ruft zum 76. Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki zu einer Kundgebung am Freitag, 6. August 2021 um 17.30 Uhr auf dem Marktplatz in Mosbach auf. Die Initiative erinnert an die über 150.000 Todesopfer. Sie möchte mit dem Gedenken aber auch auf die Verletzbarkeit der menschlichen Existenz auf unserem Planeten hinweisen und fordert auf, sich gegen Bedrohungen der Zukunft der Menschheit zu engagieren.

Sie begrüßt es, dass letztes Jahr die Stadt Mosbach und ihr Oberbürgermeister dem ICAN-Städtebündnis für eine atomwaffenfreie Welt beziehungsweise dem internationalen Zusammenschluss Mayors for Peace beigetreten sind. Freudig verweist sie darauf, dass mit dem Inkrafttreten des Atomwaffenverbotsvertrags im Januar 2021 nun Atomwaffen völkerrechtlich verboten sind. Sie bedauert die Weigerung der Bundesregierung, diesem Vertrag beizutreten, und fordert die Deutsche Bundesregierung auf, den an sie gerichteten Beschluss des Deutschen Bundestags von 2010 umzusetzen, sich mit Nachdruck für den Abzug der US-Atomwaffen aus Deutschland einzusetzen. Siehe auch hier.

Die Initiative unterstützt die Klimaschutz-Bewegungen und verweist darauf, dass die Weltuntergangsuhr (früher Atomkriegsuhr) Anfang letzten Jahres auf nur noch hundert Sekunden vor Mitternacht gestellt wurde. Seit einigen Jahren berücksichtigt diese neben der atomaren Bedrohung auch die Zerstörung der menschlichen Lebensgrundlagen durch den Klimawandel mit.

Angefragt sind Beiträge gegen Atomrüstung, gegen die Klimazerstörung durch eine Schülerin von Fridays for Future, eine Positionierung aus kirchlicher Sicht und ein schriftliches Grußwort des Mosbacher Oberbürgermeisters.

Kämpft für das Leben!

Stoppt die Klimazerstörung!

Gegen den Atomtod!

Für eine Welt ohne Atomwaffen!

Für den Erhalt und die Stärkung der Krankenhäuser im ländlichen Raum (Aufruf und Bericht)

Update vom 1.8.2021

Bericht von den beiden Kundgebungen …

Im Vorfeld des Aktionstages hatte sich das neugegründete „Bündnis für Krankenhaus und gute Arbeit Neckartal-Odenwald“ mit einer Pressemitteilung, einem Positionspapier (siehe unten) und einem Infostand in der Fußgängerzone in Mosbach zum Tag der Daseinsfürsorge am 23. Juni an die Öffentlichkeit gewandt. Die RNZ berichtete darüber am 29. Juni und am 7. Juli. Anlass sind die bevorstehende Bundestagswahl und die Sorge des Bündnisses um die Zukunft der flächendeckenden Krankenhausversorgung, insbesondere im ländlichen Raum.

Zwar bekennen sich die Parteien in der Regel zu einer guten Gesundheitsversorgung, zu gleichwertigen Lebensverhältnissen in Stadt und Land und zu guten Arbeitsbedingungen. Jedoch tendiert die umgesetzte Politik in Bund und Ländern in eine andere Richtung. Gesundheitsökonomen, neoliberale Stiftungen, Krankenkassen und ihre Institute propagieren die Schließung von mehreren hundert Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung beziehungsweise ihre Abwertung zu „Integrierten Versorgungszentren“ mit weitgehendem oder vollständigem Verzicht auf stationäre Kapazitäten. Das Bündnis befürchtet nach der Bundestagswahl einschneidende Maßnahmen.

… in Eberbach

Unterstützt wurden die beiden Kundgebungen vom DGB-Ortsverband Hirschhorn/Neckarsteinach, vom DGB-Kreisverband Neckartal-Odenwald, vom überregionalen Bündnis Klinikrettung (angesiedelt bei der Initiative Gemeingut in BürgerInnenhand) sowie von einzelnen BürgerInnen aus der Gegend um Hirschhorn, Eberbach und Mosbach. Die Kundgebung am Vormittag in Eberbach war mit etwa 20 Leuten eher mager besucht. Unter den Teilnehmenden befanden sich unter anderem Gewerkschaftsvertreter und der Eberbacher SPD-Landtagsabgeordnete Jan-Peter Röderer. Berichte siehe hier und in der RNZ Eberbach hier.

Hier die beiden Redebeiträge von Arno Huth und Kai Stöhr.

Arno Huth eröffnete seinen Beitrag mit einer Meldung von Anfang Juli, wonach der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses GBA der Ärzte, Kliniken und Krankenkassen Josef Hecken – anscheinend unbeeindruckt von der Corona-Pandemie – eine Grundgesetzänderung forderte: den Ländern solle die Planungshoheit für die Krankenhäuser entzogen werden. Denn Deutschland habe zu viele Krankenhäuser, weshalb ihre Anzahl von 1.900 auf 1.200 reduziert werden solle. Vor wenigen Jahren hatten bereits die Bertelsmann-Stiftung die Reduzierung der Zahl der Krankenhäuser auf 600, die Akademie der Wissenschaften Leopoldina sogar auf 330 empfohlen. Federführend propagiert werden Krankenhausschließungen durch die Gesundheitsökonomen und Professoren Reinhard Busse, Boris Augurzky und andere, durch neoliberale Stiftungen und Institute, durch Verbände und Institute von Krankenkassen und führende Gesundheitspolitiker. Die Bertelsmann-Studie hatte allerdings einen Ballungsraum mit hoher Versorgungsdichte in Nordrhein-Westfalen untersucht, daraus aber verallgemeinerte Schlussfolgerungen für ganz Deutschland gezogen und damit auch für viele ländliche Gegenden mit weiten Entfernungen zu den nächsten Krankenhäusern. Pauschal behaupten diese Studien, es gebe hohe Überkapazitäten in Deutschland, und es wird mit der vermeintlich schlechten Qualität von Behandlungen und von angeblicher Lebensgefahr in kleinen Krankenhäuser reißerisch argumentiert. Dabei werden fragwürdige Behauptungen aufgestellt und mit individuellen Ängsten gespielt.

Im Jahr 2004 war mit der Einführung der DRG-Fallpauschalen das Kostendeckungsprinzip abgelöst worden. Bei vielen Krankenhäuser führen die Fallpauschalen nun zu einer Unterfinanzierung und damit zu teilweise hohen Defiziten. Jedes Jahr müssen viele öffentliche Haushalte von Land- und Stadtkreisen oder Kommunen Defizite in zum Teil Millionenhöhe ausgleichen, wenn sie ihren Versorgungsauftrag aufrecht erhalten wollen, oder sie ziehen private Investoren heran, die profitorientiert wirtschaften wollen mit entsprechenden Folgen für die Beschäftigte, die Qualität und gegebenenfalls das Leistungsangebot.

Gleichzeitig wird in Deutschland die Privatisierung im Gesundheitswesen vorangetrieben, unter anderem von Krankenhäusern, aber auch mittels der Ausgelagerung von Servicedienstleistungen wie Reinigungsarbeiten, Klinikapotheken usw. Der Anteil der privatwirtschaftlichen Krankenhäuser hingegen stieg seit 1992 von 15 auf 38 %. Dabei wird auf Kosten von Personal, Arbeitsbedingungen, Löhnen und Qualität gespart. Die vier großen privaten Krankenhauskonzerne erwirtschaften im Milliardenbereich Profite und schütten Dividenden an Aktionäre aus – eigentlich Gelder, welche die Versicherten als Beiträge gezahlt haben. Die privaten haben häufig keinen öffentlichen Auftrag und sind vor allem ihrer Wirtschaftlichkeit, ihren Gewinnen und ihren Aktionären verpflichtet. Sie können sich daher auch leichter auf lukrative Behandlungen spezialisieren, bei denen bei den DRG-Fallpauschalen hohe Erlöse übrig bleiben.

Das DRG-Fallpauschalen-System schafft Anreize zu unnötigen oder Fehlbehandlungen gibt oder lädt ein zu Einfallsreichtum bei der Codierqualität, sodass besser abgerechnet werden kann. Zum Beispiel ist Deutschland bei der Anzahl der eingesetzten Kniegelenke europäischer Spitzenreiter. Ärzte, das Pflegepersonal und andere Krankenhausmitarbeiter werden angehalten, im Sinne von Wirtschaftlichkeit bei ihrer Arbeit, bei Behandlungen und in der Pflege zu handeln, anstatt ihrem eigentlichen Arbeitsethos zu folgen. Nicht unbedingt die Behandlungsqualität steht dann immer im Vordergrund, sondern die wirtschaftliche Effizienz. Desweiteren kommen die Bundesländer ihrer Pflicht zu einer auskömmlichen Finanzierung der Krankenhaus-Investitionskosten nicht nach. Es klaffe eine Milliardenlücke zwischen den Kosten für notwendige Investitionen in den deutschen Kliniken und ihrer tatsächlichen Finanzierung. Der Vorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft Gerald Gass beklagt: „Die nun schon Jahrzehnte anhaltende drastische Unterfinanzierung bei den Investitionskosten ist maßgeblich für Krankenhausschließungen verantwortlich. Anstelle dieses kalten Strukturwandels durch wirtschaftlichen Ruin muss wieder eine versorgungsorientierte Krankenhausplanung treten“. Aus einem Strukturfonds finanzieren Bund und Länder zudem den weiteren Abbau von Betten und die Schließungen von Abteilungen oder ganzen Krankenhausstandorten, seit 2016 mit jährlich einer Milliarde Euro, seit 2018 immer noch 750 Millionen Euro.

Arno Huth zeigte an dem aktuellen Beispiel der Helfenstein-Klinik in Geislingen/Steige, welche Folgen die vor anderthalb Monaten beschlossene Schließung dieser funktionierenden Klinik für die Gesundheitsversorgung in der Region haben kann, aber auch allgemein hinsichtlich des gesellschaftlichen Ziels gleichwertiger Lebensverhältnisse in Stadt und Land. Krankenhäuser im ländlichen Raum sind wichtige Arbeitgeber.

Selbst die Krise sollte dafür herhalten, Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung von der Behandlung von Covidpatienten auszuschließen, um nun hinterher zu behaupten, dass die großen Krankenhäuser die Pandemie angeblich weitgehend alleine bewältigt hätten, was zeige, dass die kleinen nicht benötigt würden. Entgegen dieser Behauptungen zeigen veröffentlichte Zahlen, dass 2020 deutschlandweit sogar rund 40 Prozent der COVID-Intensivpatienten nicht bei Maximalversorgern lagen. Diese Politik steht auch im Widerspruch zu Feststellungen des „Grünbuch 2020 – zur Öffentlichen Sicherheit“ des Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit e. V., beauftragt von den Bundesministerien des Inneren, der Forschung und der Bildung: „Die … dargestellte künftige Struktur der stationären Notfallstufen berücksichtigt nur unzureichend die erforderlichen kapazitiven Vorhaltungen zur Bewältigung eines eskalierenden Ausbruchs einer Infektionskrankheit, deren adäquate Bereitschaftsplanung und Evaluierung, kontinuierliches Training und Übung. … Die Gesundheit der Bevölkerung ist Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge, sodass Versorgungskapazitäten auch mögliche Krisensituationen berücksichtigen sollten. Der Mangel an medizinischem und pflegerischem Fachpersonal muss konsequent angegangen werden. Hier bedarf es einer angemessenen Vergütung, besserer Arbeitsbedingungen und guter Ausbildungsstrukturen.“

Arno Huth verwies auf eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag von Gemeingut in BürgerInnenhand, wonach sich 88% gegen Klinikschließungen aussprachen und zu 96% für den Vorrang der Patientenversorgung gegenüber einer Wirtschaftlichkeit der Krankenhäuser. Er appellierte abschließend, die Parteien, Politiker und Bundestagskandidaten zu klaren Aussagen und Bekenntnissen aufzufordern und sich auch nach der Bundestagswahl für den Erhalt und die Ertüchtigung der Krankenhäuser – insbesondere im ländlichen Raum – einzusetzen.

Kai Stöhr vom DGB Ortsverband Hirschhorn/Neckarsteinach fasste eingangs einen aktuellen Bericht der RNZ kurz zusammen: „Ein junges Paar pendelte täglich von Eberbach nach Heidelberg in die Geburtshilfestation zur Untersuchung. Eines Tages setzen die Wehen ein und bis sie im Krankenhaus ankommen ist das Baby schon auf der Welt.“ Hintergrund: „Die Geburtsstation im Eberbacher Krankenhaus wurde schon vor Jahren geschlossen, 2020 auch die im Krankenhaus in Mosbach.“ Jetzt gebe es im ganzen Neckartal zwischen Heilbronn und Heidelberg keine Geburtsstation mehr.

Kai Stöhr zeigte auf, wie mittels verschiedener Gesetzesänderungen seit 1984 es Krankenhäusern ermöglicht wurde, Gewinne erzielen. So tauchten auch die ersten privaten Betreibergesellschaften auf: „Mittlerweile ist offensichtlich, dass die Ermöglichung von Gewinnen und nicht die Sorge um die Gesundheit der Menschen der entscheidende Faktor für das Engagement der privaten Krankenhausgesellschafter war. Schließlich lockte ein milliardenschwerer Markt. Derzeit erreicht die Krankenhauswirtschaft in Deutschland einen Umsatz von 100 Milliarden Euro – für private Klinikkonzerne ein enormes kapitalistisches Mehrwertvolumen mit hohen Profitraten. Den privatisierten »Markt« teilen sich insbesondere vier große Konzerne: Fresenius/Helios SE, Asklepios Kliniken GmbH, Röhn AG und Sana AG. … Finanziert wird das alles mit unseren Krankenkassenbeiträgen, auf dem Rücken von Personal und Patienten! … Und hier geht es nicht um hochwertige und bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Vielmehr geht es um eine (finanzielle) Luxusversorgung von Eigentümern und Aktionären, sowie Kanzleien und Beratungsunternehmen.“

„Der Markt ist blind gegenüber dem Versorgungsbedarf. Das führt dazu, dass Häuser schließen oder verkauft werden, die eigentlich nicht geschlossen oder verkauft werden sollten.“ Für Kai Stöhr ist die »Bertelsmann-Studie« „der Inbegriff des Lobbyismus zugunsten der privaten Krankenhauskonzerne“, was keine Überraschung sei: „Frau Brigitte Mohn ist nicht nur Gesellschafterin der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft und Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung, sondern auch Mitglied im Aufsichtsrat der Rhön Klinikum AG.“ Aktuell stagniere der Markt der privaten Krankenhäuser. Daher werde „der Focus auf andere Betätigungsfelder geworfen: Integrierte Gesundheitskonzerne, Campus-Konzepte, der Plattform-Gedanke: Die Privaten drängen seit Jahren zunehmend in den ambulanten Sektor, in den Bereich der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ).

Kai Stöhr forderte ein gestuftes System der Krankenhauslandschaft: „Eine Landschaft, die oben bei den Universitätskliniken anfängt. Es gibt Maximalversorger und Regelversorger in den größeren Städten und in den mittleren Städten auch Regel- und Grundversorger. In ländlichen Regionen sollen Krankenhäuser auch auf der ambulanten Schiene tätig sein können. Wenn Krankenhäuser keine Gewinne mehr machen und ihre Kosten stattdessen refinanziert würden, wäre der Durchmarsch der Privaten schnell zu Ende. Der Staat muss wieder seiner ureigensten Aufgabe, der Sicherstellung der Daseinsvorsorge, nachkommen. Schluss mit Gewinnen privater Firmen aus dem solidarisch finanzierten Gesundheitssystem! Die Gewinne der Aktionäre sind die Beiträge der Versicherten. Die wurden über das Krankenhaus in Dividenden umgewandelt. Das ist eine systematische Umverteilung von Versicherungsbeiträgen. Ohne adäquate Alternativen zur wohnortnahen Versorgung, darf es keine Schließung einer Klinik geben.“

Kai Stöhr forderte abschließend einen offenen Umgang mit der Thematik: „Dazu gehört auch zu sagen, dass gute Medizin Geld kostet. Was die Politik den Beitrags- und Steuerzahlern nicht zumuten mag, wird auf dem Rücken von Ärzten und Pflegekräften ausgetragen. Und damit auf dem der Bürger.“

… und in Mosbach

Zu der Kundgebung am Nachmittag auf dem Marktplatz in Mosbach fanden sich etwa 40 Leute ein, darunter die Bundestagsabgeordnete Charlotte Schneidewind-Hartnagel (Bündnis 90/Die Grünen) und der Geschäftsführer der Neckar-Odenwald-Kliniken Frank Hehn. Auf Anfrage hatte der Landrat des Neckar-Odenwald-Kreises Dr. Achim Brötel ein ausführliches schriftliches Grußwort (hier der ganze Text) beigesteuert, das in großen Teilen verlesen wurde. Brötel hatte sich schon im November 2020 mit einer Corona-Zwischenbilanz und einem Hilferuf an seine Parteifreundin, die Bundeskanzlerin, gewendet: „Ohne eine flächendeckende und nachhaltig finanzierte Krankenhausstruktur wird es künftig weniger denn je gehen“. Die Antwort, die fast ein Vierteljahr benötigte, war jedoch eine Enttäuschung. Zudem veröffentlichte Brötel in den Landkreisnachrichten vom 17.7.2020 „Ein Plädoyer zur Wiederentdeckung des Menschen“.

Hier das ganze schriftliche Grußwort von Landrat Dr. Achim Brötel.

In seinem Grußwort betonte die Bedeutung der Krankenhäuser in Mosbach, Buchen und Hardheim für die Gesundheitsversorgung in der Region und während der Corona-Pandemie. Er dankte dafür allen Kolleginnen und Kollegen in den Kliniken für ihre herausragende Leistung.

Die Rahmenbedingungen jedoch hätten sich die letzten zwanzig Jahre kontinuierlich und dramatisch verschlechtert. Das Vergütungssystem decke weder die Vorhaltung noch Erbringung der Leistungen ausreichend ab. Er äußerte den Eindruck, „dass hier in Wirklichkeit eine gewollte Strukturveränderung zulasten der Menschen betrieben wird“.

Brötel verdeutlicht dies am Beispiel der Inneren Medizin in den Neckar-Odenwald-Kliniken: trotz der jahresdurchschnittlichen Auslastung von 106 % im Jahr 2019 ergab sich in diesem Sektor ein Verlust von über 3 Millionen Euro. Dazu trugen aufgrund der Demografie im ländlichen Raum viele geriatrische Diagnosen bei, die aber mit nur niedrigen DRG-Fallpauschalen vergütet würden. Derartige Fallgestaltungen würden in einer alternden Bevölkerung aber nicht weniger, sondern nähmen künftig sogar noch mehr zu. Daher habe der Kreis seit Einführung der Fallpauschalen insgesamt mehr als 90 Millionen Euro zum Ausgleichen von Defiziten aufbringen müssen.

Landrat Dr. Brötel: „Die Bedeutung unserer Kliniken für die gesamte Raumschaft lässt sich sehr gut an einigen wenigen Kennziffern festmachen. So haben allein die Neckar-Odenwald-Kliniken in den letzten Jahren (vor der Pandemie) konstant immer rund 61.000 Patientinnen und Patienten pro Jahr versorgt, darunter etwa 18.000 stationär und rund 43.000 ambulant. Keines der größeren Häuser in der erweiterten Region könnte eine derartige Zahl von Patientinnen und Patienten auch noch zusätzlich übernehmen. Wenn es die Neckar-Odenwald-Kliniken nicht mehr gäbe, blieben diese Menschen deshalb schlicht unversorgt.“

Brötel hinterfragt die kalte Ökonomisierung des Gesundheitswesens und fordert ein Umdenken: „Kann und darf es eigentlich wirklich sein, dass wir unser Gesundheitswesen nur noch am Maßstab von Zahlen messen? Geht es da nur noch um DRGs und OPS-Schlüssel, Zu- und Abschläge, Mengenentwicklungen und Mengensteuerungen, Grenzverweildauern und ähnliches? Sind es denn nicht Menschen (und keine anonymen „Mengen“), die dort als Patientinnen und Patienten behandelt werden? Und: sind es nicht auch Menschen (und keine anonymen „Personalschlüssel“), die dort unter allerdings zunehmend unmenschlicher werdenden Bedingungen arbeiten? … Wir müssen auch bei der Gesundheitsversorgung endlich umdenken und dabei vor allem den Menschen als ganz zentralen Faktor im deutschen Gesundheitswesen wiederentdecken. Die alles entscheidende Frage lautet deshalb doch: Was brauchen die Menschen im ländlichen Raum wirklich zwingend an familien- und wohnortnaher medizinischer Grundversorgung und was ist stattdessen vielleicht auch verzichtbar? Dabei kann man … durchaus auf die menschliche Biografie als Leitlinie zurückgreifen. Wir kommen auf die Welt. Dafür braucht es eine Geburtshilfe. Wir werden älter und stehen in der Ausbildung oder später im Beruf – mit allen Risiken, die das Leben für uns eben bereithält: der Arbeitsunfall, die Freizeitverletzung, der akute Blinddarm, aber auch der Verkehrsunfall, der Herzinfarkt oder der Schlaganfall. Das sind Eventualitäten, die einfach nicht planbar sind. Dafür braucht es einen leistungsfähigen Rettungsdienst und eine wohnortnahe Notfallversorgung, zumindest im Sinne einer Erstversorgung. Und: wir werden (hoffentlich) alt. Dann brauchen wir entsprechende Angebote für die überwiegend altersbedingten Krankheitsbilder in der Inneren Medizin und der Geriatrie, sowie eine menschenwürdige Palliativversorgung“.

Als Huth beim Verlesen von Brötels schriftlichem Grußwort im Zusammenhang mit den biografischen Dimensionen nebenbei auf den Zeitungsartikel in der RNZ über eine Geburt im Auto während der Fahrt von Eberbach nach Heidelberg hinwies, weil im ganzen Neckartal zwischen Heilbronn und Heidelberg keine Geburtsstation mehr ist, äußerten ein paar Zuhörende ihren Unmut: als Aufsichtsratsvorsitzender sei der Landrat mitverantwortlich für die Schließung der Geburtshilfe letztes Jahr in Mosbach. [Anmerkung dazu: Brötel erklärt dazu nachträglich, dass der Neckar-Odenwald-Kreis für Frauen aus Eberbach keinen Versorgungsauftrag habe. Hingegen müsse sich auch der vermögendere Rhein-Neckar-Kreis fragen lassen, warum er schon vor Jahren die Geburtshilfe in Eberbach geschlossen habe. Und unabhängig davon sei von Eberbach aus die Geburtshilfe in Buchen definitiv schneller erreichbar gewesen als die in Heidelberg und im Zweifel sogar schneller als die in Mosbach. Dies bestätigt auch eine Entfernungsrecherche.]

Vielleicht weist diese Kontroverse aber auch auf begrenzte Möglichkeiten kommunalen Handelns hin, sodass nun der Gesetzgeber auf Bundesebene handeln müsste: Ohne dass Brötel alle Punkte des Positionspapiers des Bündnisses teilt, fordert er eine flächendeckende und nachhaltig finanzierte Krankenhausstruktur als wesentlichen Eckpfeiler kommunaler Daseinsfürsorge. Dafür lohne es sich allemal, gemeinsam zu kämpfen.

Simon Schreiweis, Betriebsratsvorsitzender der Neckar-Odenwald-Kliniken, zeigte beherzt die Nöte der Beschäftigten auf. Er sorgt sich angesichts der Zentralisierungen um die Zukunft der Gesundheitsversorgung im Ländlichen Raum. Angesichts des Personalmangels im Gesundheitswesen warb für gute Arbeitsbedingungen, um mit genügend motiviertem Personal – neben Ärzten und Pflegekräften auch das Reinigungs-, Küchen-, Technik- und Verwaltungspersonal – eine Klinik am Laufen zu halten. Vielen Pflegekräften gehe es dabei nicht vorrangig um eine bessere Bezahlung: „Ich will lieber eine helfende Hand, keinen Nachtdienst mehr alleine, eine echte [geregelte] Pause, ein garantiertes Frei“, und dass Überstunden wieder mit Freizeit ausgeglichen werden. Dass „der Feierabend bzw. das Dienstende nach Bewältigung des Arbeitspensums einigermaßen pünktlich erreichbar ist.“ Arbeit dürfe auch das Gesundheitspersonal nicht krank machen, um zu verhindern, dass diese aus ihrem Beruf aussteigen, was den Personalmangel weiter verschärfen würde. Er warnte davor, dass Pflegekräfte und Ärzte sich krank zur Arbeit schleppen, weil niemand da ist, der für sie einspringen könne.

„Da helfen keine Personaluntergrenzen – die ja eh nichts tauchen, weil da nur Köpfe aber nicht die Arbeitsbelastung gewertet wird. Die steigende Arbeitsbelastung lässt viele Mitarbeiterinnen im Gesundheitswesen aussteigen, besser gesagt die Flucht ergreifen. Ein Drittel denkt darüber nach – was wenn die ernst machen? Personalmangel haben wir ja jetzt schon, der Kampf um Fachkräfte tobt: Kopfpauschalen, Headhunter, Werbe- und Halteprämien. Wer es sich leisten kann schickt so was an die Arbeitsmarktfront. Die andern stehen hinten an.“

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft, der Deutsche Pflegerat und die Gewerkschaft Ver.di haben daher vor anderthalb Jahren einen Vorschlag zur Bestimmung des Pflegepersonalbedarfs vorgelegt, das den tatsächlichen Zeitbedarf eines Patienten abbilde. Der Vorschlag wurde mittlerweile jedoch vom Bundesgesundheitsminister zurückgewiesen.

Simon Schreiweis fasste abschließend zusammen: „Es gilt die vorhanden Kliniken zu finanzieren statt zu ruinieren, besonders die im ländlichen Raum. Und die Arbeit im Gesundheitswesen darf nicht krank machen!“

Positionen und Forderungen des Bündnisses für Krankenhaus und gute Arbeit Neckartal-Odenwald

(Stand 15.7.2021)

Anlässlich der bevorstehenden Bundestagswahl am 26. September 2021 und in Sorge um den Erhalt der flächendeckenden Krankenhausversorgung wenden wir (das neugegründete „Bündnis für Krankenhaus und gute Arbeit Neckartal-Odenwald“) uns mit unseren Positionen und Forderungen an die Öffentlichkeit.

Für den Erhalt und die Stärkung der flächendeckenden Krankenhausversorgung!

Für gute Arbeitsbedingungen: Krankenhäuser sind keine Fabriken!

Unsere Gesundheit darf keine Ware sein – keine Profite mit Krankenhäusern! Stoppt die Privatisierungen!

Zwar bekennen sich die Parteien zu einer guten Gesundheitsversorgung, zu gleichwertigen Lebensverhältnissen in Stadt und Land und zu guten Arbeitsbedingungen. Jedoch tendiert die umgesetzte Politik in Bund und Ländern in eine andere Richtung. Gesundheitsökonomen, neoliberale Stiftungen, Krankenkassen und ihre Institute propagieren die Schließung von mehreren hundert Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung beziehungsweise ihre Abwertung zu „Integrierten Versorgungszentren“ mit weitgehendem oder vollständigem Verzicht auf stationäre Kapazitäten.

Daher rufen wir auf:

                    Kundgebungen am Samstag, 17. Juli 2021

                    – in Eberbach (am Neuen Markt um 10.30 Uhr) und

                    – in Mosbach (Marktplatz um 15.30 Uhr)

Unsere Forderungen als Bürgerinnen und Bürger sowie (potentielle) Patientinnen und Patienten:

+ Erhalt und Ertüchtigung der bestehenden Krankenhausinfrastruktur in Deutschland statt Rückbau-, Schließungs- und Konzentrationsprozesse.

+ Für eine kostendeckende Krankenhausfinanzierung und die Abschaffung der DRG-Fallpauschalen. Das System der DRG-Fallpauschalen führt auch zu Mangelversorgung und schafft Anreize zu wirtschaftlich lukrativen, aber unnötigen Fehlbehandlungen.

In Modellen der Finanzierung des Gesundheitswesens könnten verschiedene sozialere Möglichkeiten erwogen werden: Steuerfinanzierung (wer viel verdient, zahlt dann prozentual höhere Beitragssätze), allgemeine Pflichtkrankenversicherung für alle, eine einheitliche Krankenversicherungskasse für alle (statt rund 100 Krankenkassen in Deutschland samt den unnötig mehrfach vorgehaltenen Bürokratien), Heranziehung anderer Einkommen als nur die Arbeitnehmer- und -geberanteile von Arbeitseinkommen.

+ Ausreichende Investitionsförderung (bisher kamen Länder und Bund ihren diesbezüglichen Verpflichtungen unzureichend nach, es gibt einen Investitionsstau von mehreren Milliarden Euro). Investitionen in moderne Technik, Digitalisierung (aber nicht, um die Gesundheitsindustrie mittels Datenmissbrauch zu bedienen), Vernetzung von kleinen und großen Krankenhäusern (Konsultationen, Austausch, professionelle Weiterleitung nach Erstversorgung usw.) – dies geht nur, wenn sie nicht in einem wirtschaftlichen Konkurrenzverhältnis stehen.

+ Ertüchtigung der kleinen Krankenhäuser (insbesondere im ländlichen Raum), anstatt ihnen weitere Kompetenzen zu nehmen. So fördern Bund und Länder den Abbau von Betten und die Schließungen von Abteilungen oder ganzen Krankenhausstandorten mittels Geldern aus einem Strukturfond (seit 2016 jährlich eine Milliarde Euro, seit 2018 immer noch 750 Millionen Euro).

+ Keine weitere Abwertung von Krankenhäusern der Grund- und Regelversorgern zu sogenannten Integrierten Versorgungszentren IVZ oder ähnliche Einrichtungen mit anderen klingenden Bezeichnungen wie zum Beispiel Gesundheitscampus. Gegebenenfalls sind Investitionen zur Aufbesserung als vollwertige Grund- und Regelversorger insbesondere in unterversorgten Regionen notwendig. Dazu zählen die Fachabteilungen bzw. Funktionseinheiten der Inneren Medizin, Chirurgie, Gynäkologie/Geburtshilfe, Intensivstation und Notfallversorgung (Notfallstufe 1). Stattdessen wurde 600 kleineren Krankenhäusern im Jahr 2018 die Zuschläge für die Notfallversorgung gestrichen.

+ Für gleichwertige Lebens- und Arbeitsverhältnisse in Stadt und Land, auch im Gesundheitsbereich (unter anderem Berücksichtigung der 30-Minuten-Erreichbarkeit von Krankenhäusern für alle Menschen).

+ Eine Planung der Krankenhauslandschaft, die sich an Bedürfnissen von BürgerInnen, PatientInnen und Beschäftigten orientiert. Stattdessen sind in den Gremien und Beiräten beim Bundesgesundheitsministerium ständig dieselben Gesundheitsökonomen, die Interessenskonflikte haben und mit neoliberalen Stiftungen und Instituten verbunden sind.

+ Als Übergangsregelung bis zu einer Entscheidung fordern wir die volle Finanzierung der Kosten der Krankenhäuser während der Corona-Pandemie.

+ Grundlage für eine Krankenhausplanung sollte nicht die durchschnittliche Auslastung sein, die zum Beispiel jahreszeitliche Schwankungen oder unvorhergesehene Ereignisse nicht berücksichtigt, sondern die Maximalauslastung. Dies beinhaltet auch die Vorhaltung von Kapazitäten für zukünftige Pandemien und Katastrophen. Gerade in der Corona-Pandemie hat sich ein abgestimmtes Miteinander der Kliniken unterschiedlicher Versorgungsstufen in den Regionen bewährt.

Stattdessen nehmen Gesundheitsökonomen die Corona-Pandemie unter Berufung auf fragwürdige Studien unverschämterweise als Anlass, die Zerschlagung der Krankenhauslandschaft verschärft voranzutreiben: die kleinen Krankenhäuser hätten zur Bewältigung der Corona-Pandemie keinen wichtigen Beitrag geleistet.

Unsere Forderungen als Beschäftigte:

+ Die DRG-Fallpauschalen und andere marktwirtschaftliche Instrumente führen zu Druck auf die Beschäftigten, die betriebswirtschaftlich denken und handeln sollen, anstatt dass sie als ÄrztInnen, PflegerInnen und andere ungestört ihrem eigentlichen Auftrag der Behandlung und Versorgung der PatientInnen nachgehen können.

+ Keine Privatisierungen von Krankenhäusern, Teilbereichen oder Serviceleistungen und damit Profiterzielung auf Kosten von Beschäftigten (Personaleinsparungen und weitere Arbeitsverdichtung). Die in der Gesundheitsversorgung eingesetzten öffentlichen Mittel der Beitrags-zahlerInnen dürfen nicht in private Taschen fließen. Gegebenenfalls sind privatisierte Krankenhäuser wieder in öffentliche Hände rückzuführen (Wiedervergesellschaftung).

+ Die Krankenhäuser gehören der Bevölkerung und nicht den neoliberalen Marktakteuren und -strategen. Entscheiden müssen Pflegefach- und Sachverständige.

– Privatisieren bedeutet immer auch Gewinnorientierung und Kosteneffizienz –

Leichtfertig werden Personalkosten gespart, weniger Menschen eingestellt und der Arbeitsdruck erhöht.

+ Tarifbindung für alle Klinikangestellten. Volle Rückvergütung für die Krankenhäuser bei Lohnerhöhungen für die Beschäftigten. Gewinnen und Wiedergewinnung von Ärzten und Pflegepersonal durch attraktivere Arbeitsbedingungen, bessere Bezahlung und Stärkung der Ausbildung, anstatt ausgebildetes Personal aus anderen Ländern abzuwerben

Kontakt: forum-soziales-no@posteo.de

Über Meinungsfreiheit und Hetze:

Eine Aktuelle Stunde im Bundestag und AfD-MdL Uwe Wanke

7. Mai 2021

Nachdem Uwe Wanke letztes Jahr in die baden-württembergische Landtagsfraktion der AfD nachrückte, brachte er es zum Abschluss seiner kurzen Karriere als Abgeordneter auch noch zu einer Erwähnung im Bundestag, nämlich anlässlich einer von der AfD-Fraktion verlangten Aktuellen Stunde zum Thema „Meinungsfreiheit schützen, Zensur verhindern – Debattenkultur bewahren“.

Das hatte Wanke sich vermutlich so nicht vorgestellt, als er sich vor über zwei Jahren mit der Mehrheit seines Kreisverbandes im Neckar-Odenwald-Kreis überworfen hatte. In Anspielung auf eine klassische Karrikatur postete er: der rechte Flügel habe das Ruder übernommen, und „der Lotze“ (gemeint ist Wanke als Wiedergänger Bismarcks) gehe von Bord.

Im Sommer 2019 bat er verschiedene Initiativen, sie mögen doch von ihren Internetseiten seinen Namen entfernen: er habe sich von der AfD dauerhaft entfernt und möchte aufgrund beruflicher Interessen nicht mehr mit der Partei in Verbindung gebracht werden. Er arbeite auch daran, seine Facebook-Seite verschwinden zu lassen. Auf mehrmalige Rückfrage gestand Wanke schließlich aber ein, dass er immer noch Mitglied der Partei sei.

Als Uwe Wanke dann im Sommer 2020 für die AfD in den Landtag nachrückte, gaben sich Kreisverband und Wanke höflich und versöhnlich: der Kreisverband freue sich und wolle Herrn Wanke unterstützen. Das Zerwürfnis wurde nicht mehr erwähnt. Die berufliche Beschädigung dadurch, dass Wanke wieder öffentlich mit der AfD in Verbindung gebracht wird, kann er verständlicherweise dank der Bezüge als Landtagsabgeordneter wieder wett machen.

Wanke bemühte sich auf seine Weise sogar um Seriösität und machte im Sommerurlaub 2020 eine Tour durch die Region, bei welcher er verschiedene Gedenkorte für Opfer des Nationalsozialismus (KZ-Gedenkstätten und -Friedhöfe, das Mahnmal in Neckarzimmern für die deportierten Juden Badens usw.) besuchte und Kränze zum Gedenken abwarf. In einem seiner ersten Redebeiträge im Landtag kümmerte er sich um das unter der Corona-Pandemie und den Anti-Corona-Maßnahmen leidende Vereinsleben.

Uwe Wanke führte inzwischen auch wieder zwei Facebook-Seiten. Ein vom ihm dort veröffentlichter Beitrag schaffte es inzwischen zu Erwähnungen auf mehreren Seiten im Internet (zum Beispiel von einer Recherche-Gruppe https://www.facebook.com/dieinsider/posts/852691835282627 ) und war schließlich traurigerweise – wie eingangs erwähnt – heute Gegenstand eines Beitrags im Bundestag:

Rede von Anke Domscheit-Berg (Die Linke):

“ […] Wieder einmal sieht die AfD die Meinungsfreiheit in Gefahr und glaubt, man könne nicht mehr sagen, was man will. Es stört sie, dass Dritte manche Meinungsäußerungen als menschenfeindlich, rassistisch oder schlicht als Desinformation entlarven. Auch die existierenden Grenzen der Meinungsfreiheit – Beleidigungen, Drohungen, Glorifizierung von Gewalt oder Volksverhetzung – sind der AfD ein Dorn im Auge. Vielleicht wegen solcher Beispiele:

Bodo Radtke, AfD-Stadtverordneter in Oranienburg, der Stadt, in der sich das KZ Sachsenhausen befand, wurde gerade diese Woche frisch rechtskräftig verurteilt wegen Volksverhetzung und Holocaust-Leugnung.

Die AfD will auch Freiheit zum Schüren von Hass und Gewalt. Weil ihnen der Mord an Walter Lübke keine Warnung ist, weil sie bewusst in Kauf nimmt, dass aus Worten der Gewalt Taten der Gewalt werden. Es ist eine Beleidigung der Mütter und Vater unseres Grundgesetzes, dass ausgerechnet die AfD so tut, als wolle sie Grundrechte verteidigen.

Ein Beispiel: Ende 2020 verbreitete Uwe Wanke, Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg für die AfD, einen ein Jahr alten Video-Ausschnitt einer Bundestagsrede eines CDU-Abgeordneten zur Masern-Impfpflicht und schreibt darunter: „Wer sich nicht freiwillig impf, wird zwangsweise geimpft.“ In diesem Video sagte der CDU-Abgeordnete folgendes: „Meine Assoziation zur Impfpflicht ist, ein Kind, dessen Eltern sich weigern das Kind impfen zu lassen, bekommen Besuch von der Polizei, das Kind wird ihnen entzogen und in ein Gesundheitsamt gebracht, und dort wird eine Pflichtimpfung durchgeführt.“ Das was der CDU-Abgeordnete danach sagt, schneidet der Landtagsabgeordnete der AfD jedoch ab. Es ist der entscheidende Satz: „Das ist nirgendwo in diesem Gesetzentwurf zu finden.“

Diese durch den Video-Ausschnitt absichtlich falsche Darstellung wurde Tausende Male gelikt. Darunter finden sich entsetzliche Kommentare, die sich direkt auf ein Mitglied dieses Hauses beziehen. […] so spricht man bei der AfD im Internet und die Welt soll das wissen: „Sofort erschießen die Ratte“, steht da. „So was gehört an die Wand oder besser an den Galgen.“ „Da hilft nur noch ein Kopfschuss.“ „Du dreckiges Stück Scheiße, Dich sollte man aufhängen, Du Fettsack.“ „Du Wichser, ich schneide Dir Deinen Kopf ab.“ „Dem sollte man den Schädel einschlagen.“ Diese widerwärtigen Mordphantasien gegen einen Bundestagsabgeordneten aufgrund einer gezielten Desinformation eines Landtagsabgeordneten der AfD stehen seit 27 Wochen ungelöscht dort. Das ist Kriegsführung im Informationszeitalter.

Der AfD ist jedes Mittel recht, um ihre Facebook-Kumpane gegen alle aufzuhetzen, die ihnen nicht in den Kram passen. Sie kennt keine Grenzen, keine Scham und keinen Anstand, und holt aus manchen Menschen das Schlechteste heraus. Die AfD schürt auch Misstrauen in Demokratie, Institutionen und ihre Prozesse, um sie zu zerstören. Sie schreit wie Trump „Wahlbetrug“, wenn ihr ein Wahlergebnis nicht gefällt. Sie greift die Freiheit der Forschung an. Sie will ForscherInnen vorschreiben, woran sie zu forschen haben und diskrediert Geschlechterforschung als Gender-Gaga. Dabei weiß inzwischen jeder, dass der Einzige, der gender-gaga ist, ist die AfD.

Die AfD attackiert auch die Pressefreiheit. Ihre Mitglieder behaupten ständig, bei uns gäbe es nur noch gleichgeschaltete Lügenpresse. Deshalb brauchen JournalistInnen heute bei ihrer Arbeit Polizeischutz, wenn sie live von einer Demo berichten wollen. 60 Prozent JournalistInnen in Deutschland sagen jetzt, dass sie die Freiheit ihrer journalistischen Arbeit und ihre Unabhängigkeit in Gefahr sehen. Diese Bedrohung für JorunalistInnen heizen die AfD aktiv an, und dafür empfinde ich tiefste Verachtung.

Es gibt in Deutschland kein Problem mit der Meinungsfreiheit. Was wir haben ist ein Problem mit verquerdenkenden Faktenleugnern und mit Nazis, die davon träumen, den Reichstag zu stürmen; Medienhäuser zu besetzen und tatsächlich gleichzuschalten, Wissenschaft in ihrem Sinne zu beeinflussen, und diejenigen zu bestrafen, die ihren Hass nicht teilen wollen und sich ihm entgegen stellen wollen. […] “

(Arno Huth)

Vor 80 Jahren in Oberschefflenz: Die Hinrichtung des Władysław Skrzypacz

von Arno Huth, 22. April 2021

Anfang der 1960er Jahre ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen den Kriminalsekretär Dr. Heinrich Faber hinsichtlich der Exekution von mindestens 38 polnischen Landarbeitern in den Jahren 1941 und 1942 in Baden wegen sogenannter „geschlechtsvertraulicher Beziehungen“ zu deutschen Frauen. Faber war diesbezüglich zuständiger Abteilungsleiter der Gestapo-Leitstelle Karlsruhe. Zwei Fälle stammen auch aus dem Bereich des heutigen Neckar-Odenwald-Kreises: am 22. April 1941, also genau vor 80 Jahren, wurde in Oberschefflenz der 27-jährige Wladyslaw Skrzypacz erhängt sowie am 9. März 1942 in Hardheim der 25-jährige Stanislaw Piaskowski.

Polnische Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft während der Zeit des Zweiten Weltkriegs

Um deutsche Landwirte, die zur Wehrmacht in den Krieg eingezogen worden waren, zu ersetzen, wurden Hunderttausende vor allem junge Polen und Polinnen aus den besetzten Gebieten für die Zwangsarbeit in der Landwirtschaft ins Reich verschleppt. Auch in Oberschefflenz mussten auch polnische und polnisch-ukrainische Zwangsarbeiter (neben französischen Kriegsgefangenen) in landwirtschaftlichen Betrieben arbeiten: eine Liste vom Juli 1943 führt 24 polnische Landarbeiter (14 Männer und 10 Frauen) und ihre Arbeitgeber auf. Viel ist über sie nicht mehr bekannt. Die Polen wurden in einer zum Schlafquartier umfunktionierten Scheune in der Ringelgasse untergebracht.

So berichtet ein Einwohner von Schefflenz: „Wir hatten einen polnischen dienstverpflichteten Zivilarbeiter, Michel mit Vornamen, der bei uns arbeitete und von uns verpflegt wurde. Zum Schlafen musste er in das Polenlager. Er war etwa ein Jahr bei uns. Bei einem Streit zwischen Polen und Ukrainern erhielt er drei gefährliche Messerstiche und musste ins Krankenhaus. Das war Ende 1941 oder Anfang 1942. Nach ihm erhielten wir den Ukrainer Alexander Micztal. Er arbeitete und wohnte bei uns bis zum Kriegsende.“ Gemeint ist eventuell der damals 16-jährige Ukrainer Oleksander Mischtal aus der damals zu Polen gehörenden Woiwodschaft Stanislawow.

Eine andere Schefflenzerin berichtet: „Der Pole Mieczyslaw Sieranz arbeitete bei uns. Er hat mich nach dem Krieg mehrmals eingeladen. Ich habe ihn und seine Frau 1986 in Polen besucht. Mit seiner Frau Czeslawa, geborene Czaban, war unser Pole schon in Oberschefflenz befreundet. Als sie später in Muckental arbeiten musste, kam sie jeden Sonntag zu Fuß hierher. Bei uns arbeitete und wohnte auch ihre Schwester Hanka Czaban, die 14 Jahre alt war. Niemand wollte sie nehmen, da haben wir sie halt genommen. Vorher hatten wir einen französischen Kriegsgefangenen. Er wurde krank und kam ins Lager. Er weinte, als er von uns weg ging.“

Eine Aufstellung der Stadt Mosbach vom 14.6.1946 verzeichnet 288 „geschlossene Ehen von Ausländern seit dem 2.9.1939“. Fast alle sind polnische Frauen und Männer, die nach ihrer Befreiung Anfang April 1945 im Lager für Displaced Persons in Mosbach (auf dem Gelände des heutigen Nicolaus-Kistner-Gymnasiums) untergebracht worden waren. Darunter auch die Ehe von Mieczyslaw Sierzant (geboren 1921 in Zalecze) und Czeslawa Czaban (geboren 1925 in Lemberg, dem heutigen Lwow in der Ukraine).

Auch die früheren Zwangsarbeiter in Oberschefflenz Stanislaw Gorak (geboren 1919 in Zalecze) und Janina Lubieniecka (geboren 1923 in Chorzow) heirateten im Lager Mosbach.

Wladyslaw Mulak (geboren 1922 in Narol in der Provinz Zamosc) gibt 1949 an, dass er als Landarbeiter in Oberschefflenz arbeiten musste, nach der Befreiung von April bis Juni 1945 im Displaced-Persons-Lager Mosbach lebte, bis Ende 1945 als Küchenarbeiter bei amerikanischen Truppen in Aglasterhausen arbeitete und seither in Karlsruhe wohnte. Etwa 1947 oder 1948 heiratete er die Arbeiterin Hannelore Hein aus Karlsruhe. Wladyslaw Mulak wollte wegen des kommunistischen Regimes nicht mehr nach Polen zurückkehren und stattdessen lieber in die USA auswandern, wo eine Tante in Detroit lebte. Vermutlich sein Cousin Kazimierz Mulak, der mit ihm nach der Befreiung als Displaced Person in Karlsruhe sich aufhielt, kehrte hingegen im Dezember 1946 nach Polen zurück.

Foto: Wladyslaw Mulak nach der Befreiung etwa 1947 in Karlsruhe.

Die Stellung der polnischen Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft

Strenge Verordnungen bei Androhung harter Strafen regelten die Unterbringung, den Arbeitseinsatz und die Stellung der polnischen Zwangsarbeiter in den Dörfern. Nicht selten waren es jugendliche Leute, die von ihrer Familie getrennt und aus ihrer Heimat verschleppt worden waren und nun in der Fremde weitgehend rechtlos waren. Wie sich ihre Lebenssituation aber konkret gestaltete, hing oft auch von den Verhältnissen bei ihren Arbeitgebern, in den Unterkünften und in den Dörfern ab. Erst im letzten Kriegsjahr wurde ihre Stellung geringfügig aufgebessert.

Einen Eindruck darüber vermittelt ein Schreiben des Landrats von Neustadt/Schwarzwald vom 5. Dezember 1941 „an die Herren Bürgermeister des Landkreises“, in dem dieser beklagt, dass die Verordnungen zur „Behandlung der im Reich eingesetzten Zivilarbeiter und -arbeiterinnen polnischen Volkstums sehr mangelhaft durchgeführt“ werde, weshalb er diese nochmals zusammenfasste und „um strengste Beachtung und Durchführung“ ersuchte:

1. Ein Beschwerderecht steht den Landarbeitern polnischen Volkstums grundsätzlich nicht mehr zu und dürfen solche auch von keiner Dienststelle entgegen genommen werden.
2. Die Landarbeiter polnischen Volkstums dürfen die Ortschaften, in welchen sie zum Einsatz gegeben werden, nicht mehr verlassen und haben Ausgangsverbot vom 1. Oktober bis 31. März von 20 Uhr bis 6 Uhr und vom 1. April bis 30. September von 21 Uhr bis 5 Uhr.
3. Die Benutzung von Fahrrädern ist streng untersagt. Ausnahmen sind möglich für Fahrten zur Arbeitsstelle aufs Feld, wenn ein Angehöriger des Betriebsführers oder der Betriebsführer selbst dabei sind.
4. Der Besuch der Kirchen gleich welcher Konfession ist streng verboten, auch wenn kein Gottesdienst abgehalten wird, Einzelseelsorge durch die Geistlichen außerhalb der Kirchen ist gestattet.
5. Der Besuch von Theatervorstellungen, Kinos oder sonstigen kulturellen Veranstaltungen ist für die Landarbeiter polnischen Volkstums streng untersagt.
6. Der Besuch von Gaststätten für Landarbeiter polnischen Volkstums ist streng verboten mit Ausnahme einer Gaststätte im Ort, die vom Landratsamt hierzu bestimmt wurde, und nur an einem Tag in der Woche. Der Weg, welcher zum Besuch der Gaststätte freigegeben wurde, wird ebenfalls vom Landratsamt bestimmt. Bei dieser Bestimmung ändert sich an dem unter 2. verkündeten Ausgangsverbot nichts.
7. Der Geschlechtsverkehr mit Frauen und Mädchen ist streng verboten, und wo solcher festgestellt wird, ist Anzeigepflicht gegeben.
8. Zusammenkünfte von Landarbeitern polnischen Volkstums nach Feierabend auf anderen Höfen, sei es in Stallungen oder in den Wohnräumen der Polen, wird verboten.
9. Die Benutzung von Eisenbahnen, Omnibussen oder sonstigen öffentlichen Verkehrsmitteln durch Landarbeiter polnischen Volkstums ist verboten.
10. Bescheinigungen von der Ortspolizeibehörde (Bürgermeisteramt), welche zum Verlassen des Ortes berechtigen, dürfen nur in ganz großen Ausnahmefällen ausgestellt werden, keinesfalls aber, wenn ein Pole eigenmächtig eine Dienststelle, sei es ein Arbeitsamt oder die Kreisbauernschaft, aufsuchen oder seinen Arbeitsplatz wechseln will.
11. Ein eigenmächtiger Stellenwechsel ist streng verboten. Die Landarbeiter polnischen Volkstums haben solange täglich zu arbeiten, wie es im Interesse des Betriebes gelegen ist und vom Betriebsführer verlangt wird. Eine zeitliche Begrenzung der Arbeitszeit besteht nicht.
12. Das Züchtigungsrecht steht jedem Betriebsführer für die Landarbeiter polnischen Volkstums zu, sofern gutes Zureden und Belehrungen ohne Erfolg waren. Der Betriebsführer darf in einem solchen Fall von keiner Dienststelle deswegen zur Rechenschaft gezogen werden.
13. Die Landarbeiter polnischen Volkstums sollen nach Möglichkeit aus der Hausgemeinschaft entfernt werden und können in Stallungen usw. untergebracht werden. Irgendwelche Hemmungen dürfen dabei nicht im Wege stehen.
14. Alle von Landarbeitern polnischen Volkstums begangene Schandtaten, die dazu angetan sind, den Betrieb zu sabotieren oder die Arbeiten aufzuhalten, z. B. durch Arbeitsunwille oder freches Benehmen, unterliegen der Anzeigepflicht auch dann, wenn es sich um leichtere Fälle handelt. Ein Betriebsführer, welcher durch pflichtgemäße Anzeige seinen Polen, der daraufhin eine längere Haftstrafe verbüßen muss, verliert, erhält auf Antrag vom zuständigen Arbeitsamt bevorzugt eine andere polnische Arbeitskraft zugewiesen.
15. In allen anderen Fällen ist nur noch die Staatspolizei zuständig.
Auch für Betriebsführer sind hohe Strafen vorgesehen, sollte festgestellt werden, dass der notwendige Abstand von den Landarbeitern polnischen Volkstums nicht gewahrt worden ist, dasselbe gilt auch für die Frauen und Mädchen, Sonderzuwendungen sind streng untersagt. Nichteinhaltung der Reichstarife für Landarbeiter polnischen Volkstums werden mit sofortiger Wegnahme der Arbeitskarte durch das zuständige Arbeitsamt bestraft.

Denunzierung, Verhaftungen und Ermittlungen

Wladyslaw Skrzypacz war am 18. Oktober 1913 in Krawce in der Gemeinde Grebow im Powiat Tarnobrzeski der Woiwodschaft Karpatenvorland in Polen geboren worden. Verheiratet war er mit Sofie Drozd in Krawce. Nach der deutschen Eroberung Polens im Zweiten Weltkrieg wurde Wladyslaw Skrzypacz 1939 oder 1940 nach Deutschland verschleppt und kam als landwirtschaftlicher ziviler Zwangsarbeiter zunächst nach Hassmersheim, wo er auch noch zum Zeitpunkt seines Tod gemeldet war, und ein paar Monate später nach Heinsheim und Oberschefflenz – alle Orte gelegen im damaligen Landkreis Mosbach.

Der 27-jährige Wladyslaw Skrzypacz arbeitete bei einem Landwirt, der in der Nachbarschaft einer 30-jährigen Lebensmittelhändlerin in der Ringelgasse wohnte. Sie berichtet: „Dieser Pole hat mir ab und zu Zucker- oder Salzsäcke vom Lagerraum in mein Ladengeschäft transportiert oder kam sonst zu Hilfe, wenn etwas Schweres zu heben war. Auch hat er seine Rauchwaren und sonstigen Sachen bei mir eingekauft.“

Wie es genau dazu kam, dass ein angebliches oder tatsächliches Verhältnis zwischen den beiden bekannt und denunziert wurde und von wem, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Der damalige Bürgermeister Adolf Reimold berichtet: „Eines Tages wurde es ruchbar, dass dieser Pole mit einer Frau in Oberschefflenz geschlechtliche Beziehungen gehabt haben soll. Was eigentlich genau los war, haben wir auf dem Rathaus nicht erfahren.“

Am Samstag, den 23. November 1940 wurden der Pole und die Frau vom damaligen Oberschefflenzer Gendarmen Traber und anderen festgenommen und zur Untersuchungshaft ins Landgerichtsgefängnis Mosbach gebracht. Verhört wurden sie von Kriminalbeamten der Gestapo in Mosbach: von dem Kriminalassistenten Kurt Horsch und dem Kriminalsekretär Albert Hauk, der nach eigenen Angaben „vom 22. Juni 1938 bis 31. August 1941 … Leiter der Geheimen Staatspolizei-Außendienststelle Mosbach“ war. „Wir erhielten den Auftrag von dem Leiter der Abteilung II der Staatspolizeileitstelle Karlsruhe, Herrn Kriminalrat Dr. Faber.“

Albert Hauk: „Der Fall … war nur eine Schutzhaftsache und als solche ist sie behandelt worden. Bei den ganzen getroffenen Maßnahmen lag staatspolizeiliches Interesse vor. Sämtliche Vorgänge mussten in mehrfacher Fertigung vorgelegt werden und der Gestapoleitstelle Karlsruhe übersandt werden. … Die zuständige Staatsanwaltschaft Mosbach hat bestimmt keinen Aktenvorgang erhalten und war in keiner Weise eingeschaltet, weil es sich ja um eine reine staatspolizeilicher Maßnahme gehandelt hat.“ Gerichtsverfahren fanden daher keine statt, wie auch die Frau bestätigt: „Mit einem Gericht hatte ich überhaupt nichts zu tun. Ich wurde von der Gestapo einfach eingesperrt und blieb fast 6 1/2 Monate im Gefängnis in Mosbach sitzen.“

Die Erhängung des Wladyslaw Skrzypacz

Vermutlich schlug der Abteilungsleiter in der Staatspolizeileitstelle in Karlsruhe Dr. Heinrich Faber eine „Sonderbehandlung“ des Wladyslaw Skrzypacz dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in Berlin vor, welches schließlich aufgrund eines Erlasses verfügte, „dass Polen, welche geschlechtsvertrauliche Beziehungen mit deutschen Frauen oder Mädchen unterhalten, erhängt werden“, erklärt Albert Hauk. Bei den Ermittlungen Anfang der 1960er Jahre wird Dr. Faber vorgeworfen, dass dieser in seinen Empfehlungen auch eine mildere Vorgehensweise als eine „Sonderbehandlung“ hätte vorschlagen können wie beispielsweise eine Einweisung in ein Konzentrationslager. Nebenbei erwähnt finden sich so unter den Gründen für Schutzhaft von polnischen Zwangsarbeitern in den KZ Neckarelz und Neckargerach auch einzelne Fälle von „intimer Verkehr mit deutscher Frau“.

Zur Vorbereitung der Hinrichtung führt der damalige Bürgermeister Reimold von Oberschefflenz aus: „Einige Tage zuvor kamen zwei Herren [vermutlich Horsch und Hauk von der Gestapostelle Mosbach] aufs Rathaus und suchten an Hand einer Karte einen Platz im Gelände aus, wo die Erhängung des Polen vorgenommen werden sollte. Es sollte eine Stelle im Gelände sein, die weithin sichtbar ist. Diese Beamten suchten dann den Platz am Großherzog-Denkmal in Oberschefflenz [auf der Höhe außerhalb des Ortes] in Richtung Sennfeld aus.“

links: Platz am Großherzog-Denkmal heute, am 22.4.1941 Ort der Hinrichtung des Wladyslaw Skrzypacz, rechts: Ausschnitt auf historischer Postkarte

Laut dem Gefangenenbuch des Landgerichtsgefängnisses Mosbach wurde Wladyslaw Skrzypacz am Vortag der Exekution um 17.30 Uhr von der Gestapo abgeholt. Reimold berichtet: „Ich weiß nur noch, dass der Pole einen Tag vor der Erhängung nach Oberschefflenz verbracht und im hiesigen Ortsarrest von zwei auswärtigen Beamten in Zivil bewacht worden ist.“

Anhand von Fahrtkostenabrechnungen von Dienstreisen konnten 1960/1961 Teilnehmer an den Vorbereitungen und Durchführungen dieses grausamen Schauspiels ermittelt werden. Dies waren in diesem Fall ab 21. April 1941 von Karlsruhe aus der Kriminaldirektor Dr. Faber, vom 20. bis 24. April der aus Polen stammende und eingedeutschte Kriminalassistent Bernhard Steinhoff – er hieß zuvor Zgrisek – von Konstanz als Dolmetscher bei den Hinrichtungen von Skrzypacz und dem Polen Josef Poncek (am 24. April in Hüfingen bei Donaueschingen), vom 17. bis 24. April Kriminaloberassistent Kurt Horsch und Kriminalsekretär Albert Hauk von der Gestapo Mosbach, vom 18. bis 26. April von Karlsruhe aus Kriminalobersekretär Fritz Nagel zu den beiden Exekutionen in Oberschefflenz und Hüfungen sowie als weitere Teilnehmer von Mannheim aus Kriminaljurist Adolf Gerst, Kriminalsekretär Fritsch, der Kriminalangestellte Rudolf Stolze und der Fahrer Fritz Reuter.

Auch „die Hitlerjugend und die sonstigen Organisationen der Partei“ mussten antreten, erklärt Reimold: „Ich selbst war auch zugegen.“ Auch Albert Hauk bestätigt: „Die gesamte Exekution des Polen in Oberschefflenz wurde unter Leitung von Dr. Faber durchgeführt, welcher bei der Erhängung persönlich anwesend war. Ferner mussten sowohl mein Vertreter Horsch und ich gleichfalls anwesend sein. An der Exekution nahmen ferner Vertreter der Partei und deren Organisationen teil.“

Am Dienstagmorgen des 22. April um acht Uhr wurde Wladyslaw Skrzypacz an einem Baum an dem Platz erhängt, vermutlich durch Stoßen von der Pritsche eines Wagens. Um 8.10 Uhr wurde sein Tod festgestellt. Nicht bekannt ist, wer zum Vollzug der Hinrichtung herangezogen wurde.

Im Anschluss führte die Gendarmerie „sämtliche Polen des Bezirks Mosbach oder der engeren Umgebung von Oberschefflenz an die Exekutionsstätte“. „Diese mussten einzeln an dem Erhängten vorbeilaufen.“ Sie sollten damit vor Verstößen gegen die strengen Verhaltensregeln für polnische Zwangsarbeiter abgeschreckt werden.

Ein Grab, an dem Wladyslaw Skrzypacz gedacht werden könnte, gibt es nicht: nach der damaligen Praxis wurden die Leichen der erhängten polnischen Landarbeiter den Anatomien der Universitätsklinken überlassen – in seinem Fall vermutlich der in Heidelberg.

KZ-Einweisung der Oberschefflenzer Frau

Auch die beschuldigte Oberschefflenzer Frau traf ein hartes Schicksal: sie wurde nach einem halben Jahr Untersuchungshaft Ende Mai 1941 vom Gerichtsgefängnis Mosbach in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück überführt, von wo sie erst drei Jahre später im Sommer 1944 entlassen wurde. Ihre Kinder sollen während dieser Zeit bei Großeltern aufgewachsen sein. Ihre Ehe wurde geschieden und erst später wenige Jahre nach Kriegsende wieder in Kraft gesetzt. Um ihre schwierige Lebenslage zu verstehen, sollten auch die patriarchalen Verhältnisse im Nationalsozialismus und noch Jahrzehnte nach Kriegsende mitbedacht werden und wie diese in zwischenmenschliche Beziehungen in Familien und Dorfgemeinschaften hineingewirkt haben könnten.

Ermittlungsverfahren gegen Dr. Heinrich Faber

Trotz der umfangreichen Ermittlungen Anfang der 1960er Jahre gegen Dr. Heinrich Maria Faber als Kriminaldirektor und Leiter der Abteilung II der geheimen Staatspolizei Karlsruhe und „wegen Beihilfe zum Totschlag“ konnte ihm „ein einwandfreies Verschulden an den Exekutionen der Polen im Raume der Gestapoleitstelle Karlsruhe nicht nachgewiesen werden“.

Dr. Heinrich Faber (geboren am 25. April 1900 in Bernkastel an der Mosel in Rheinland-Pfalz und gestorben am 12. März 1973 in Oelde) war als SS-Obersturmführer (SS-Nr. 310249) und promovierter Philologe Stellvertreter des Leiters der Staatspolizeileitstelle Karlsruhe (Gestapo Karlsruhe) von 1940 bis 1944 [Wikipedia, Zugriff am 19.4.2021]: Der Sohn eines Rechnungsrats besuchte ab Ostern 1910 die höhere Knabenschule in Bernkastel, ab 1915 das Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Trier und absolvierte 1918 die Abiturprüfung. Noch im gleichen und letzten Jahr des Ersten Weltkriegs diente er in der Marine. Ab 1919 studierte er an der Universität Bonn die Fächer Geschichte, Philosophie und klassische Philologie (Alte Sprachen), legte am 8. Februar 1922 die mündliche Prüfung zu seiner Dissertation ab: „Die Beziehungen des römischen Kaiserhauses zu den auswärtigen Fürstenhöfen“. Danach betätigte er sich bis Januar 1925 bei einem Arbeitergeberverband. Nach bestandener Prüfung zum Landbürgermeister nahm er ab Februar 1925 eine Stelle in der Kommunalverwaltung von Bernkastel an. Ab Mai 1926 nahm er seine Laufbahn bei der Polizei in Dortmund auf und bestand 1927 die Prüfung zum Kriminalkommissar an der Polizeischule in Berlin, um dann als Hilfskommissar wieder zur Kriminalpolizei Dortmund zurückzukehren. Ab 1928 wurde er zur Landeskriminalpolizeistelle Tilsit versetzt (Ostpreußen), wo er zum Kriminalkommissar ernannt wurde.

Obwohl Faber vorher als gläubiger Katholik der Zentrums-Partei nahe stand, wurde er zum 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP (Nr. 2057540) und der SA und bekannte sich damit vermutlich aus Karrieregründen zum Nationalsozialismus. Zum Kriminalrat wurde er am 1. April 1935 befördert, als er die Leitung der politischen Polizei in Tilsit übernahm. Bei der Gestapo Karlsruhe wurde er ab dem 1. Februar 1938 als Kriminalrat tätig. Von der SA trat er am 1. August 1938 zur SS im Range eines SS-Sturmbannführers über. Mit der Beförderung zum Kriminaldirektor an 1. April 1940 wurde er zum Stellvertreter des Leiters der Staatspolizeileitstelle Karlsruhe ernannt. Diese Stellung hatte er bis zum 10. Dezember 1944 inne, als er zur Gestapo Osnabrück versetzt wurde. Faber leitete die Dienststelle der Gestapo Osnabrück noch bis zum 1. April 1945 und setzte sich mit den Angehörigen zur Staatspolizeileitstelle Bremen ab.

Von seiner Mentalität her sei Faber von Zurückhaltung und Vorsicht geprägt gewesen, so dass er bald unter den Angehörigen der Gestapo Karlsruhe als „Kriminalrat Bedenken“ und „Professor Angstmann“ bekannt gewesen sei. Diese zurücksetzende Beurteilung führten aber wohl dazu, dass sich Faber dann an den Gewaltakten auf der Dienststelle gegen Gefangene beteiligte und anstandslos polnische Zwangsarbeiter wegen NS-Vergehen zu Hinrichtungen auslieferte. Infolge dieser Tätigkeiten wurde schließlich Anfang der 1960er Jahre gegen Faber ermittelt: im Zuge dieser Verfolgungen sei es zur ersten Hinrichtung am 5. April 1941 außerhalb eines KZ im NS-Regime gekommen. Gegen Faber wurde ab dem 27. April 1960 eine Voruntersuchung beim Landgericht Karlsruhe eingeleitet, die aber am 10. März 1964 eingestellt wurde, weil eine Verurteilung nicht mit Wahrscheinlichkeit zu erwarten wäre.

Faber tauchte nach Kriegsende von 1945 bis 1948 unter und betätigte sich als Hilfsarbeiter in der Landwirtschaft und in verschiedenen Gewerben als kaufmännischer Angestellter. Die Spruchkammer Osnabrück stufte ihn am 23. März 1951 in einem Entnazifizierungsverfahren als Mitläufer im NS-Regime ein. Bis 1958 nahm er eine Tätigkeit als Handelsvertreter in Oslo auf und wurde danach Empfänger von Sozialleistungen.

Mindestens 38 Exekutionen von polnischen landwirtschaftlichen Zwangsarbeitern in Baden

Für den Zuständigkeitsbereich der Staatspolizeileitstelle Karlsruhe wurden 1960 folgende 38 Exekutionen von polnischen landwirtschaftlichen Zwangsarbeitern im Zusammenhang mit „geschlechtsvertraulichen Beziehungen“ zu deutschen Frauen und Mädchen ermittelt:

Jan Kobus (erhängt am 5.4.1941 in Pfullendorf), Wladyslaw Skrzypacz (am 22.4.1941 in Oberschefflenz), Josef Ponczek (am 24.4.1941 in Hüfingen), Stanislaw Damaziak (am 7.5.1941 in Karlsruhe-Durlach), Stanislaw Janaszek (am 1.7.1941 in Gernsbach), Mieczyslaw Gawlowski (am 25.7.1941 in Ruschweiler), Josef Procel (am 7.8.1941 in Münchhof-Homberg bei Eigeltingen), Stanislaw Wielgo (am 25.8.1941 in Grenzach), Eugeniusz Pagacz (am 2.9.1941 in Salem), Stanislaw Zasada (am 16.10.1941 in Brombach bei Lörrach), Emil Puchelka (am 28.10.1941 in Saig über Titisee), Waclaw Zensykieci (am 29.10.1941 in Kandern), Bernhard Podzienski (am 14.1.1942 in Schiltach), Stefan Kozlowski (am 15.1.1942 in Hinterzarten), Johann Gumulka (am 11.2.1942 in Gundelfingen), Andrey Wrozek (am 12.2.1942 in Haslach/Oberkirch), Theodor Borowski (am 13.2.1942 in Hohenbodman), Rak (am 14.2.1942 in Kreenheinstetten), Marian Lewicki (am 5.3.1942 in Villingen), Stanislaw Piaskowski (am 9.3.1942 in Hardheim), Franz Koletzki (am 17.3.1942 in Bollschweil), Wladyslaw Szmehlik (am 10.4.1942 in Rohrbach im Kreis Sinsheim), Marian Grudzien (am 15.4.1942 in Säckingen), Josef Krakowski (am 15.4.1942 in Säckingen), Bruno Orczynski (am 15.4.1942 in Säckingen), Franz Salewsky (am 15.4.1942 in Lauterburg/Elsass), Jan Krol (am 19.5.1942 in Bötzingen), Ludwig Malczynski (am 27.5.1942 in Mimmenhausen), Ludwig Halczynski (am 29.5.1942 in Salem), Wladyslaw Rebetowski (am 5.6.1942 in Tennenbronn), Jan Mroczek (am 17.7.1942 in Freiamt), Josef Makuch (am 5.8.1942 in Helmsheim), Ludwig Szymanski (am 8.10.1942 in Watterdingen), Josef Bestry (am 9.10.1942 in Jestetten), Josef Stempniak (am 10.10.1942 in Weizen im Kreis Waldshut), Franciszek Strojowski (am 13.10.1942 in Ichenheim), Josef Wojcik (am 13.10.1942 in Ichenheim) und Jan Ciechanowski (am 24.11.1942 in Haslach im Kinzigtal).

Beispiele für Gedenkorte für erhängte polnische landwirtschaftliche Zwangsarbeiter in Baden (von links nach rechts): das Sühnekreuz am Tannhörnle bei Villingen für Marian Lewicki, ein Gedenkstein für Stanislaw Zasada in Brombach bei Lörrach (sein Schicksal wurde 1978 von Rolf Hochhuth in dem Roman „Eine Liebe in Deutschland“ bearbeitet und 1983 von Andrzej Wajda verfilmt), die Polenlinde in Salem für Eugeniusz Pagnacz und Ludwigk Walczynski sowie das Polenkreuz in Owingen-Hohenbodman für Theodor Borowski.

Bernhard Steinhoff, der an mindestens zwanzig Exekutionen teilgenommen hatte, erinnert sich nur noch allgemein an Abläufe von Hinrichtungen in Baden, jedoch nicht mehr konkret an die in Oberschefflenz oder zwei Tage später an die des Polen Ponczek in Hüfingen: „ich kann mich nicht mehr an Einzelheiten erinnern“. Die Gemeindeverwaltungen und Gendarmerieposten waren dafür zuständig, die Vorbereitungen durchzuführen, das heißt ein Fahrzeug bereitzustellen, „von dem der Delinquent beim Erhängen heruntergestoßen wurde“ und „die in der Umgebung wohnenden polnischen Zivilarbeiter in der Nähe des Exekutionsplatzes zu versammeln.“ Als Dolmetscher eröffnete Steinhoff in einigen Fällen „dem Delinquenten, dass er am nächsten Tag exekutiert werde und fragte ihn nach seinen letzten Wünschen, übersetzte bei der Aktion „dem Delinquenten das Todesurteil, das ihm vorher vom Leiter der Staatspolizeileitstelle Karlsruhe oder dessen Vertreter in deutscher Sprache vorgelesen worden war, in polnischer Sprache“ und erklärte „den polnischen Zivilarbeitern der Umgebung, die zur Abschreckung an den Exekutierten vorbeigeführt wurden, in polnischer Sprache, warum die Erhängung durchgeführt worden ist, und dass jeder das Gleiche erwarten müsste, der gegen die gegebenen Richtlinien verstößt.“ Nach Steinhoffs Erinnerung enthielt das Urteil den Wortlaut: „Sie werden auf Befehl des Reichsführers der SS und Chef der Deutschen Polizei heute hier gehängt.“

Die eigentliche Exekution, also „das Anbringen des Strickes und das Herunterstoßen vom Wagen“ sei „von anderen polnischen Zivilarbeitern durchgeführt“ worden. Man habe „willkürlich andere polnische Zivilarbeiter gefragt, ob sie gegen eine Bezahlung [von fünf Mark] die Exekution durchführen würden.“ „Der immer hinzugezogene Kreisarzt stellte den Tod des Delinquenten fest, worauf dieser dann von irgendeiner Universität – pathologisches Institut abgeholt worden ist. Bevor der Erhängte wieder abgehängt wurde, mussten die übrigen polnischen Zivilarbeiter daran vorbei defilieren. Sie zogen stumm an ihrem toten Landsmann vorüber. Zu irgendwelchen Ausschreitungen ist es nie gekommen. Ich habe nie erlebt, dass anlässlich einer solchen Exekution ein Geistlicher dem Delinquenten hätte beistehen können.“

Die häufige Teilnahme habe in Steinhoff „eine sehr starke seelische Belastung“ hervorgerufen, da er „mit diesen Maßnahmen innerlich nicht einverstanden“ gewesen sei und „nicht verstehen konnte, dass ein Mensch wegen eines solchen Deliktes sein Leben verwirkte“. Er habe deshalb Ende 1941 seine Versetzung betrieben, was ihm 1942 bewilligt worden sei, sodass er dank guter Beziehungen von Konstanz nach Karlsruhe zum „Referat für Russeneinsatz“ bei der Staatspolizeileitstelle versetzt worden sei.

10. Fukushima-Jahrestag

Mahnwache mit Redebeitrag am 11. März 2021 um 17.30 Uhr auf dem Marktplatz Mosbach

An den 10. Jahrestag der Atomkatastrophe von Fukushima/Japan (Kernschmelze in drei Atomreaktoren) erinnert die Initiative AtomErbe Obrigheim am Donnerstag, 11. März, um 17.30 Uhr mit einer Mahnwache und Redebeitrag auf dem Marktplatz Mosbach.
Die Initiative verbindet dabei die Forderung nach einem vollständigen Atomausstieg mit der Notwendigkeit einer entschlossenen Klimaschutzpolitik: die Abschaltung der Atomkraftwerke und der Ausstieg aus der Nutzung fossiler Energieträger dürfen dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden. Siehe dazu auch ein ausführliches Positions- und Hintergrundpapier, welches verschiedene Aktivisten aus atomkritischen Gruppen erarbeitet haben. In Deutschland war ursprünglich die Atomkatastrophe von Tschernobyl vor 35 Jahren ein entscheidender Anstoß für die Nutzung Erneuerbarer Energien.
Die dreifache Katastrophe in Japan (Erdbeben, Tsunami-Flutwelle und der atomare Super-GAU) sowie die aktuelle Corona-Pandemie verdeutlichen nebenbei die Notwendigkeit der Katastrophenvorsorge. Dazu gehört auch die Vorhaltung einer flächendeckenden Gesundheitsversorgung und von Behandlungskapazitäten sowie der Erhalt der Krankenhausstrukturen in öffentlicher Hand.
Die Initiative bittet um die Beachtung der auferlegten Corona-Schutzmaßnahmen (Maskenpflicht, Abstandsregel, Registrierung für den Fall einer Kontaktverfolgung, Ausschluss akut Corona-Infizierter).
Mit der Mahnwache gedenkt die Initiative der Opfer der militärischen und zivilen Nutzung von Atomkraft.

Mosbach atomwaffenfrei und Atomwaffenverbotsvertrag im Januar 2021

Es gibt einen Grund zum Jubeln:

Mosbach bekennt sich zu einer atomwaffenfreien Welt, und ab 22. Januar 2021 sind Atomwaffen international verboten!

Am Mittwoch, 21. Oktober 2020 entschied der Gemeinderat Mosbach über die Bitte der Initiative AtomErbe Obrigheim an die Stadt Mosbach und ihren Oberbürgermeister, dem Bündnis „Mayors for Peace“ und dem ICAN-Städteappell (Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen) beizutreten.

Oberbürgermeister Michael Jann warb für ein möglichst geschlossenes Votum und bekundete sein Interesse hinsichtlich der alle zwei Jahre stattfindenden Bundeskonferenz der Bürgermeister für den Frieden. Lediglich Dr. Gunther Leibfried (Freie Wähler) ergriff Partei gegen einen Verzicht auf nukleare Abschreckung. Der Sachverhalt sei deutlich komplizierter, eine einseitige atomare Abrüstung vernachlässige Sicherheitsaspekte und sei naiv. Beispielsweise Russland bedrohe (wie früher die Sowjetunion während des Kalten Kriegs) verschiedene Länder usw. Timo Riedinger (Bündnis 90/Die Grünen) widersprach, die Initiative engagiere sich für ein komplettes, weltweites Atomwaffenverbot.

So stimmte der Gemeinderat mit einer deutlichen Mehrheit (bei einer Gegenstimme und drei Enthaltungen) dem Antrag zu. Die Initiative AtomErbe Obrigheim begrüßt die Entscheidung des Gemeinderats und dankt dem Oberbürgermeister Michael Jann und den Gemeinderäten für ihre Zustimmung.

Die Stadt Mosbach befindet sich damit in bester Übereinstimmung mit dem internationalen Prozess zu einer atomwaffenfreien Welt, denn nur eine Woche später kam auch für den Atomwaffenverbotsvertrag ein Durchbruch:

Mit dem Atomwaffenverbotsvertrag (TPNW) nun für eine atomwaffenfreie Zukunft streiten!

Es ist ein großartiges Geschenk, welches Honduras der Welt und der Menschheit zum 75. Geburtstag des Inkrafttretens der Charta der Vereinigten Nationen (UNO) am 24. Oktober 2020 brachte: Es ratifizierte als 50. Staat den Atomwaffenverbotsvertrag (Treaty on the Prohibition of Nuclear Weapons, TPNW) ( https://de.wikipedia.org/wiki/Atomwaffenverbotsvertrag#cite_note-UNTreatyColl-11 ). Der TPNW verbietet die Entwicklung, Produktion, Test, Erwerb, Lagerung, Transport, Stationierung und Einsatz von Atomwaffen sowie die Drohung damit. Im Dezember 2016 hatte die UN-Generalversammlung eine Resolution mit einem Verhandlungsmandat für einen solchen Vertrag angenommen. 2017 folgten zwei Verhandlungskonferenzen, an denen sich 132 bzw. 124 der 193 Mitgliedstaaten beteiligten. Nicht teil nahmen unter anderem die Atommächte und NATO-Staaten mit Ausnahme der Niederlande. Der ausgearbeitete Vertrag wurde dann am 7. Juli 2017 mit 122 Stimmen angenommen; die Niederlande stimmten dagegen, Singapur enthielt sich. Bis zum 24. Oktober 2020 unterzeichneten 84 Staaten, von welchen nochmals 50 Staaten ratifizierten, sodass der Atomwaffenverbotsvertrag nun am 22. Januar 2021, 90 Tage nach der fünfzigesten Ratifizierung, in Kraft treten wird.

Für die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen ICAN ist dies ein riesiger Erfolg. Für die Mitwirkung an dem Vertrag war ICAN 2017 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Leo Hoffmann-Axthelm, Vorstand von ICAN Deutschland, erklärte: „Ab dem 22. Januar 2021 sind Atomwaffen völkerrechtlich geächtet. Ein historischer Moment für einen Jahrzehnte alten Kampf. Während die Großmächte Verträge aufkündigen, hat die stille Mehrheit der Staaten die letzten Massenvernichtungswaffen verboten, und damit eine Ambition realisiert, die die Menschen weltweit teilen” ( https://www.icanw.de/neuigkeiten/50-staat-ratifiziert-un-atomwaffenverbot/ )

Noch vor kurzem, als sich abzeichnete, dass demnächst 50 Staaten den Atomwaffenverbotsvertrag ratfiziert haben würden, hatten die USA diese Staaten angeschrieben und aufgefordert, ihre Unterstützung zu widerrufen. Sie versuchten dabei den fünfzig Jahre alten Nichtverbreitungsvertrag (NVV) gegen den TPNW auszuspielen: letzterer stehe der Wirksamkeit des NVV im Wege und würde ihn gefährden. Beatrice Fihn, die Vorsitzende von ICAN, wies solche Behauptungen der Atommächte als „billige Lüge“ zurück: Den Atommächten gingen die Argumente aus. Der Atomwaffenverbotsvertrag habe im Gegenteil das gleiche Ziel wie der NVV, nämlich die Abschaffung der Atomwaffen. Auch UN-Generalsekretär Antonio Guterres begrüßt den Atomwaffenverbotsvertrag: „Für mich ist klar, dass wir in Bezug auf Atomwaffen nur an dem Tag völlig sicher sein werden, an dem es keine Atomwaffen mehr gibt“.

Ratifiziert haben ( https://treaties.un.org/Pages/ViewDetails.aspx?src=TREATY&mtdsg_no=XXVI-9&chapter=26&clang=_en ) Antigua und Barbuda, Österreich, Bangladesh, Belize, Bolivien, Botswana, Cook Islands, Costa Rica, Kuba, Dominica, Ecuador, El Salvador, Fidschi, Gambia, Guyana, Vatikan, Honduras, Irland, Jamaika, Kasachstan, Kiribati, DVR Laos, Lesotho, Malaysia, Malediven, Malta, Mexiko, Namibia, Nauru, Neuseeland, Nicaragua, Nigeria, Niue, Palau, Panama, Paraguay, Samoa, San Marino, Südafrika, Sankt Kitts und Nevis, Sankt Lucia, Sankt Vincent und die Grenadinen, Palästina, Thailand, Trinidad und Tobago, Tuvalu, Uruguay, Vanuatu, Venezuela, Vietnam.

Enttäuschend ist die Haltung der meisten europäischen Staaten. Es fehlen vor allem die größeren Staaten: unterzeichnet haben vor allem Mini-Staaten: Vatikan, Liechtenstein, Malta und San Marino sowie Österreich und Irland. Zum jetzigen Zeitpunkt haben diese Staaten (außer Liechtenstein) auch ratifiziert. Die Staaten der Europäischen Union, Friedensnobelpreisträger von 2012, boykottieren hingegen diesen Prozess zu einer atomwaffenfreien Welt weitgehend.

Jetzt den Rückenwind nutzen und die Politik in die Pflicht zu Abrüstung und Frieden nehmen

Trotzdem und gerade deshalb gilt es nun, diesen Erfolg und Rückenwind als Auftrag zu nutzen, um die Ächtung von Atomwaffen in tatsächliche (atomare) Abrüstungsschritte umzusetzen, was allerdings einen langen Atem erfordern wird. Roland Blach vom Landesvorstand der DFG-VK (Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen) Baden-Württemberg schreibt dazu in einer Rundmail: „Für mich persönlich war es einer der aufregendsten Erlebnisse in 25 Jahren hauptamtlicher Friedensarbeit zur Überwindung der atomaren Abschreckung. … Was gibt es jetzt zu tun? Wir planen der aktuellen Lage angemessene Feierlichkeiten zum Inkrafttreten des Verbotsvertrages am 22. Januar 2021. … Bereits am 5. Dezember 2020 können wir das Thema in den bundesweiten Aktionstag „abrüsten statt aufrüsten“ einbringen.“ Die Medien, Politiker und die Öffentlichkeit sollen angesprochen werden: „Jetzt können wir die im Frühjahr so intensive Debatte zur nuklearen Teilhabe und zur geplanten Anschaffung von atomaren Kampfbombern in unserem Sinne nutzen. Wir müssen abrücken von diesen Relikten des Kalten Krieges und alles dafür tun, dass der deutsche Beitritt zum Verbotsvertrag so schnell wie möglich vorbereitet wird.“ Die Überlebende des Atombombenabwurfs auf Hiroshima, Setsuko Thurlow habe es hoffungsvoll auf den Punkt gebracht: „Dies ist der Anfang von Ende der Atomwaffen“. Roland Blach: „Es gibt keinen Weg zum Frieden. Frieden ist der Weg.“

Die Menschen müssen die Politik nun in die Pflicht zum Abrüsten und zum Frieden nehmen. Die verpassten Möglichkeiten der letzten drei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des Ostblocks und nach dem Ende des Kalten Krieges um 1990 – die verschenkte „Friedensdividende“ – müssen nun nachgeholt werden, wobei heute die Schwierigkeiten und Differenzen viel größer sind als während der Phase der Entspannung vor dreißig Jahren.

Angesichts der vielfältigen Zukunftsbedrohungen für die Menschheit und der fortgesetzten Zerstörung der Lebensgrundlagen auf der Erde sollten die Zukunftsbewegungen (Fridays for Future und die Klimaschutzbewegung, ICAN und atomwaffenfrei usw.) ihre Ziele und ihren Einsatz bündeln. Auch die Corona-Pandemie und die folgenden Krisen (Weltwirtschaftskrise, soziale Krisen, Demokratiekrise, Welthunger usw.) verlangen nach internationaler Solidarität und Kooperation, für eine soziale und ökologische Gemeingüterwirtschaft statt Konkurrenz, Monopolisierung, privater Aneignung gesellschaftlich produzierten Reichtums und Zerstörung. Wir brauchen ein gutes Leben für alle, hier und anderswo, jetzt und in Zukunft.

Und die Bundesregierung?

Die Initiative AtomErbe Obrigheim hatte mit einem ausführlich begründeten Schreiben vom 6. August 2020 (Hiroshima-Tag) die Bundeskanzlerin, den Außenminister und die Verteidigungsministerin aufgefordert, „ihre Verweigerungshaltung aufzugeben, den Atomwaffenverbotsvertrag von 2017 zu unterzeichnen und zu ratifizieren sowie den Beschluss des Deutschen Bundestags von 2010 umzusetzen, sich mit Nachdruck für den Abzug der US-Atomwaffen aus Deutschland einzusetzen und in diesem Rahmen auch keine neuen Kampfbomber als Trägersysteme für die amerikanischen Atomwaffen anzuschaffen.

In einem Antwortschreiben des Auswärtigen Amts vom 12. Oktober antwortete der zuständige Referatsleiter, dass sich Bundesaußenminister Maas mit Nachdruck für eine Welt ohne Nuklearwaffen und für reale Abrüstungsschritte einsetze. Dazu habe Maas 2019 den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mit der nuklearen Abrüstung im Rahmen des Nichtverbreitungsvertrags (NVV) befasst. Im Februar 2020 habe Bundesaußenminister Maas zudem 15 Amtskollegen im Rahmen der Stockholm-Initiative nach Berlin geladen, die sich für konkrete Schritte zur Beförderung nuklearer Abrüstung einsetzen. Die Initiative habe große Beachtung erfahren. Der Dialog mit den Nuklearwaffenstaaten wird von der Bundesregierung seither konsequent intensiviert, um eine neue Dynamik für nukleare Abrüstung zu schaffen und zum Gelingen der für 2021 angesetzten Konferenz zur Überprüfung des NVV beizutragen.“ Zudem arbeite Bundesaußenminister Maas daran, die Grundlage für die Rüstungskontrolle von morgen zu schaffen“, wozu er 2019 eine große Expertenkonferenz in Berlin“ eröffnete. Dieser Prozess solle sich verstetigen. Die Bundesregierung teile mit den Unterstützern des Atomwaffenverbotsvertrags das Ziel einer nuklearwaffenfreien Welt.

Allerdings leiste der Atomwaffenverbotsvertrag „jedoch keinen realen Beitrag“ dazu, sondern trage „vielmehr zur Polarisierung der NVV-Vertragsstaaten bei“ und lasse gleichzeitig „im Unterschied zum NVV zentrale Fragen unbeantwortet, etwa die der Verifikation, also der Überprüfbarkeit der Umsetzung eines Nuklearwaffenverbots.“ Deshalb bleibe der NVV für die Bundesregierung weiter die zentrale Grundlage nuklearer Abrüstung und Nichtverbreitung. Angesichts des „europäischen Sicherheitsumfelds“ und der Bedrohung Europas durch [russische] Nuklearwaffen bestehe „die Notwendigkeit der nuklearen Abschreckung fort, die die NATO im Rahmen der Nuklearen Teilhabe gewährleistet“. „Ein einseitiger Ausstieg Deutschlands aus der nuklearen Teilhabe würde nach Ansicht der Bundesregierung unsere Sicherheit aufs Spiel setzen und Europa insgesamt unsicherer machen.“ Die Bundesregierung setze daher auf den „zweigleisigen Ansatz“ von „glaubhafter Abschreckung und Verteidigung“ einerseits und „einen aktiven Beitrag zu nuklearer Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung“ andererseits.

Kommentar zur Position der Bundesregierung

In ihrer Argumentation blendet das Außenministerium vollständig aus, dass der 50 Jahre alte Nichtverbreitungsvertrag NVV sein Ziel der Verpflichtung der Atommächte zu einer umfassenden atomaren Abrüstung komplett verfehlt hat, dass der NVV nicht verhindern konnte, dass mit Pakistan, Indien, Israel und Nordkorea weitere Atommächte entstanden, und dass der NVV bestenfalls den bisherigen Status Quo zementierte. Mandy Lüssenhop vom Landesvorstand der DFG/VK hat dies auch auf ihrer Rede bei der Mosbacher Kundgebung zum Hiroshima-Tag 2019 dargelegt. Der Atomwaffenverbotsvertrag kann insofern auch als eine umfassende Weiterentwicklung des NVV betrachtet werden und den Bemühungen um atomare Abrüstung neue Impulse geben – wenn es gewollt wird.

Die Bundesregierung weigert sich jedoch, an diesem Prozess zum Atomwaffenverbotsvertrag überhaupt nur teilzunehmen. Stattdessen eröffnet sie Nebenschauplätze wie die „Stockholm-Initiative“, um Aktivität vorzutäuschen. Es ist allerdings entgegen ihrer Behauptung nicht erkennbar, dass diese Initiative „große Beachtung“ erfahren habe. Das Medienecho war begrenzt, irgendwelche Ergebnisse sind nicht zu erkennen oder kaum vermittelt worden. Die Stockholm-Initiative scheint eher ein Ablenkungsmanöver zu sein, nachdem der Atomwaffenverbotsvertrag und ICAN große internationale Aufmerksamkeit erfahren und den Friedensnobelpreis bekommen haben. Den TPNW hingegen ignoriert und boykottiert die Bundesregierung genauso wie die Aufforderung des Bundestages aus dem Jahr 2010 an die Bundesregierung, die noch 20 US-amerikanischen Atomwaffen aus Deutschland zu verbannen und damit die nukleare Teilhabe (Mitverfügung der Bundeswehr) aufzukündigen. Stattdessen erklärte Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer inmitten der Corona-Krise im April 2020, für mehrere Milliarden Euro neue Atomkampfbomber als Trägersysteme für die in Deutschland stationierten Atombomben bei den USA bestellen zu wollen.

Die Ignoranz des Bundesaußenministeriums ist eine Brüskierung des Engagements der internationalen Zivilgesellschaft und der Zukunftsbewegungen. Stattdessen inszeniert Heiko Maas mit der Stockholm-Initiative eine zahnlose Diplomatie, die an der internationalen, von unten getragenen Dynamik vorbei geht. Der Berliner Tagesspiegel schrieb am 11. Juni 2019: „Eingeladen zu dem Meinungsaustausch hat das schwedische Außenministerium neben Maas die Chefdiplomaten aus Argentinien, Äthiopien, Finnland, Indonesien, Japan, Jordanien, Kanada, Kasachstan, den Niederlanden, Neuseeland, Norwegen, der Schweiz, Spanien und Südkorea. Keines der Länder besitzt Atomwaffen. Konkrete Beschlüsse wurden nicht erwartet.“ So viel zur Floskel des Außenministeriums von der Intensivierung des „Dialogs mit den Nuklearwaffenstaaten.“

Nachdem der Atomwaffenverbotsvertrag im Januar 2021 nun in Kraft treten wird, werden die Bundesregierung, die Atommächte (darunter die Veto-Mächte des Weltsicherheitsrates) und die mitverfügenden Staaten, die NATO und die Europäische Union damit diesbezüglich im internationalen Abseits stehen, da sie mit ihrem unflexiblen Verharren gegen ein internationales Vertragswerk verstoßen. Gleichzeitig verspielen sie damit weiter Glaubwürdigkeit, wenn sie sich wie die Bundesregierung als diplomatische und abrüstungspolitische Vermittler aufspielen wollen. Sie sind dringend aufgefordert, dem Atomwaffenverbotsvertrag beizutreten und atomar abzurüsten.

Dass unter den unterzeichnenden und ratifizierenden Staaten vor allem viele kleine und Mini-Staaten sind, von denen ich teilweise noch nie gehört habe, schmälert nicht das moralische Gewicht des Atomwaffenverbotsvertrags, hinter dem zudem sicherlich eine deutliche Mehrheit der ErdenbürgerInnen, zahlreiche Städte, BürgermeisterInnen, soziale, ökologische, antimilitaristische und andere Bewegungen und Initiativen und Aktive stehen. Deutschland könnte als politisch und wirtschaftlich schwergewichtiges sowie relativ bevölkerungsreiches NATO-Land mit einem Beitritt zum TPNW und der Aufkündigung der nuklearen Teilhabe und Abschreckungsdoktrin ein bedeutendes Signal setzen und dem Prozess zu einer atomwaffenfreien Welt einen zusätzlichen Schwung verleihen, statt sich nebenan ins Abseits zu stellen.