Über Meinungsfreiheit und Hetze:

Eine Aktuelle Stunde im Bundestag und AfD-MdL Uwe Wanke

7. Mai 2021

Nachdem Uwe Wanke letztes Jahr in die baden-württembergische Landtagsfraktion der AfD nachrückte, brachte er es zum Abschluss seiner kurzen Karriere als Abgeordneter auch noch zu einer Erwähnung im Bundestag, nämlich anlässlich einer von der AfD-Fraktion verlangten Aktuellen Stunde zum Thema „Meinungsfreiheit schützen, Zensur verhindern – Debattenkultur bewahren“.

Das hatte Wanke sich vermutlich so nicht vorgestellt, als er sich vor über zwei Jahren mit der Mehrheit seines Kreisverbandes im Neckar-Odenwald-Kreis überworfen hatte. In Anspielung auf eine klassische Karrikatur postete er: der rechte Flügel habe das Ruder übernommen, und „der Lotze“ (gemeint ist Wanke als Wiedergänger Bismarcks) gehe von Bord.

Im Sommer 2019 bat er verschiedene Initiativen, sie mögen doch von ihren Internetseiten seinen Namen entfernen: er habe sich von der AfD dauerhaft entfernt und möchte aufgrund beruflicher Interessen nicht mehr mit der Partei in Verbindung gebracht werden. Er arbeite auch daran, seine Facebook-Seite verschwinden zu lassen. Auf mehrmalige Rückfrage gestand Wanke schließlich aber ein, dass er immer noch Mitglied der Partei sei.

Als Uwe Wanke dann im Sommer 2020 für die AfD in den Landtag nachrückte, gaben sich Kreisverband und Wanke höflich und versöhnlich: der Kreisverband freue sich und wolle Herrn Wanke unterstützen. Das Zerwürfnis wurde nicht mehr erwähnt. Die berufliche Beschädigung dadurch, dass Wanke wieder öffentlich mit der AfD in Verbindung gebracht wird, kann er verständlicherweise dank der Bezüge als Landtagsabgeordneter wieder wett machen.

Wanke bemühte sich auf seine Weise sogar um Seriösität und machte im Sommerurlaub 2020 eine Tour durch die Region, bei welcher er verschiedene Gedenkorte für Opfer des Nationalsozialismus (KZ-Gedenkstätten und -Friedhöfe, das Mahnmal in Neckarzimmern für die deportierten Juden Badens usw.) besuchte und Kränze zum Gedenken abwarf. In einem seiner ersten Redebeiträge im Landtag kümmerte er sich um das unter der Corona-Pandemie und den Anti-Corona-Maßnahmen leidende Vereinsleben.

Uwe Wanke führte inzwischen auch wieder zwei Facebook-Seiten. Ein vom ihm dort veröffentlichter Beitrag schaffte es inzwischen zu Erwähnungen auf mehreren Seiten im Internet (zum Beispiel von einer Recherche-Gruppe https://www.facebook.com/dieinsider/posts/852691835282627 ) und war schließlich traurigerweise – wie eingangs erwähnt – heute Gegenstand eines Beitrags im Bundestag:

Rede von Anke Domscheit-Berg (Die Linke):

“ […] Wieder einmal sieht die AfD die Meinungsfreiheit in Gefahr und glaubt, man könne nicht mehr sagen, was man will. Es stört sie, dass Dritte manche Meinungsäußerungen als menschenfeindlich, rassistisch oder schlicht als Desinformation entlarven. Auch die existierenden Grenzen der Meinungsfreiheit – Beleidigungen, Drohungen, Glorifizierung von Gewalt oder Volksverhetzung – sind der AfD ein Dorn im Auge. Vielleicht wegen solcher Beispiele:

Bodo Radtke, AfD-Stadtverordneter in Oranienburg, der Stadt, in der sich das KZ Sachsenhausen befand, wurde gerade diese Woche frisch rechtskräftig verurteilt wegen Volksverhetzung und Holocaust-Leugnung.

Die AfD will auch Freiheit zum Schüren von Hass und Gewalt. Weil ihnen der Mord an Walter Lübke keine Warnung ist, weil sie bewusst in Kauf nimmt, dass aus Worten der Gewalt Taten der Gewalt werden. Es ist eine Beleidigung der Mütter und Vater unseres Grundgesetzes, dass ausgerechnet die AfD so tut, als wolle sie Grundrechte verteidigen.

Ein Beispiel: Ende 2020 verbreitete Uwe Wanke, Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg für die AfD, einen ein Jahr alten Video-Ausschnitt einer Bundestagsrede eines CDU-Abgeordneten zur Masern-Impfpflicht und schreibt darunter: „Wer sich nicht freiwillig impf, wird zwangsweise geimpft.“ In diesem Video sagte der CDU-Abgeordnete folgendes: „Meine Assoziation zur Impfpflicht ist, ein Kind, dessen Eltern sich weigern das Kind impfen zu lassen, bekommen Besuch von der Polizei, das Kind wird ihnen entzogen und in ein Gesundheitsamt gebracht, und dort wird eine Pflichtimpfung durchgeführt.“ Das was der CDU-Abgeordnete danach sagt, schneidet der Landtagsabgeordnete der AfD jedoch ab. Es ist der entscheidende Satz: „Das ist nirgendwo in diesem Gesetzentwurf zu finden.“

Diese durch den Video-Ausschnitt absichtlich falsche Darstellung wurde Tausende Male gelikt. Darunter finden sich entsetzliche Kommentare, die sich direkt auf ein Mitglied dieses Hauses beziehen. […] so spricht man bei der AfD im Internet und die Welt soll das wissen: „Sofort erschießen die Ratte“, steht da. „So was gehört an die Wand oder besser an den Galgen.“ „Da hilft nur noch ein Kopfschuss.“ „Du dreckiges Stück Scheiße, Dich sollte man aufhängen, Du Fettsack.“ „Du Wichser, ich schneide Dir Deinen Kopf ab.“ „Dem sollte man den Schädel einschlagen.“ Diese widerwärtigen Mordphantasien gegen einen Bundestagsabgeordneten aufgrund einer gezielten Desinformation eines Landtagsabgeordneten der AfD stehen seit 27 Wochen ungelöscht dort. Das ist Kriegsführung im Informationszeitalter.

Der AfD ist jedes Mittel recht, um ihre Facebook-Kumpane gegen alle aufzuhetzen, die ihnen nicht in den Kram passen. Sie kennt keine Grenzen, keine Scham und keinen Anstand, und holt aus manchen Menschen das Schlechteste heraus. Die AfD schürt auch Misstrauen in Demokratie, Institutionen und ihre Prozesse, um sie zu zerstören. Sie schreit wie Trump „Wahlbetrug“, wenn ihr ein Wahlergebnis nicht gefällt. Sie greift die Freiheit der Forschung an. Sie will ForscherInnen vorschreiben, woran sie zu forschen haben und diskrediert Geschlechterforschung als Gender-Gaga. Dabei weiß inzwischen jeder, dass der Einzige, der gender-gaga ist, ist die AfD.

Die AfD attackiert auch die Pressefreiheit. Ihre Mitglieder behaupten ständig, bei uns gäbe es nur noch gleichgeschaltete Lügenpresse. Deshalb brauchen JournalistInnen heute bei ihrer Arbeit Polizeischutz, wenn sie live von einer Demo berichten wollen. 60 Prozent JournalistInnen in Deutschland sagen jetzt, dass sie die Freiheit ihrer journalistischen Arbeit und ihre Unabhängigkeit in Gefahr sehen. Diese Bedrohung für JorunalistInnen heizen die AfD aktiv an, und dafür empfinde ich tiefste Verachtung.

Es gibt in Deutschland kein Problem mit der Meinungsfreiheit. Was wir haben ist ein Problem mit verquerdenkenden Faktenleugnern und mit Nazis, die davon träumen, den Reichstag zu stürmen; Medienhäuser zu besetzen und tatsächlich gleichzuschalten, Wissenschaft in ihrem Sinne zu beeinflussen, und diejenigen zu bestrafen, die ihren Hass nicht teilen wollen und sich ihm entgegen stellen wollen. […] “

(Arno Huth)

Vor 80 Jahren in Oberschefflenz: Die Hinrichtung des Władysław Skrzypacz

von Arno Huth, 22. April 2021

Anfang der 1960er Jahre ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen den Kriminalsekretär Dr. Heinrich Faber hinsichtlich der Exekution von mindestens 38 polnischen Landarbeitern in den Jahren 1941 und 1942 in Baden wegen sogenannter „geschlechtsvertraulicher Beziehungen“ zu deutschen Frauen. Faber war diesbezüglich zuständiger Abteilungsleiter der Gestapo-Leitstelle Karlsruhe. Zwei Fälle stammen auch aus dem Bereich des heutigen Neckar-Odenwald-Kreises: am 22. April 1941, also genau vor 80 Jahren, wurde in Oberschefflenz der 27-jährige Wladyslaw Skrzypacz erhängt sowie am 9. März 1942 in Hardheim der 25-jährige Stanislaw Piaskowski.

Polnische Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft während der Zeit des Zweiten Weltkriegs

Um deutsche Landwirte, die zur Wehrmacht in den Krieg eingezogen worden waren, zu ersetzen, wurden Hunderttausende vor allem junge Polen und Polinnen aus den besetzten Gebieten für die Zwangsarbeit in der Landwirtschaft ins Reich verschleppt. Auch in Oberschefflenz mussten auch polnische und polnisch-ukrainische Zwangsarbeiter (neben französischen Kriegsgefangenen) in landwirtschaftlichen Betrieben arbeiten: eine Liste vom Juli 1943 führt 24 polnische Landarbeiter (14 Männer und 10 Frauen) und ihre Arbeitgeber auf. Viel ist über sie nicht mehr bekannt. Die Polen wurden in einer zum Schlafquartier umfunktionierten Scheune in der Ringelgasse untergebracht.

So berichtet ein Einwohner von Schefflenz: „Wir hatten einen polnischen dienstverpflichteten Zivilarbeiter, Michel mit Vornamen, der bei uns arbeitete und von uns verpflegt wurde. Zum Schlafen musste er in das Polenlager. Er war etwa ein Jahr bei uns. Bei einem Streit zwischen Polen und Ukrainern erhielt er drei gefährliche Messerstiche und musste ins Krankenhaus. Das war Ende 1941 oder Anfang 1942. Nach ihm erhielten wir den Ukrainer Alexander Micztal. Er arbeitete und wohnte bei uns bis zum Kriegsende.“ Gemeint ist eventuell der damals 16-jährige Ukrainer Oleksander Mischtal aus der damals zu Polen gehörenden Woiwodschaft Stanislawow.

Eine andere Schefflenzerin berichtet: „Der Pole Mieczyslaw Sieranz arbeitete bei uns. Er hat mich nach dem Krieg mehrmals eingeladen. Ich habe ihn und seine Frau 1986 in Polen besucht. Mit seiner Frau Czeslawa, geborene Czaban, war unser Pole schon in Oberschefflenz befreundet. Als sie später in Muckental arbeiten musste, kam sie jeden Sonntag zu Fuß hierher. Bei uns arbeitete und wohnte auch ihre Schwester Hanka Czaban, die 14 Jahre alt war. Niemand wollte sie nehmen, da haben wir sie halt genommen. Vorher hatten wir einen französischen Kriegsgefangenen. Er wurde krank und kam ins Lager. Er weinte, als er von uns weg ging.“

Eine Aufstellung der Stadt Mosbach vom 14.6.1946 verzeichnet 288 „geschlossene Ehen von Ausländern seit dem 2.9.1939“. Fast alle sind polnische Frauen und Männer, die nach ihrer Befreiung Anfang April 1945 im Lager für Displaced Persons in Mosbach (auf dem Gelände des heutigen Nicolaus-Kistner-Gymnasiums) untergebracht worden waren. Darunter auch die Ehe von Mieczyslaw Sierzant (geboren 1921 in Zalecze) und Czeslawa Czaban (geboren 1925 in Lemberg, dem heutigen Lwow in der Ukraine).

Auch die früheren Zwangsarbeiter in Oberschefflenz Stanislaw Gorak (geboren 1919 in Zalecze) und Janina Lubieniecka (geboren 1923 in Chorzow) heirateten im Lager Mosbach.

Wladyslaw Mulak (geboren 1922 in Narol in der Provinz Zamosc) gibt 1949 an, dass er als Landarbeiter in Oberschefflenz arbeiten musste, nach der Befreiung von April bis Juni 1945 im Displaced-Persons-Lager Mosbach lebte, bis Ende 1945 als Küchenarbeiter bei amerikanischen Truppen in Aglasterhausen arbeitete und seither in Karlsruhe wohnte. Etwa 1947 oder 1948 heiratete er die Arbeiterin Hannelore Hein aus Karlsruhe. Wladyslaw Mulak wollte wegen des kommunistischen Regimes nicht mehr nach Polen zurückkehren und stattdessen lieber in die USA auswandern, wo eine Tante in Detroit lebte. Vermutlich sein Cousin Kazimierz Mulak, der mit ihm nach der Befreiung als Displaced Person in Karlsruhe sich aufhielt, kehrte hingegen im Dezember 1946 nach Polen zurück.

Foto: Wladyslaw Mulak nach der Befreiung etwa 1947 in Karlsruhe.

Die Stellung der polnischen Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft

Strenge Verordnungen bei Androhung harter Strafen regelten die Unterbringung, den Arbeitseinsatz und die Stellung der polnischen Zwangsarbeiter in den Dörfern. Nicht selten waren es jugendliche Leute, die von ihrer Familie getrennt und aus ihrer Heimat verschleppt worden waren und nun in der Fremde weitgehend rechtlos waren. Wie sich ihre Lebenssituation aber konkret gestaltete, hing oft auch von den Verhältnissen bei ihren Arbeitgebern, in den Unterkünften und in den Dörfern ab. Erst im letzten Kriegsjahr wurde ihre Stellung geringfügig aufgebessert.

Einen Eindruck darüber vermittelt ein Schreiben des Landrats von Neustadt/Schwarzwald vom 5. Dezember 1941 „an die Herren Bürgermeister des Landkreises“, in dem dieser beklagt, dass die Verordnungen zur „Behandlung der im Reich eingesetzten Zivilarbeiter und -arbeiterinnen polnischen Volkstums sehr mangelhaft durchgeführt“ werde, weshalb er diese nochmals zusammenfasste und „um strengste Beachtung und Durchführung“ ersuchte:

1. Ein Beschwerderecht steht den Landarbeitern polnischen Volkstums grundsätzlich nicht mehr zu und dürfen solche auch von keiner Dienststelle entgegen genommen werden.
2. Die Landarbeiter polnischen Volkstums dürfen die Ortschaften, in welchen sie zum Einsatz gegeben werden, nicht mehr verlassen und haben Ausgangsverbot vom 1. Oktober bis 31. März von 20 Uhr bis 6 Uhr und vom 1. April bis 30. September von 21 Uhr bis 5 Uhr.
3. Die Benutzung von Fahrrädern ist streng untersagt. Ausnahmen sind möglich für Fahrten zur Arbeitsstelle aufs Feld, wenn ein Angehöriger des Betriebsführers oder der Betriebsführer selbst dabei sind.
4. Der Besuch der Kirchen gleich welcher Konfession ist streng verboten, auch wenn kein Gottesdienst abgehalten wird, Einzelseelsorge durch die Geistlichen außerhalb der Kirchen ist gestattet.
5. Der Besuch von Theatervorstellungen, Kinos oder sonstigen kulturellen Veranstaltungen ist für die Landarbeiter polnischen Volkstums streng untersagt.
6. Der Besuch von Gaststätten für Landarbeiter polnischen Volkstums ist streng verboten mit Ausnahme einer Gaststätte im Ort, die vom Landratsamt hierzu bestimmt wurde, und nur an einem Tag in der Woche. Der Weg, welcher zum Besuch der Gaststätte freigegeben wurde, wird ebenfalls vom Landratsamt bestimmt. Bei dieser Bestimmung ändert sich an dem unter 2. verkündeten Ausgangsverbot nichts.
7. Der Geschlechtsverkehr mit Frauen und Mädchen ist streng verboten, und wo solcher festgestellt wird, ist Anzeigepflicht gegeben.
8. Zusammenkünfte von Landarbeitern polnischen Volkstums nach Feierabend auf anderen Höfen, sei es in Stallungen oder in den Wohnräumen der Polen, wird verboten.
9. Die Benutzung von Eisenbahnen, Omnibussen oder sonstigen öffentlichen Verkehrsmitteln durch Landarbeiter polnischen Volkstums ist verboten.
10. Bescheinigungen von der Ortspolizeibehörde (Bürgermeisteramt), welche zum Verlassen des Ortes berechtigen, dürfen nur in ganz großen Ausnahmefällen ausgestellt werden, keinesfalls aber, wenn ein Pole eigenmächtig eine Dienststelle, sei es ein Arbeitsamt oder die Kreisbauernschaft, aufsuchen oder seinen Arbeitsplatz wechseln will.
11. Ein eigenmächtiger Stellenwechsel ist streng verboten. Die Landarbeiter polnischen Volkstums haben solange täglich zu arbeiten, wie es im Interesse des Betriebes gelegen ist und vom Betriebsführer verlangt wird. Eine zeitliche Begrenzung der Arbeitszeit besteht nicht.
12. Das Züchtigungsrecht steht jedem Betriebsführer für die Landarbeiter polnischen Volkstums zu, sofern gutes Zureden und Belehrungen ohne Erfolg waren. Der Betriebsführer darf in einem solchen Fall von keiner Dienststelle deswegen zur Rechenschaft gezogen werden.
13. Die Landarbeiter polnischen Volkstums sollen nach Möglichkeit aus der Hausgemeinschaft entfernt werden und können in Stallungen usw. untergebracht werden. Irgendwelche Hemmungen dürfen dabei nicht im Wege stehen.
14. Alle von Landarbeitern polnischen Volkstums begangene Schandtaten, die dazu angetan sind, den Betrieb zu sabotieren oder die Arbeiten aufzuhalten, z. B. durch Arbeitsunwille oder freches Benehmen, unterliegen der Anzeigepflicht auch dann, wenn es sich um leichtere Fälle handelt. Ein Betriebsführer, welcher durch pflichtgemäße Anzeige seinen Polen, der daraufhin eine längere Haftstrafe verbüßen muss, verliert, erhält auf Antrag vom zuständigen Arbeitsamt bevorzugt eine andere polnische Arbeitskraft zugewiesen.
15. In allen anderen Fällen ist nur noch die Staatspolizei zuständig.
Auch für Betriebsführer sind hohe Strafen vorgesehen, sollte festgestellt werden, dass der notwendige Abstand von den Landarbeitern polnischen Volkstums nicht gewahrt worden ist, dasselbe gilt auch für die Frauen und Mädchen, Sonderzuwendungen sind streng untersagt. Nichteinhaltung der Reichstarife für Landarbeiter polnischen Volkstums werden mit sofortiger Wegnahme der Arbeitskarte durch das zuständige Arbeitsamt bestraft.

Denunzierung, Verhaftungen und Ermittlungen

Wladyslaw Skrzypacz war am 18. Oktober 1913 in Krawce in der Gemeinde Grebow im Powiat Tarnobrzeski der Woiwodschaft Karpatenvorland in Polen geboren worden. Verheiratet war er mit Sofie Drozd in Krawce. Nach der deutschen Eroberung Polens im Zweiten Weltkrieg wurde Wladyslaw Skrzypacz 1939 oder 1940 nach Deutschland verschleppt und kam als landwirtschaftlicher ziviler Zwangsarbeiter zunächst nach Hassmersheim, wo er auch noch zum Zeitpunkt seines Tod gemeldet war, und ein paar Monate später nach Heinsheim und Oberschefflenz – alle Orte gelegen im damaligen Landkreis Mosbach.

Der 27-jährige Wladyslaw Skrzypacz arbeitete bei einem Landwirt, der in der Nachbarschaft einer 30-jährigen Lebensmittelhändlerin in der Ringelgasse wohnte. Sie berichtet: „Dieser Pole hat mir ab und zu Zucker- oder Salzsäcke vom Lagerraum in mein Ladengeschäft transportiert oder kam sonst zu Hilfe, wenn etwas Schweres zu heben war. Auch hat er seine Rauchwaren und sonstigen Sachen bei mir eingekauft.“

Wie es genau dazu kam, dass ein angebliches oder tatsächliches Verhältnis zwischen den beiden bekannt und denunziert wurde und von wem, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Der damalige Bürgermeister Adolf Reimold berichtet: „Eines Tages wurde es ruchbar, dass dieser Pole mit einer Frau in Oberschefflenz geschlechtliche Beziehungen gehabt haben soll. Was eigentlich genau los war, haben wir auf dem Rathaus nicht erfahren.“

Am Samstag, den 23. November 1940 wurden der Pole und die Frau vom damaligen Oberschefflenzer Gendarmen Traber und anderen festgenommen und zur Untersuchungshaft ins Landgerichtsgefängnis Mosbach gebracht. Verhört wurden sie von Kriminalbeamten der Gestapo in Mosbach: von dem Kriminalassistenten Kurt Horsch und dem Kriminalsekretär Albert Hauk, der nach eigenen Angaben „vom 22. Juni 1938 bis 31. August 1941 … Leiter der Geheimen Staatspolizei-Außendienststelle Mosbach“ war. „Wir erhielten den Auftrag von dem Leiter der Abteilung II der Staatspolizeileitstelle Karlsruhe, Herrn Kriminalrat Dr. Faber.“

Albert Hauk: „Der Fall … war nur eine Schutzhaftsache und als solche ist sie behandelt worden. Bei den ganzen getroffenen Maßnahmen lag staatspolizeiliches Interesse vor. Sämtliche Vorgänge mussten in mehrfacher Fertigung vorgelegt werden und der Gestapoleitstelle Karlsruhe übersandt werden. … Die zuständige Staatsanwaltschaft Mosbach hat bestimmt keinen Aktenvorgang erhalten und war in keiner Weise eingeschaltet, weil es sich ja um eine reine staatspolizeilicher Maßnahme gehandelt hat.“ Gerichtsverfahren fanden daher keine statt, wie auch die Frau bestätigt: „Mit einem Gericht hatte ich überhaupt nichts zu tun. Ich wurde von der Gestapo einfach eingesperrt und blieb fast 6 1/2 Monate im Gefängnis in Mosbach sitzen.“

Die Erhängung des Wladyslaw Skrzypacz

Vermutlich schlug der Abteilungsleiter in der Staatspolizeileitstelle in Karlsruhe Dr. Heinrich Faber eine „Sonderbehandlung“ des Wladyslaw Skrzypacz dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in Berlin vor, welches schließlich aufgrund eines Erlasses verfügte, „dass Polen, welche geschlechtsvertrauliche Beziehungen mit deutschen Frauen oder Mädchen unterhalten, erhängt werden“, erklärt Albert Hauk. Bei den Ermittlungen Anfang der 1960er Jahre wird Dr. Faber vorgeworfen, dass dieser in seinen Empfehlungen auch eine mildere Vorgehensweise als eine „Sonderbehandlung“ hätte vorschlagen können wie beispielsweise eine Einweisung in ein Konzentrationslager. Nebenbei erwähnt finden sich so unter den Gründen für Schutzhaft von polnischen Zwangsarbeitern in den KZ Neckarelz und Neckargerach auch einzelne Fälle von „intimer Verkehr mit deutscher Frau“.

Zur Vorbereitung der Hinrichtung führt der damalige Bürgermeister Reimold von Oberschefflenz aus: „Einige Tage zuvor kamen zwei Herren [vermutlich Horsch und Hauk von der Gestapostelle Mosbach] aufs Rathaus und suchten an Hand einer Karte einen Platz im Gelände aus, wo die Erhängung des Polen vorgenommen werden sollte. Es sollte eine Stelle im Gelände sein, die weithin sichtbar ist. Diese Beamten suchten dann den Platz am Großherzog-Denkmal in Oberschefflenz [auf der Höhe außerhalb des Ortes] in Richtung Sennfeld aus.“

links: Platz am Großherzog-Denkmal heute, am 22.4.1941 Ort der Hinrichtung des Wladyslaw Skrzypacz, rechts: Ausschnitt auf historischer Postkarte

Laut dem Gefangenenbuch des Landgerichtsgefängnisses Mosbach wurde Wladyslaw Skrzypacz am Vortag der Exekution um 17.30 Uhr von der Gestapo abgeholt. Reimold berichtet: „Ich weiß nur noch, dass der Pole einen Tag vor der Erhängung nach Oberschefflenz verbracht und im hiesigen Ortsarrest von zwei auswärtigen Beamten in Zivil bewacht worden ist.“

Anhand von Fahrtkostenabrechnungen von Dienstreisen konnten 1960/1961 Teilnehmer an den Vorbereitungen und Durchführungen dieses grausamen Schauspiels ermittelt werden. Dies waren in diesem Fall ab 21. April 1941 von Karlsruhe aus der Kriminaldirektor Dr. Faber, vom 20. bis 24. April der aus Polen stammende und eingedeutschte Kriminalassistent Bernhard Steinhoff – er hieß zuvor Zgrisek – von Konstanz als Dolmetscher bei den Hinrichtungen von Skrzypacz und dem Polen Josef Poncek (am 24. April in Hüfingen bei Donaueschingen), vom 17. bis 24. April Kriminaloberassistent Kurt Horsch und Kriminalsekretär Albert Hauk von der Gestapo Mosbach, vom 18. bis 26. April von Karlsruhe aus Kriminalobersekretär Fritz Nagel zu den beiden Exekutionen in Oberschefflenz und Hüfungen sowie als weitere Teilnehmer von Mannheim aus Kriminaljurist Adolf Gerst, Kriminalsekretär Fritsch, der Kriminalangestellte Rudolf Stolze und der Fahrer Fritz Reuter.

Auch „die Hitlerjugend und die sonstigen Organisationen der Partei“ mussten antreten, erklärt Reimold: „Ich selbst war auch zugegen.“ Auch Albert Hauk bestätigt: „Die gesamte Exekution des Polen in Oberschefflenz wurde unter Leitung von Dr. Faber durchgeführt, welcher bei der Erhängung persönlich anwesend war. Ferner mussten sowohl mein Vertreter Horsch und ich gleichfalls anwesend sein. An der Exekution nahmen ferner Vertreter der Partei und deren Organisationen teil.“

Am Dienstagmorgen des 22. April um acht Uhr wurde Wladyslaw Skrzypacz an einem Baum an dem Platz erhängt, vermutlich durch Stoßen von der Pritsche eines Wagens. Um 8.10 Uhr wurde sein Tod festgestellt. Nicht bekannt ist, wer zum Vollzug der Hinrichtung herangezogen wurde.

Im Anschluss führte die Gendarmerie „sämtliche Polen des Bezirks Mosbach oder der engeren Umgebung von Oberschefflenz an die Exekutionsstätte“. „Diese mussten einzeln an dem Erhängten vorbeilaufen.“ Sie sollten damit vor Verstößen gegen die strengen Verhaltensregeln für polnische Zwangsarbeiter abgeschreckt werden.

Ein Grab, an dem Wladyslaw Skrzypacz gedacht werden könnte, gibt es nicht: nach der damaligen Praxis wurden die Leichen der erhängten polnischen Landarbeiter den Anatomien der Universitätsklinken überlassen – in seinem Fall vermutlich der in Heidelberg.

KZ-Einweisung der Oberschefflenzer Frau

Auch die beschuldigte Oberschefflenzer Frau traf ein hartes Schicksal: sie wurde nach einem halben Jahr Untersuchungshaft Ende Mai 1941 vom Gerichtsgefängnis Mosbach in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück überführt, von wo sie erst drei Jahre später im Sommer 1944 entlassen wurde. Ihre Kinder sollen während dieser Zeit bei Großeltern aufgewachsen sein. Ihre Ehe wurde geschieden und erst später wenige Jahre nach Kriegsende wieder in Kraft gesetzt. Um ihre schwierige Lebenslage zu verstehen, sollten auch die patriarchalen Verhältnisse im Nationalsozialismus und noch Jahrzehnte nach Kriegsende mitbedacht werden und wie diese in zwischenmenschliche Beziehungen in Familien und Dorfgemeinschaften hineingewirkt haben könnten.

Ermittlungsverfahren gegen Dr. Heinrich Faber

Trotz der umfangreichen Ermittlungen Anfang der 1960er Jahre gegen Dr. Heinrich Maria Faber als Kriminaldirektor und Leiter der Abteilung II der geheimen Staatspolizei Karlsruhe und „wegen Beihilfe zum Totschlag“ konnte ihm „ein einwandfreies Verschulden an den Exekutionen der Polen im Raume der Gestapoleitstelle Karlsruhe nicht nachgewiesen werden“.

Dr. Heinrich Faber (geboren am 25. April 1900 in Bernkastel an der Mosel in Rheinland-Pfalz und gestorben am 12. März 1973 in Oelde) war als SS-Obersturmführer (SS-Nr. 310249) und promovierter Philologe Stellvertreter des Leiters der Staatspolizeileitstelle Karlsruhe (Gestapo Karlsruhe) von 1940 bis 1944 [Wikipedia, Zugriff am 19.4.2021]: Der Sohn eines Rechnungsrats besuchte ab Ostern 1910 die höhere Knabenschule in Bernkastel, ab 1915 das Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Trier und absolvierte 1918 die Abiturprüfung. Noch im gleichen und letzten Jahr des Ersten Weltkriegs diente er in der Marine. Ab 1919 studierte er an der Universität Bonn die Fächer Geschichte, Philosophie und klassische Philologie (Alte Sprachen), legte am 8. Februar 1922 die mündliche Prüfung zu seiner Dissertation ab: „Die Beziehungen des römischen Kaiserhauses zu den auswärtigen Fürstenhöfen“. Danach betätigte er sich bis Januar 1925 bei einem Arbeitergeberverband. Nach bestandener Prüfung zum Landbürgermeister nahm er ab Februar 1925 eine Stelle in der Kommunalverwaltung von Bernkastel an. Ab Mai 1926 nahm er seine Laufbahn bei der Polizei in Dortmund auf und bestand 1927 die Prüfung zum Kriminalkommissar an der Polizeischule in Berlin, um dann als Hilfskommissar wieder zur Kriminalpolizei Dortmund zurückzukehren. Ab 1928 wurde er zur Landeskriminalpolizeistelle Tilsit versetzt (Ostpreußen), wo er zum Kriminalkommissar ernannt wurde.

Obwohl Faber vorher als gläubiger Katholik der Zentrums-Partei nahe stand, wurde er zum 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP (Nr. 2057540) und der SA und bekannte sich damit vermutlich aus Karrieregründen zum Nationalsozialismus. Zum Kriminalrat wurde er am 1. April 1935 befördert, als er die Leitung der politischen Polizei in Tilsit übernahm. Bei der Gestapo Karlsruhe wurde er ab dem 1. Februar 1938 als Kriminalrat tätig. Von der SA trat er am 1. August 1938 zur SS im Range eines SS-Sturmbannführers über. Mit der Beförderung zum Kriminaldirektor an 1. April 1940 wurde er zum Stellvertreter des Leiters der Staatspolizeileitstelle Karlsruhe ernannt. Diese Stellung hatte er bis zum 10. Dezember 1944 inne, als er zur Gestapo Osnabrück versetzt wurde. Faber leitete die Dienststelle der Gestapo Osnabrück noch bis zum 1. April 1945 und setzte sich mit den Angehörigen zur Staatspolizeileitstelle Bremen ab.

Von seiner Mentalität her sei Faber von Zurückhaltung und Vorsicht geprägt gewesen, so dass er bald unter den Angehörigen der Gestapo Karlsruhe als „Kriminalrat Bedenken“ und „Professor Angstmann“ bekannt gewesen sei. Diese zurücksetzende Beurteilung führten aber wohl dazu, dass sich Faber dann an den Gewaltakten auf der Dienststelle gegen Gefangene beteiligte und anstandslos polnische Zwangsarbeiter wegen NS-Vergehen zu Hinrichtungen auslieferte. Infolge dieser Tätigkeiten wurde schließlich Anfang der 1960er Jahre gegen Faber ermittelt: im Zuge dieser Verfolgungen sei es zur ersten Hinrichtung am 5. April 1941 außerhalb eines KZ im NS-Regime gekommen. Gegen Faber wurde ab dem 27. April 1960 eine Voruntersuchung beim Landgericht Karlsruhe eingeleitet, die aber am 10. März 1964 eingestellt wurde, weil eine Verurteilung nicht mit Wahrscheinlichkeit zu erwarten wäre.

Faber tauchte nach Kriegsende von 1945 bis 1948 unter und betätigte sich als Hilfsarbeiter in der Landwirtschaft und in verschiedenen Gewerben als kaufmännischer Angestellter. Die Spruchkammer Osnabrück stufte ihn am 23. März 1951 in einem Entnazifizierungsverfahren als Mitläufer im NS-Regime ein. Bis 1958 nahm er eine Tätigkeit als Handelsvertreter in Oslo auf und wurde danach Empfänger von Sozialleistungen.

Mindestens 38 Exekutionen von polnischen landwirtschaftlichen Zwangsarbeitern in Baden

Für den Zuständigkeitsbereich der Staatspolizeileitstelle Karlsruhe wurden 1960 folgende 38 Exekutionen von polnischen landwirtschaftlichen Zwangsarbeitern im Zusammenhang mit „geschlechtsvertraulichen Beziehungen“ zu deutschen Frauen und Mädchen ermittelt:

Jan Kobus (erhängt am 5.4.1941 in Pfullendorf), Wladyslaw Skrzypacz (am 22.4.1941 in Oberschefflenz), Josef Ponczek (am 24.4.1941 in Hüfingen), Stanislaw Damaziak (am 7.5.1941 in Karlsruhe-Durlach), Stanislaw Janaszek (am 1.7.1941 in Gernsbach), Mieczyslaw Gawlowski (am 25.7.1941 in Ruschweiler), Josef Procel (am 7.8.1941 in Münchhof-Homberg bei Eigeltingen), Stanislaw Wielgo (am 25.8.1941 in Grenzach), Eugeniusz Pagacz (am 2.9.1941 in Salem), Stanislaw Zasada (am 16.10.1941 in Brombach bei Lörrach), Emil Puchelka (am 28.10.1941 in Saig über Titisee), Waclaw Zensykieci (am 29.10.1941 in Kandern), Bernhard Podzienski (am 14.1.1942 in Schiltach), Stefan Kozlowski (am 15.1.1942 in Hinterzarten), Johann Gumulka (am 11.2.1942 in Gundelfingen), Andrey Wrozek (am 12.2.1942 in Haslach/Oberkirch), Theodor Borowski (am 13.2.1942 in Hohenbodman), Rak (am 14.2.1942 in Kreenheinstetten), Marian Lewicki (am 5.3.1942 in Villingen), Stanislaw Piaskowski (am 9.3.1942 in Hardheim), Franz Koletzki (am 17.3.1942 in Bollschweil), Wladyslaw Szmehlik (am 10.4.1942 in Rohrbach im Kreis Sinsheim), Marian Grudzien (am 15.4.1942 in Säckingen), Josef Krakowski (am 15.4.1942 in Säckingen), Bruno Orczynski (am 15.4.1942 in Säckingen), Franz Salewsky (am 15.4.1942 in Lauterburg/Elsass), Jan Krol (am 19.5.1942 in Bötzingen), Ludwig Malczynski (am 27.5.1942 in Mimmenhausen), Ludwig Halczynski (am 29.5.1942 in Salem), Wladyslaw Rebetowski (am 5.6.1942 in Tennenbronn), Jan Mroczek (am 17.7.1942 in Freiamt), Josef Makuch (am 5.8.1942 in Helmsheim), Ludwig Szymanski (am 8.10.1942 in Watterdingen), Josef Bestry (am 9.10.1942 in Jestetten), Josef Stempniak (am 10.10.1942 in Weizen im Kreis Waldshut), Franciszek Strojowski (am 13.10.1942 in Ichenheim), Josef Wojcik (am 13.10.1942 in Ichenheim) und Jan Ciechanowski (am 24.11.1942 in Haslach im Kinzigtal).

Beispiele für Gedenkorte für erhängte polnische landwirtschaftliche Zwangsarbeiter in Baden (von links nach rechts): das Sühnekreuz am Tannhörnle bei Villingen für Marian Lewicki, ein Gedenkstein für Stanislaw Zasada in Brombach bei Lörrach (sein Schicksal wurde 1978 von Rolf Hochhuth in dem Roman „Eine Liebe in Deutschland“ bearbeitet und 1983 von Andrzej Wajda verfilmt), die Polenlinde in Salem für Eugeniusz Pagnacz und Ludwigk Walczynski sowie das Polenkreuz in Owingen-Hohenbodman für Theodor Borowski.

Bernhard Steinhoff, der an mindestens zwanzig Exekutionen teilgenommen hatte, erinnert sich nur noch allgemein an Abläufe von Hinrichtungen in Baden, jedoch nicht mehr konkret an die in Oberschefflenz oder zwei Tage später an die des Polen Ponczek in Hüfingen: „ich kann mich nicht mehr an Einzelheiten erinnern“. Die Gemeindeverwaltungen und Gendarmerieposten waren dafür zuständig, die Vorbereitungen durchzuführen, das heißt ein Fahrzeug bereitzustellen, „von dem der Delinquent beim Erhängen heruntergestoßen wurde“ und „die in der Umgebung wohnenden polnischen Zivilarbeiter in der Nähe des Exekutionsplatzes zu versammeln.“ Als Dolmetscher eröffnete Steinhoff in einigen Fällen „dem Delinquenten, dass er am nächsten Tag exekutiert werde und fragte ihn nach seinen letzten Wünschen, übersetzte bei der Aktion „dem Delinquenten das Todesurteil, das ihm vorher vom Leiter der Staatspolizeileitstelle Karlsruhe oder dessen Vertreter in deutscher Sprache vorgelesen worden war, in polnischer Sprache“ und erklärte „den polnischen Zivilarbeitern der Umgebung, die zur Abschreckung an den Exekutierten vorbeigeführt wurden, in polnischer Sprache, warum die Erhängung durchgeführt worden ist, und dass jeder das Gleiche erwarten müsste, der gegen die gegebenen Richtlinien verstößt.“ Nach Steinhoffs Erinnerung enthielt das Urteil den Wortlaut: „Sie werden auf Befehl des Reichsführers der SS und Chef der Deutschen Polizei heute hier gehängt.“

Die eigentliche Exekution, also „das Anbringen des Strickes und das Herunterstoßen vom Wagen“ sei „von anderen polnischen Zivilarbeitern durchgeführt“ worden. Man habe „willkürlich andere polnische Zivilarbeiter gefragt, ob sie gegen eine Bezahlung [von fünf Mark] die Exekution durchführen würden.“ „Der immer hinzugezogene Kreisarzt stellte den Tod des Delinquenten fest, worauf dieser dann von irgendeiner Universität – pathologisches Institut abgeholt worden ist. Bevor der Erhängte wieder abgehängt wurde, mussten die übrigen polnischen Zivilarbeiter daran vorbei defilieren. Sie zogen stumm an ihrem toten Landsmann vorüber. Zu irgendwelchen Ausschreitungen ist es nie gekommen. Ich habe nie erlebt, dass anlässlich einer solchen Exekution ein Geistlicher dem Delinquenten hätte beistehen können.“

Die häufige Teilnahme habe in Steinhoff „eine sehr starke seelische Belastung“ hervorgerufen, da er „mit diesen Maßnahmen innerlich nicht einverstanden“ gewesen sei und „nicht verstehen konnte, dass ein Mensch wegen eines solchen Deliktes sein Leben verwirkte“. Er habe deshalb Ende 1941 seine Versetzung betrieben, was ihm 1942 bewilligt worden sei, sodass er dank guter Beziehungen von Konstanz nach Karlsruhe zum „Referat für Russeneinsatz“ bei der Staatspolizeileitstelle versetzt worden sei.

10. Fukushima-Jahrestag

Mahnwache mit Redebeitrag am 11. März 2021 um 17.30 Uhr auf dem Marktplatz Mosbach

An den 10. Jahrestag der Atomkatastrophe von Fukushima/Japan (Kernschmelze in drei Atomreaktoren) erinnert die Initiative AtomErbe Obrigheim am Donnerstag, 11. März, um 17.30 Uhr mit einer Mahnwache und Redebeitrag auf dem Marktplatz Mosbach.
Die Initiative verbindet dabei die Forderung nach einem vollständigen Atomausstieg mit der Notwendigkeit einer entschlossenen Klimaschutzpolitik: die Abschaltung der Atomkraftwerke und der Ausstieg aus der Nutzung fossiler Energieträger dürfen dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden. Siehe dazu auch ein ausführliches Positions- und Hintergrundpapier, welches verschiedene Aktivisten aus atomkritischen Gruppen erarbeitet haben. In Deutschland war ursprünglich die Atomkatastrophe von Tschernobyl vor 35 Jahren ein entscheidender Anstoß für die Nutzung Erneuerbarer Energien.
Die dreifache Katastrophe in Japan (Erdbeben, Tsunami-Flutwelle und der atomare Super-GAU) sowie die aktuelle Corona-Pandemie verdeutlichen nebenbei die Notwendigkeit der Katastrophenvorsorge. Dazu gehört auch die Vorhaltung einer flächendeckenden Gesundheitsversorgung und von Behandlungskapazitäten sowie der Erhalt der Krankenhausstrukturen in öffentlicher Hand.
Die Initiative bittet um die Beachtung der auferlegten Corona-Schutzmaßnahmen (Maskenpflicht, Abstandsregel, Registrierung für den Fall einer Kontaktverfolgung, Ausschluss akut Corona-Infizierter).
Mit der Mahnwache gedenkt die Initiative der Opfer der militärischen und zivilen Nutzung von Atomkraft.

Mosbach atomwaffenfrei und Atomwaffenverbotsvertrag im Januar 2021

Es gibt einen Grund zum Jubeln:

Mosbach bekennt sich zu einer atomwaffenfreien Welt, und ab 22. Januar 2021 sind Atomwaffen international verboten!

Am Mittwoch, 21. Oktober 2020 entschied der Gemeinderat Mosbach über die Bitte der Initiative AtomErbe Obrigheim an die Stadt Mosbach und ihren Oberbürgermeister, dem Bündnis „Mayors for Peace“ und dem ICAN-Städteappell (Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen) beizutreten.

Oberbürgermeister Michael Jann warb für ein möglichst geschlossenes Votum und bekundete sein Interesse hinsichtlich der alle zwei Jahre stattfindenden Bundeskonferenz der Bürgermeister für den Frieden. Lediglich Dr. Gunther Leibfried (Freie Wähler) ergriff Partei gegen einen Verzicht auf nukleare Abschreckung. Der Sachverhalt sei deutlich komplizierter, eine einseitige atomare Abrüstung vernachlässige Sicherheitsaspekte und sei naiv. Beispielsweise Russland bedrohe (wie früher die Sowjetunion während des Kalten Kriegs) verschiedene Länder usw. Timo Riedinger (Bündnis 90/Die Grünen) widersprach, die Initiative engagiere sich für ein komplettes, weltweites Atomwaffenverbot.

So stimmte der Gemeinderat mit einer deutlichen Mehrheit (bei einer Gegenstimme und drei Enthaltungen) dem Antrag zu. Die Initiative AtomErbe Obrigheim begrüßt die Entscheidung des Gemeinderats und dankt dem Oberbürgermeister Michael Jann und den Gemeinderäten für ihre Zustimmung.

Die Stadt Mosbach befindet sich damit in bester Übereinstimmung mit dem internationalen Prozess zu einer atomwaffenfreien Welt, denn nur eine Woche später kam auch für den Atomwaffenverbotsvertrag ein Durchbruch:

Mit dem Atomwaffenverbotsvertrag (TPNW) nun für eine atomwaffenfreie Zukunft streiten!

Es ist ein großartiges Geschenk, welches Honduras der Welt und der Menschheit zum 75. Geburtstag des Inkrafttretens der Charta der Vereinigten Nationen (UNO) am 24. Oktober 2020 brachte: Es ratifizierte als 50. Staat den Atomwaffenverbotsvertrag (Treaty on the Prohibition of Nuclear Weapons, TPNW) ( https://de.wikipedia.org/wiki/Atomwaffenverbotsvertrag#cite_note-UNTreatyColl-11 ). Der TPNW verbietet die Entwicklung, Produktion, Test, Erwerb, Lagerung, Transport, Stationierung und Einsatz von Atomwaffen sowie die Drohung damit. Im Dezember 2016 hatte die UN-Generalversammlung eine Resolution mit einem Verhandlungsmandat für einen solchen Vertrag angenommen. 2017 folgten zwei Verhandlungskonferenzen, an denen sich 132 bzw. 124 der 193 Mitgliedstaaten beteiligten. Nicht teil nahmen unter anderem die Atommächte und NATO-Staaten mit Ausnahme der Niederlande. Der ausgearbeitete Vertrag wurde dann am 7. Juli 2017 mit 122 Stimmen angenommen; die Niederlande stimmten dagegen, Singapur enthielt sich. Bis zum 24. Oktober 2020 unterzeichneten 84 Staaten, von welchen nochmals 50 Staaten ratifizierten, sodass der Atomwaffenverbotsvertrag nun am 22. Januar 2021, 90 Tage nach der fünfzigesten Ratifizierung, in Kraft treten wird.

Für die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen ICAN ist dies ein riesiger Erfolg. Für die Mitwirkung an dem Vertrag war ICAN 2017 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Leo Hoffmann-Axthelm, Vorstand von ICAN Deutschland, erklärte: „Ab dem 22. Januar 2021 sind Atomwaffen völkerrechtlich geächtet. Ein historischer Moment für einen Jahrzehnte alten Kampf. Während die Großmächte Verträge aufkündigen, hat die stille Mehrheit der Staaten die letzten Massenvernichtungswaffen verboten, und damit eine Ambition realisiert, die die Menschen weltweit teilen” ( https://www.icanw.de/neuigkeiten/50-staat-ratifiziert-un-atomwaffenverbot/ )

Noch vor kurzem, als sich abzeichnete, dass demnächst 50 Staaten den Atomwaffenverbotsvertrag ratfiziert haben würden, hatten die USA diese Staaten angeschrieben und aufgefordert, ihre Unterstützung zu widerrufen. Sie versuchten dabei den fünfzig Jahre alten Nichtverbreitungsvertrag (NVV) gegen den TPNW auszuspielen: letzterer stehe der Wirksamkeit des NVV im Wege und würde ihn gefährden. Beatrice Fihn, die Vorsitzende von ICAN, wies solche Behauptungen der Atommächte als „billige Lüge“ zurück: Den Atommächten gingen die Argumente aus. Der Atomwaffenverbotsvertrag habe im Gegenteil das gleiche Ziel wie der NVV, nämlich die Abschaffung der Atomwaffen. Auch UN-Generalsekretär Antonio Guterres begrüßt den Atomwaffenverbotsvertrag: „Für mich ist klar, dass wir in Bezug auf Atomwaffen nur an dem Tag völlig sicher sein werden, an dem es keine Atomwaffen mehr gibt“.

Ratifiziert haben ( https://treaties.un.org/Pages/ViewDetails.aspx?src=TREATY&mtdsg_no=XXVI-9&chapter=26&clang=_en ) Antigua und Barbuda, Österreich, Bangladesh, Belize, Bolivien, Botswana, Cook Islands, Costa Rica, Kuba, Dominica, Ecuador, El Salvador, Fidschi, Gambia, Guyana, Vatikan, Honduras, Irland, Jamaika, Kasachstan, Kiribati, DVR Laos, Lesotho, Malaysia, Malediven, Malta, Mexiko, Namibia, Nauru, Neuseeland, Nicaragua, Nigeria, Niue, Palau, Panama, Paraguay, Samoa, San Marino, Südafrika, Sankt Kitts und Nevis, Sankt Lucia, Sankt Vincent und die Grenadinen, Palästina, Thailand, Trinidad und Tobago, Tuvalu, Uruguay, Vanuatu, Venezuela, Vietnam.

Enttäuschend ist die Haltung der meisten europäischen Staaten. Es fehlen vor allem die größeren Staaten: unterzeichnet haben vor allem Mini-Staaten: Vatikan, Liechtenstein, Malta und San Marino sowie Österreich und Irland. Zum jetzigen Zeitpunkt haben diese Staaten (außer Liechtenstein) auch ratifiziert. Die Staaten der Europäischen Union, Friedensnobelpreisträger von 2012, boykottieren hingegen diesen Prozess zu einer atomwaffenfreien Welt weitgehend.

Jetzt den Rückenwind nutzen und die Politik in die Pflicht zu Abrüstung und Frieden nehmen

Trotzdem und gerade deshalb gilt es nun, diesen Erfolg und Rückenwind als Auftrag zu nutzen, um die Ächtung von Atomwaffen in tatsächliche (atomare) Abrüstungsschritte umzusetzen, was allerdings einen langen Atem erfordern wird. Roland Blach vom Landesvorstand der DFG-VK (Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen) Baden-Württemberg schreibt dazu in einer Rundmail: „Für mich persönlich war es einer der aufregendsten Erlebnisse in 25 Jahren hauptamtlicher Friedensarbeit zur Überwindung der atomaren Abschreckung. … Was gibt es jetzt zu tun? Wir planen der aktuellen Lage angemessene Feierlichkeiten zum Inkrafttreten des Verbotsvertrages am 22. Januar 2021. … Bereits am 5. Dezember 2020 können wir das Thema in den bundesweiten Aktionstag „abrüsten statt aufrüsten“ einbringen.“ Die Medien, Politiker und die Öffentlichkeit sollen angesprochen werden: „Jetzt können wir die im Frühjahr so intensive Debatte zur nuklearen Teilhabe und zur geplanten Anschaffung von atomaren Kampfbombern in unserem Sinne nutzen. Wir müssen abrücken von diesen Relikten des Kalten Krieges und alles dafür tun, dass der deutsche Beitritt zum Verbotsvertrag so schnell wie möglich vorbereitet wird.“ Die Überlebende des Atombombenabwurfs auf Hiroshima, Setsuko Thurlow habe es hoffungsvoll auf den Punkt gebracht: „Dies ist der Anfang von Ende der Atomwaffen“. Roland Blach: „Es gibt keinen Weg zum Frieden. Frieden ist der Weg.“

Die Menschen müssen die Politik nun in die Pflicht zum Abrüsten und zum Frieden nehmen. Die verpassten Möglichkeiten der letzten drei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des Ostblocks und nach dem Ende des Kalten Krieges um 1990 – die verschenkte „Friedensdividende“ – müssen nun nachgeholt werden, wobei heute die Schwierigkeiten und Differenzen viel größer sind als während der Phase der Entspannung vor dreißig Jahren.

Angesichts der vielfältigen Zukunftsbedrohungen für die Menschheit und der fortgesetzten Zerstörung der Lebensgrundlagen auf der Erde sollten die Zukunftsbewegungen (Fridays for Future und die Klimaschutzbewegung, ICAN und atomwaffenfrei usw.) ihre Ziele und ihren Einsatz bündeln. Auch die Corona-Pandemie und die folgenden Krisen (Weltwirtschaftskrise, soziale Krisen, Demokratiekrise, Welthunger usw.) verlangen nach internationaler Solidarität und Kooperation, für eine soziale und ökologische Gemeingüterwirtschaft statt Konkurrenz, Monopolisierung, privater Aneignung gesellschaftlich produzierten Reichtums und Zerstörung. Wir brauchen ein gutes Leben für alle, hier und anderswo, jetzt und in Zukunft.

Und die Bundesregierung?

Die Initiative AtomErbe Obrigheim hatte mit einem ausführlich begründeten Schreiben vom 6. August 2020 (Hiroshima-Tag) die Bundeskanzlerin, den Außenminister und die Verteidigungsministerin aufgefordert, „ihre Verweigerungshaltung aufzugeben, den Atomwaffenverbotsvertrag von 2017 zu unterzeichnen und zu ratifizieren sowie den Beschluss des Deutschen Bundestags von 2010 umzusetzen, sich mit Nachdruck für den Abzug der US-Atomwaffen aus Deutschland einzusetzen und in diesem Rahmen auch keine neuen Kampfbomber als Trägersysteme für die amerikanischen Atomwaffen anzuschaffen.

In einem Antwortschreiben des Auswärtigen Amts vom 12. Oktober antwortete der zuständige Referatsleiter, dass sich Bundesaußenminister Maas mit Nachdruck für eine Welt ohne Nuklearwaffen und für reale Abrüstungsschritte einsetze. Dazu habe Maas 2019 den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mit der nuklearen Abrüstung im Rahmen des Nichtverbreitungsvertrags (NVV) befasst. Im Februar 2020 habe Bundesaußenminister Maas zudem 15 Amtskollegen im Rahmen der Stockholm-Initiative nach Berlin geladen, die sich für konkrete Schritte zur Beförderung nuklearer Abrüstung einsetzen. Die Initiative habe große Beachtung erfahren. Der Dialog mit den Nuklearwaffenstaaten wird von der Bundesregierung seither konsequent intensiviert, um eine neue Dynamik für nukleare Abrüstung zu schaffen und zum Gelingen der für 2021 angesetzten Konferenz zur Überprüfung des NVV beizutragen.“ Zudem arbeite Bundesaußenminister Maas daran, die Grundlage für die Rüstungskontrolle von morgen zu schaffen“, wozu er 2019 eine große Expertenkonferenz in Berlin“ eröffnete. Dieser Prozess solle sich verstetigen. Die Bundesregierung teile mit den Unterstützern des Atomwaffenverbotsvertrags das Ziel einer nuklearwaffenfreien Welt.

Allerdings leiste der Atomwaffenverbotsvertrag „jedoch keinen realen Beitrag“ dazu, sondern trage „vielmehr zur Polarisierung der NVV-Vertragsstaaten bei“ und lasse gleichzeitig „im Unterschied zum NVV zentrale Fragen unbeantwortet, etwa die der Verifikation, also der Überprüfbarkeit der Umsetzung eines Nuklearwaffenverbots.“ Deshalb bleibe der NVV für die Bundesregierung weiter die zentrale Grundlage nuklearer Abrüstung und Nichtverbreitung. Angesichts des „europäischen Sicherheitsumfelds“ und der Bedrohung Europas durch [russische] Nuklearwaffen bestehe „die Notwendigkeit der nuklearen Abschreckung fort, die die NATO im Rahmen der Nuklearen Teilhabe gewährleistet“. „Ein einseitiger Ausstieg Deutschlands aus der nuklearen Teilhabe würde nach Ansicht der Bundesregierung unsere Sicherheit aufs Spiel setzen und Europa insgesamt unsicherer machen.“ Die Bundesregierung setze daher auf den „zweigleisigen Ansatz“ von „glaubhafter Abschreckung und Verteidigung“ einerseits und „einen aktiven Beitrag zu nuklearer Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung“ andererseits.

Kommentar zur Position der Bundesregierung

In ihrer Argumentation blendet das Außenministerium vollständig aus, dass der 50 Jahre alte Nichtverbreitungsvertrag NVV sein Ziel der Verpflichtung der Atommächte zu einer umfassenden atomaren Abrüstung komplett verfehlt hat, dass der NVV nicht verhindern konnte, dass mit Pakistan, Indien, Israel und Nordkorea weitere Atommächte entstanden, und dass der NVV bestenfalls den bisherigen Status Quo zementierte. Mandy Lüssenhop vom Landesvorstand der DFG/VK hat dies auch auf ihrer Rede bei der Mosbacher Kundgebung zum Hiroshima-Tag 2019 dargelegt. Der Atomwaffenverbotsvertrag kann insofern auch als eine umfassende Weiterentwicklung des NVV betrachtet werden und den Bemühungen um atomare Abrüstung neue Impulse geben – wenn es gewollt wird.

Die Bundesregierung weigert sich jedoch, an diesem Prozess zum Atomwaffenverbotsvertrag überhaupt nur teilzunehmen. Stattdessen eröffnet sie Nebenschauplätze wie die „Stockholm-Initiative“, um Aktivität vorzutäuschen. Es ist allerdings entgegen ihrer Behauptung nicht erkennbar, dass diese Initiative „große Beachtung“ erfahren habe. Das Medienecho war begrenzt, irgendwelche Ergebnisse sind nicht zu erkennen oder kaum vermittelt worden. Die Stockholm-Initiative scheint eher ein Ablenkungsmanöver zu sein, nachdem der Atomwaffenverbotsvertrag und ICAN große internationale Aufmerksamkeit erfahren und den Friedensnobelpreis bekommen haben. Den TPNW hingegen ignoriert und boykottiert die Bundesregierung genauso wie die Aufforderung des Bundestages aus dem Jahr 2010 an die Bundesregierung, die noch 20 US-amerikanischen Atomwaffen aus Deutschland zu verbannen und damit die nukleare Teilhabe (Mitverfügung der Bundeswehr) aufzukündigen. Stattdessen erklärte Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer inmitten der Corona-Krise im April 2020, für mehrere Milliarden Euro neue Atomkampfbomber als Trägersysteme für die in Deutschland stationierten Atombomben bei den USA bestellen zu wollen.

Die Ignoranz des Bundesaußenministeriums ist eine Brüskierung des Engagements der internationalen Zivilgesellschaft und der Zukunftsbewegungen. Stattdessen inszeniert Heiko Maas mit der Stockholm-Initiative eine zahnlose Diplomatie, die an der internationalen, von unten getragenen Dynamik vorbei geht. Der Berliner Tagesspiegel schrieb am 11. Juni 2019: „Eingeladen zu dem Meinungsaustausch hat das schwedische Außenministerium neben Maas die Chefdiplomaten aus Argentinien, Äthiopien, Finnland, Indonesien, Japan, Jordanien, Kanada, Kasachstan, den Niederlanden, Neuseeland, Norwegen, der Schweiz, Spanien und Südkorea. Keines der Länder besitzt Atomwaffen. Konkrete Beschlüsse wurden nicht erwartet.“ So viel zur Floskel des Außenministeriums von der Intensivierung des „Dialogs mit den Nuklearwaffenstaaten.“

Nachdem der Atomwaffenverbotsvertrag im Januar 2021 nun in Kraft treten wird, werden die Bundesregierung, die Atommächte (darunter die Veto-Mächte des Weltsicherheitsrates) und die mitverfügenden Staaten, die NATO und die Europäische Union damit diesbezüglich im internationalen Abseits stehen, da sie mit ihrem unflexiblen Verharren gegen ein internationales Vertragswerk verstoßen. Gleichzeitig verspielen sie damit weiter Glaubwürdigkeit, wenn sie sich wie die Bundesregierung als diplomatische und abrüstungspolitische Vermittler aufspielen wollen. Sie sind dringend aufgefordert, dem Atomwaffenverbotsvertrag beizutreten und atomar abzurüsten.

Dass unter den unterzeichnenden und ratifizierenden Staaten vor allem viele kleine und Mini-Staaten sind, von denen ich teilweise noch nie gehört habe, schmälert nicht das moralische Gewicht des Atomwaffenverbotsvertrags, hinter dem zudem sicherlich eine deutliche Mehrheit der ErdenbürgerInnen, zahlreiche Städte, BürgermeisterInnen, soziale, ökologische, antimilitaristische und andere Bewegungen und Initiativen und Aktive stehen. Deutschland könnte als politisch und wirtschaftlich schwergewichtiges sowie relativ bevölkerungsreiches NATO-Land mit einem Beitritt zum TPNW und der Aufkündigung der nuklearen Teilhabe und Abschreckungsdoktrin ein bedeutendes Signal setzen und dem Prozess zu einer atomwaffenfreien Welt einen zusätzlichen Schwung verleihen, statt sich nebenan ins Abseits zu stellen.

Kämpft für das Leben! Stoppt die Klimazerstörung! Für eine Welt ohne Atomwaffen!

Kundgebung in Mosbach anlässlich des 75. Hiroshima-Jahrestages

Auf Einladung der Initiative AtomErbe Obrigheim gedachten vierzig Teilnehmer*innen einer Kundgebung (Donnerstag, 6. August 2020) auf dem Marktplatz Mosbach den Opfern der beiden Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki vor 75 Jahren. Damals starben mehr Menschen als die rund 145.000 Einwohner, die heute der Neckar-Odenwald-Kreis zählt. Die Initiative hat nun vor zwei Monaten einen Appell an die Gemeinderäte und den Oberbürgermeister Michael Jann verschickt mit der Bitte, dem ICAN-Städtebündnis zur Abschaffung aller Atomwaffen beziehungsweise den Mayors for Peace beizutreten.

Hier ausführlich die Redebeiträge.

Um 18 Uhr gedachten die 40 Teilnehmer*innen der Kundgebung mit einer Gedenkminute für die Opfer der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki und der weiteren militärischen Atomnutzung.

In seiner Begrüßung beklagte Arno Huth die unerträgliche Zumutung, dass immer noch Tausende atomare Massenvernichtungswaffen mit einer unvorstellbaren Vernichtungspotenz bereitgehalten werden, die zum Overkill der gesamten Menschheit ausreiche. Besorgniserregend sei die zunehmende Verhärtung der Auseinandersetzungen der führenden Atommächte USA, Russland und China. Auch die Bundesregierung plane die Anschaffung neuer amerikanischer Kampfbomber für die Bundeswehr als Trägersysteme für die zwanzig in Deutschland gelagerten amerikanischen Atombomben.

Mandy Lüssenhop von der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG/VK)

Die Hauptrednerin Mandy Lüssenhop vom Landesvorstand der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG/VK) berichtete von ihren Begegnungen mit Überlebenden aus Hiroshima bei der Abrüstungskonferenz zum UN-Atomwaffensperrvertrag (NPT) 2019 in New York. Sie bemängelt aber auch, dass dieser Vertrag in der Praxis die Spaltung der Welt in Staaten mit und ohne Atomwaffen zementiert. Sie hofft daher, dass der 2017 initiierte Atomwaffenverbotsvertrag (TPNW) bald in Kraft treten kann. Dieser beinhalte ein umfassendes Verbot von Atomwaffen und versuche einen Weg zu ihrer vollständigen Abschaffung aufzuzeigen.

Leider fiel bei der Etablierung des TPNW die Europäische Union (Friedensnobelpreisträger 2012) bisher nicht als Friedensunion auf: aus Europa haben bisher nur Österreich, Irland, der Vatikan, Liechtenstein und San Marino den TPNW unterzeichnet und drei davon ratifiziert.

Die Weltuntergangsuhr wurde Anfang dieses Jahres auf nur noch hundert Sekunden vor Mitternacht gestellt, wobei diese neben der atomaren Bedrohung inzwischen auch die Zerstörung der menschlichen Lebensgrundlagen durch den Klimawandel mit berücksichtigt.

Lena-Marie Dold und Timo Riedinger vom Bündnis Klimaschutz Neckar-Odenwald

Lena-Marie Dold und Timo Riedinger vom Bündnis Klimaschutz Neckar-Odenwald griffen diesen Zukunftsaspekt in ihrem Redebeitrag auf. Sie sprechen sich für eine klima- und umweltfreundlichere Energiegewinnung aus, wobei sie Atomenergie als Alternative zu Kohlekraftwerke als gefährlich ablehnen und auf das ungelöste Problem der Atommüllentsorgung verweisen. Die zukünftigen Generationen dürften bei unseren Entscheidungen heute nicht aus dem Blick verloren werden.

Siehe hier die ausführlichen Redebeiträge.

Vor 75 Jahren Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki – Für eine Welt ohne Atomwaffen!

Donnerstag, 6. August 2020, 17.30 Uhr auf dem Marktplatz Mosbach

 

Anlässlich des 75. Jahrestages der beiden Atombombenabwürfe auf Hiroshima (6. August 1945) und Nagasaki (9. August) lädt die Initiative AtomErbe Obrigheim zu einer Kundgebung für eine Welt ohne Atomwaffen ein. Die Kundgebung wird auf einem gekennzeichneten Abschnitt auf dem Marktplatz Mosbach stattfinden, auf dem aufgrund der Corona-Auflagen des Ordnungsamtes Maskenpflicht besteht und die Teilnehmer*innen registriert werden (die Daten werden nach einer Frist von drei Wochen vernichtet). Die Initiative bittet Interessierte, sich nicht durch die Corona-Auflagen von einer Teilnahme an der Kundgebung abschrecken zu lassen. Zuschauer außerhalb der gekennzeichneten Kundgebungsfläche sollten zumindest die Abstandsregeln einhalten.

Infolge der beiden Atombombenabwürfen starben bis Jahresende 1945 mehr Menschen, als der Neckar-Odenwald-Kreis heute Einwohner zählt. Nach einer Phase der Entspannung nach dem Ende des Kalten Kriegs ist die Atomkriegsgefahr in den letzten zehn Jahren wieder deutlich gestiegen. Anfang dieses Jahres stellten die Atomic Scientists die Weltuntergangsuhr auf 100 Sekunden vor Mitternacht, wobei sie inzwischen auch Gefährdungen der Lebensgrundlagen der Menschheit durch Klima- und Umweltzerstörung mit berücksichtigen.

Die wirtschaftlichen, politischen, diplomatischen und rüstungspolitischen Auseinandersetzungen der führenden Welt- und Atommächte USA/NATO, Russland und China und anderer verhärten sich. Die Gefahr von Atomkriegen erhöht sich durch die Entwicklung von Hyperschallraketen, welche die Reaktionszeiten auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen gegnerischen Atomangriff verkürzen, und von taktischen Atomwaffen mit etwas verminderter Sprengkraft (sogenannte Mini-Nukes), um Kriege mit flexibel einsetzbaren Atomwaffen scheinbar begrenzt führen zu können. Außenminister Heiko Maas sprach sich bei einem Besuch in Hiroshima im November 2019 vordergründig für atomare Abrüstung aus, während er gleichzeitig in Loyalität zur NATO und den USA klarstellte, dass er einen einseitigen Abzug der amerikanischen Atomwaffen aus Deutschland ablehne. Daher weigert sich Deutschland auch weiterhin, den Atomwaffenverbotsvertrag zu unterzeichnen und zu ratifizieren. Aus dem Umfeld der Bundesregierung bzw. der Union gibt es immer wieder Überlegungen bezüglich einer Mitverfügung Deutschlands über Atomwaffen Frankreichs im Rahmen einer Europäisierung. Anfang März 2020 meldeten Medien, dass das US-Verteidigungsministerium demonstrativ Atomkriegssimulationen durchführe. Im Mai erwog US-Präsident Trump erstmals seit 1992 sogar einen Atomtest als Warnung gegen Russland und China. Wegen der Corona-Krise wurde 2020 auch die alle fünf Jahre anstehende Konferenz zur Überprüfung der Umsetzung des nuklearen Nichtverbreitungsvertrags (NPT/NVV) verschoben. Am 10. April 2020 meldete der Spiegel, dass die USA bereits im vergangenen Herbst ihre Atomwaffen in Deutschland (in Büchel in der Eifel) modernisiert hätten. Anderthalb Wochen später erklärte auch Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer, dass sie 45 amerikanische Kampfbomber für die Bundeswehr kaufen möchte; diese Trägersysteme sollen im atomaren Kriegsfall die amerikanischen, in Deutschland lagernden 20 US-Atombomben gegen feindliche Ziele zum Einsatz fliegen. Inzwischen wird auch befürchtet, dass die USA den am 5. Februar 2021 auslaufenden New-Start-Vertrag, der letzte große und noch geltende atomare Abrüstungsvertrag, kündigen könnten.

Die Initiative AtomErbe Obrigheim hat bei der Mahnwache und einer Klimaschutzdemonstration letztes Jahr über 100 Unterschriften für einen Appell gesammelt, in dem die Stadt bzw. der Gemeinderat von Mosbach und der Oberbürgermeister aufgefordert werden, dem ICAN-Städtebündnis zur Abschaffung aller Atomwaffen beziehungsweise den Mayors for Peace beizutreten. Die Unterschriften wurden mit einem entsprechenden Schreiben nun im Juni den Gemeinderäten und dem Oberbürgermeister übermittelt. Mittlerweile haben sich fast 90 Städte dem ICAN-Städteappell angeschlossen, darunter 15 Hauptstädte der Bundesländer und aus unserer erweiterten Region die Städte Heilbronn und Karlsruhe: Mosbach wäre damit nicht in schlechter Gesellschaft. Ebenso der Mosbacher Oberbürgermeister im Falle eines Beitritts zu den Mayors for Peace, denen mittlerweile auch fast 700 Bürgermeister in Deutschland angehören, unter anderem diejenigen von Heilbronn, Heidelberg, Schwäbisch Hall und Wiesloch. Zudem appelliert die Initiative an die Bundesregierung, ihre Verweigerungshaltung aufzugeben, den Atomwaffenverbotsvertrag von 2017 zu unterzeichnen und zu ratifizieren sowie den Beschluss des Deutschen Bundestags von 2010 umzusetzen, sich mit Nachdruck für den Abzug aller US-Atomwaffen aus Deutschland einzusetzen.

Mit der Kundgebung möchte die Initiative ihr Anliegen nochmals demonstrativ unterstreichen und den Opfern der militärischen Atomkraftnutzung gedenken.

9. Mai 2020: Kundgebung und Appell für ein solidarisches Europa

Europa am Neckar 1944/45: 75 Jahre Befreiung – 70 Jahre Europa-Erklärung

Aufgrund der Corona-Pandemie mussten dieses Jahr geplante Feiern zum 75. Jahrestag der Befreiung von Häftlingen der KZ-Außenlager in Baden-Württemberg ausfallen. Stattdessen lud die KZ-Gedenkstätte Neckarelz für den Abend des 9. Mai zu einer Kundgebung auf dem ehemaligen Appellplatz des KZ Neckarelz ein. Die Behörden hatten eine Beschränkung der Zahl der Teilnehmer*innen verfügt, sodass sich nur fast 30 Leute einfanden.

Hier die beiden Redebeiträge vollständig.

Der stellvertretende Vereinsvorsitzende Arno Huth ging in seinem Redebeitrag auf die Situation der 5.400 Häftlinge ein, welche die KZ-Außenlager in Neckarelz und Neckargerach durchlaufen hatten. Es waren Menschen aus über dreißig Ländern Europas. Die Haftbedingungen führten dazu, dass es nur sehr eingeschränkt eine übernationale und praktisch kaum eine gesamteuropäische Solidarität der Verdammten und Gequälten gab. Trotzdem oder vielleicht auch gerade wegen den Erfahrungen von Lageralltag, Krieg, Tod und Unmenschlichkeiten begannen sich manche Häftlinge irgendwann nach dem Krieg zu engagieren, sich mit Schülern und in transnationalen Begegnungen auszutauschen, sich für als europäisch angesehene Ideale einzusetzen, um damit auch zu einem dauerhaften europäischen Zusammengehörigkeitsgefühl und Frieden beizutragen.

Befreiungsfeier am 15. April 1945 im Displaced-Persons-Lager in Mosbach von befreiten Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen, Männer und Frauen. Ein ehemaliger KZ-Häftling hält eine Ansprache (Foto: Allan G. Smith, National Archives College Park Box 62 203573-S).

Arno Huth rief aber auch dazu auf, inmitten der Corona-Krise und angesichts der wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Lockdowns nicht die marginalisierten und gefährdeten Menschen außerhalb der Weltmetropole zu vergessen. Auch dies sollte zu einem Europa gehören, das nicht nur mit sich selbst solidarisch ist. Er befürchtet, dass dieses Mal die Krise schon bestehendes Elend weiter verschärfen und zu Millionen von zusätzlichen Hungertoten weltweit führen könnte. „Tagelöhner, Wanderarbeiter, Kleinhändler, Slumbewohner, Niedriglöhner, Obdachlose und andere – Männer und Frauen – viele Menschen und ihre Familien in diesen Ländern leben von heute auf morgen, sind nicht oder nicht ausreichend wirtschaftlich und sozial abgesichert, und können sich keine Überlebensvorräte anlegen. In einer globalisierten Welt sind wir in Europa und in anderen Metropolen für sie und ihr Überleben oder ihr Sterben zumindest auch mitverantwortlich.“

Als Zeichen der Solidarität spendeten Teilnehmer*innen der Kundgebung 250 Euro für „medico international„, die vor allem Basisgesundheitsinitiativen in aller Welt – auch während der globalen Corona-Krise – unterstützt.

Die Vereinsvorsitzende Dorothee Roos rief wenige wichtige Stationen des europäischen Einigungsprozesses ins Gedächtnis, wies aber auch darauf hin, dass dieser durch den Kalten Krieg und der Spaltung der Welt in zwei Blöcke überlagert wurde. Am 9. Mai 1950 (vor genau 70 Jahren) hatte der französische Außenminister Robert Schuman aufgerufen, in wichtigen Ländern die Produktion von Kohle und Stahl zu vergemeinschaften. Das war die Gründungsstunde der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Dorothee Roos erläuterte die Bedeutung dieser „Montanunion“. Die Vergemeinschaftung der Schwerindustrien Kohle und Stahl sollte in Zukunft Krieg zwischen den beteiligten Staaten verhindern. „Die Idee der Vergemeinschaftung, des Zusammenschlusses, der gemeinsamen Verantwortung war nach dem Krieg eine starke Idee, weil die meisten Staaten erkannt hatten, dass Nationalismus, Chauvinismus und Rassismus in zwei furchtbare Kriege geführt hatten. Also Ideologien, die auf Vorstellungen von Ungleichheit und Ausgrenzung nach innen, aber eben auch nach außen aufgebaut sind, die auf Grenzziehung, auf Überlegenheitsgefühl beruhen. Nun wollte man es anders machen, man setzte man auf Multilateralität, gründete Organisationen in großer Zahl, die sich Statuten gaben, die von allen gebilligt und geteilt wurden.“ Mit der Gründung der UNO 1948 und des Europarates 1949 wurden gleichzeitig Menschenrechtserklärungen verabschiedet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte sich aber auch die Frage nach dem Umgang mit dem besiegten Deutschland. Dorothee Roos zeigte anhand von verschiedenen Beispielen auf, wie die Länder über ihren Schatten sprangen, Großzügigkeit und die Bereitschaft zum Neuanfang zeigten. Sie warnte aber auch vor einer tiefen Krise in der europäischen Einigungsbewegung in den letzten 10 Jahren: „Es gibt Tendenzen der Re-Nationalisierung in praktisch allen Ländern, verbunden mit wachsendem Antisemitismus und dem Erstarken rechtsextremer Bewegungen. … Es gibt eine Spaltung, die eher zwischen Ost und West verläuft und mit dem schwierigen Erbe der alten Teilung in Blöcke zu tun hat. Und es gibt eine Spaltung zwischen den Nord- und den Südländern, die mit finanziellen Problemen, der Bankenkrise, der Frage der Verschuldung und den Flüchtlingsströmen über das Mittelmeer zu tun hat. Was man ebenfalls nicht unterschätzen darf, ist die Tatsache der deutschen Dominanz in Europa, die wir nicht wahrnehmen, weil wir nicht von außen auf uns selber blicken.“ Die Coronakrise bedrohe auch die europäischen Länder existentiell.“ Dorothee Roos sieht die Gefahr, dass Europa auseinanderfallen könnte und appelliert an Deutschland verantwortungsvoll angesichts der Corona-Krise zu handeln, denn: „Die meisten unserer europäischen Partner und Freunde haben weitaus schlechtere Bedingungen für einen Neustart.“

„Demokratie, Menschenrechte, Pressefreiheit, Ökologie in Europa – es wird sie nur geben oder wieder geben, wenn nicht die Europafeinde, die Nationalisten und Verschwörungstheoretiker Wahlen gewinnen.“ Abschließend nahm Dorothee Roos den Gedanken der Großzügigkeit auf, wie ihn der Franzose Albert Fäh (Widerstandskämpfer und Überlebender des KZ Neckarelz) 1976 in Dachau zu Jugendlichen geäußert hatte: „Die einzige Chance für das Überleben unserer Welt, junge Freunde, seid Ihr, die Ihr sie in den Händen haltet. Die einzige Chance für die Welt ist, dass schnell ein geeintes Europa entsteht, ein starkes Europa, ein großzügiges Europa. Ein Europa, das mit 300.000.000 Einwohnern technologisch und industriell eine der stärksten Mächte der Welt ist. Ein Europa, das durch den Willen einer Gruppe unabhängiger Staaten entstanden ist. Ein solidarisches Europa, nicht ein Europa der Märkte und der Spekulanten. Ein Europa der Länder, die unglaublich gelitten und sich gegenseitig zerrissen haben, ein neues Europa, das mit Herz und Verstand gegründet wurde.“

Im Anschluss verabschiedeten die Teilnehmer*innen der Kundgebung einstimmig einen „Appell für ein solidarisches Europa“, der unter anderem der Bundesregierung übermittelt werden soll:

Wir stehen heute hier auf dem Boden des Appellplatzes eines Konzentrationslagers, auf dem sich zwischen März 1944 und März 1945 jeden Tag 1.000 Gefangene aus 30 Ländern Europas zwangsweise aufstellen mussten.

Wegen der Corona-Pandemie sind wir nur wenige. Wir sehen, dass das gemeinsame Europa, das in den 75 Jahren seit dem Kriegsende aufgebaut wurde, hier und heute in existentielle Gefahr geraten ist, nicht nur, aber auch durch Corona. Deutschland ist gefordert wie nie zuvor, es muss sich bewegen, wenn die Europäische Union eine Zukunft haben soll.

Deutschland hat nach dem Krieg von den Ländern Europas viel Großzügigkeit erfahren, vor allem ideelle, aber auch materielle.

Jetzt muss es diese Großzügigkeit zurückgeben und den berechtigten Forderungen unserer Nachbarn und Partner Frankreich, Italien, Spanien und anderer entgegenkommen. Die Folgen der Krise müssen gemeinsam getragen und gemeistert werden, mit Mut, Kreativität und einer neuen Vision vom Leben im gemeinsamen Haus Europa.

Wir wollen und wir fordern ein Europa der Solidarität!

Abschließend sangen die Teilnehmer*innen die Europahymne „Ode an die Freude“, musikalisch am Klavier begleitet von Rupert Laible.

Pflegekammer in Baden-Württemberg stoppen!

30. April 2020

von Arno Huth

anlässlich eines 1. Mai ohne Straßenprotest

aufgrund Corona begründeter Maßnahmen

Inmitten der Corona-Krise und über die Köpfe der Pflegekräfte hinweg forciert das baden-württembergische Sozialministerium die Einrichtung einer Pflegekammer mit Zwangsmitgliedschaft. Kritiker meinen, dass wirkliche Wertschätzung für die Pflegekräfte anders aussieht!

Das Sozialministerium Baden-Württemberg hat einen Gesetzentwurf für die Einrichtung einer Pflegekammer für alle Pflegefachkräfte vorgelegt, die deren Interessen stärken soll. Das hört sich doch gut an? Allerdings äußern die Gewerkschaft ver.di und das Bündnis „Pflegekammer stoppen“ zum Teil heftige Kritik daran. Es ist auch nicht gerade rücksichtsvoll, dass das Sozialministerium den Gesetzentwurf von Ende März bis Mitte Mai 2020 im Beteiligungsportal des Landes für die Bürgerinnen und Bürger zur Anhörung und Beteiligung freigegeben hat, denn: Inwieweit haben die Pflegekräfte des Landes von dem Vorhaben überhaupt erfahren? Wurde das Thema in der Öffentlichkeit wirklich diskutiert? Haben die Pflegekräfte mitten in der Corona-Krise den Kopf und die Hand für so etwas frei? Findet die magere Berichterstattung der Medien über den Entwurf angesichts der Corona-Dominanz überhaupt Beachtung? Auf der Homepage der Gewerkschaft ver.di ist (für mich) momentan nicht ersichtlich, inwieweit sie unter den gegenwärtigen Corona-Bedingungen auf das weitere Vorgehen der Landesregierung überhaupt reagieren kann, nachdem sie noch 2018 dazu eine argumentativ fundierte Kritik formuliert hat. Ver.di kritisierte insbesondere, dass mittels der Pflegekammer Verantwortung für die Qualität und die Rahmenbedingungen der Pflege, die eigentlich bei Arbeitgebern und Staat liegen müsste, den Pflegenden (als Zwangsmitglieder mit Beitragspflicht) als weitere Last aufgebürdet würde.

Einen ausführlichen Bericht einschließlich Kritik siehe hier:

Pflegekammer in Baden-Württemberg stoppen!

Verschärfung des baden-württembergischen Polizeigesetzes …

… im Schatten der Corona-Krise?

Ein Eingriff der grün-scharzen Landesregierung in die Versammlungsfreiheit?

Mitte Dezember 2019 wurde in verschiedenen Städten in Baden-Württemberg gegen eine Verschärfung des Polizeigesetzes demonstriert, unter anderem etwa hundert Leute in Heilbronn. Inzwischen wurde laut der Informationsstelle Militarisierung IMI inmitten der Corona-Krise ein Gesetzentwurf vorgelegt. An diesem eiligen Vorgehen und auch inhaltlich hat IMI etliches zu kritisieren (siehe https://www.imi-online.de/download/IMI-Analyse2020-20-PolBaWue.pdf ) und befürchtet einen Eingriff in die Versammlungsfreiheit:

Siehe dazu ausführlich das Update zu einem früheren Beitrag:

https://mosbach-gegen-rechts.de/100-freiheitskaempfe-verteidigen/

Ein „Ostermarsch“ vor 75 Jahren: „Flucht vor der Freiheit“

Ostersonntag, 12. April 2020

Mykhaylo Gavryushyn (links), ehemaliger Häftling des KZ Neckargartach, vor dem KZ-Friedhof im Jahr 2006

Die Auflösung des KZ-Außenlagers Neckargartach Ende März 1945

Das KZ Neckargartach bei Heilbronn (September 1944 bis März 1945)

Innerhalb weniger Tage errichteten unter anderem 200 KZ-Häftlinge aus dem Lager Kochendorf Anfang September 1944 in Neckargartach an der Böllinger Straße beim Sportplatz ein Barackenlager zur Unterbringung von bis zu 1.200 KZ-Häftlingen. Das Lager Neckargartach war (wie rund 55 weitere Lager im Elsass, in Lothringen, Baden, Württemberg, Hessen und im Rheinland) ein Außenlager des KZ-Stammlagers Natzweiler im Elsass.

Die Häftlingstransporte kamen vor allem von anderen linksrheinischen Natzweiler Außenlagern, die im Spätsommer und Herbst 1944 angesichts des Vormarsches der alliierten Truppen geräumt wurden. Um den 9./10. September 1944 traf beispielsweise ein Transport mit 600 KZ-Häftlingen aus dem Außenlager Markirch (ein Rüstungsverlagerungsprojekt von BMW in einem Eisenbahntunnel bei Sainte-Marie-aux-Mines im Elsass) ein. Weitere Häftlinge kamen vermutlich aus den Lagern Wesserling und Schwindratzheim (beide Elsass) und Kochendorf. Ende September 1944 betrug die Belegung des Lagers 1.069 KZ-Häftlinge und am 12. November 997. Danach sank sie weiter auf höchstens 800 Häftlinge Ende März 1945.

Die große Mehrzahl der Häftlinge waren politische „Schutzhäftlinge“ aus der Sowjetunion, Jugoslawien (vor allem Slowenien), Polen, Frankreich und anderen Staaten. Deutsche waren eine Minderheit unter den Häftlingen des KZ Neckargartach, nahmen aber viele der privilegierenden Funktionsstellen (Kapos als Antreiber in Arbeitskommandos, Lager-, Block- und Stubenälteste zur Durchsetzung von Ordnung und Disziplin im Lager, Schreiber, Lagerdienste) ein.

Die KZ-Häftlinge des Außenlagers Neckargartach mussten das Heilbronner Salzbergwerk für die Untertageverlagerung von Rüstungswerken ausbauen, um sie vor alliierten Luftangriffen zu schützen. Ursprünglich vorgesehen war die Produktion von Jagdflugzeugen durch die Firma Erla Maschinenwerke GmbH Leipzig, später wurde eine Nutzung durch die IG Farben Ludwigshafen (heute BASF) geplant. Das Rüstungsverlagerungsprojekt trug den Codenamen „Steinbock“, aber auch das KZ-Außenlager wurde in Dokumenten der SS-Lagerleitung als „SS-Arbeitslager Steinbock (Neckargartach)“ bezeichnet. Nach dem Bombenangriff am 4. Dezember 1944 auf Heilbronn wurden Häftlinge auch zum Bergen von Leichen, Aufräumarbeiten in der Stadt, zur Reparatur von Eisenbahnschienen und Wasserleitungen sowie zum Räumen und Entschärfen von Blindgängern eingesetzt. Außerdem wurden noch Kriegsbeute und Kunstwerke im Salzbergwerk ausgelagert, und die Firma Tengelmann ließ sich durch Häftlinge einen „Privatstollen“ als Lebensmitteldepot graben. „Arbeitgeber“ der KZ-Häftlinge waren vor allem Baufirmen und die Organisation Todt, eine paramilitärische Bautruppe. Manchmal wurden wenige Häftlinge zu einzelnen Einsätzen in der Landwirtschaft kommandiert.

Salzwerke Heilbronn gegen Ende des Zweiten Weltkriegs (Q: Südwestdeutsche Salzwerke AG Heilbronn)

 

Laut einem Wochenbericht im November 1944 wurden 997 Häftlinge von einem Kommandoführer (SS-Oberscharführer Johannes Gillberg), 14 Unterführern und 73 Mannschaftsdienstgraden bewacht und verwaltet. Laut Stane Ursic waren die meisten Wachposten „ältere Leute“ von der Luftwaffe, die sich in einem fast „freundschaftlichen“ Verhältnis mit „Kamerad Posten“ anreden ließen. Dagegen behandelten junge Posten, die wegen Kriegsverwundungen in den KZ eingesetzt wurden, die Häftlinge oft schlecht und schrien herum. Der Lagerkommandant gab sich „kultiviert“ mit seiner Reitpeitsche: er sei „sehr selten gekommen, hat nie jemanden geschlagen“. In ihrer Baracke feierten die SS-Leute auch mit jungen Frauen aus dem Ort.

Mindestens 246 Häftlinge verloren im KZ Neckargartach oder auf den Baustellen ihr Leben. Bei einer durchschnittlichen Belegung von rund 900 Häftlingen bedeutete dies eine monatliche Todesrate von rund 4 % (beziehungsweise 35 Männer). Vor allem im Winter 1944/1945 stieg die Zahl der Todesfälle aufgrund der sich verschärfenden Kriegs- und Versorgungslage stark an. An die Toten erinnert ein KZ-Friedhof auf der Anhöhe neben dem ehemaligen Lagergelände. Zahlreiche weitere starben während der Evakuierung im April 1945, nach ihrer Überführung in andere Lager oder auch noch in den Tagen, Wochen und Monaten nach ihrer Befreiung im KZ Dachau. Am 20. Oktober 1944 brachte ein Krankentransport 61 Häftlinge vom KZ Neckargartach zum KZ Dachau.

Häftlinge starben an „allgemeiner Körperschwäche“ („AKS“), „Herzschwäche“, chronischem Durchfall, Lungenentzündungen, den Folgen einer Flecktyphus-Epidemie und anderem. Mittelbare Ursache vieler Tode waren aber Entkräftung durch die erschöpfende Arbeit, Unterernährung, mangelnde medizinische Versorgung, andere widrige Haftbedingungen sowie Schläge durch Häftlingskapos und Wachmänner (aus der SS und in die SS überführte kriegsbeschädigte Wehrmacht- und Luftwaffensoldaten). Die Häftlinge litten unter Hunger, Kälte, mangelhafter Kleidung, fehlender Hygiene und Läusen.

Der Abtransport der Kranken Anfang April 1945 zum KZ Dachau

Zum Monatswechsel März April 1945 wurde das KZ Neckargartach geräumt und die Häftlinge zum KZ Dachau evakuiert. Jean-Pierre Bretnacker berichtet über den Abtransport der „Kranken und Krüppel“: „Sie sind nackt und haben nur eine dünne Decke um den abgezehrten Leib geschlagen. Das schauerliche Bild all dieser wandelnden Leichen gräbt sich unvergesslich in unsere Phantasie ein. Der wachhabende Feldwebel äußert sich vor uns Häftlingen wörtlich: Das ist eine Kulturschande. Ein Autokar bringt die Bedauernswerten zum Bahnhof.“ Die einzigen vorliegenden Zeugenberichte Überlebender des Zuges stammen von Henri Mangenot und Paul Dosda: Rund 300 „Schwache und Typhusangesteckte“ wurden in Viehwaggons gepresst. „Während fünf Tagen blieben sie ohne Nahrung. An den zwei andern Tagen erhielt jeder Häftling täglich nur eine große oder zwei kleine Kartoffeln. Einige Kameraden sind vor Durst und Hunger wahnsinnig geworden. Es entstanden blutige Streitereien. … Aus jedem Waggon mussten täglich fünf bis sechs Leichen entfernt werden.“ Am 9. April wurden im KZ Dachau 252 Zugänge von Heilbronn registriert (darunter zwei Tote). Sie erhielten die Dachauer Häftlingsnummern 150.597 bis 150.848. Die Gesamtzahl der Toten dieses Transports dürfte aber schätzungsweise 50 betragen haben. Mindestens 48 weitere Häftlinge dieses Transports starben noch in Dachau und in den Monaten nach der Befreiung, was davon zeugt, dass diese 252 Häftlinge in einem besonders elenden Zustand in Dachau angekommen waren.

„Flucht vor der Freiheit“ (Gewaltmarsch von Neckargartach nach Dachau im April 1945)

Über den Todesmarsch der Gehfähigen führten slowenische Häftlinge Tagebuch. Fast 500 Häftlinge mussten an Ostersonntag, 1. April aufbrechen, marschierten überwiegend während des Tages, pausierten wenige Male sogar zwei oder drei Nächte und legten während fast eines Monats eine Strecke von rund 350 Kilometer zurück. Am 27. April trafen sie im KZ Dachau ein und wurden in den darauffolgenden Tagen von der US-Armee befreit. Dragomir Tursic notierte in knappen Worten fast 60 Namen von durchwanderten, vorwiegend ländlichen Orten, das Wetter, die Landschaften, die Unterkünfte (Ziegeleien und Scheunen), die körperliche und psychische Verfassung der Häftlinge und einzelne Ereignisse auf dem Marsch.

Eine Gruppe von Häftlingen musste „Ochsenkarren“ ziehen, auf denen das Lagerarchiv und anderes Gepäck der SS, die Feldküche und schwach oder „fußkrank“ gewordene Häftlingen mitgeführt wurden. Mykhaylo Gavryushyn gehörte zu den zehn bis zwölf „Zugtieren“. Für ihn war dies besonders beschwerlich, da er aufgrund einer gerade überstandenen Typhuskrankheit am ganzen Körper noch mit Narben übersät war, welche sich aufrieben.

In den ersten Tagen flohen zwei SS-Wachsoldaten mit 20-30 Häftlingen. Vermutlich waren es vor allem privilegierte deutschsprachige Häftlinge, darunter auch der luxemburgische Lagerkapo Leon Thill. Laut Jean-Pierre Bretnacker verschärfte die SS daher die Bewachung: „Die Misshandlungen werden grausamer. In einem Dorf protestieren Zivilisten, besonders Frauen, gegen die Torturen. Den SS wirds ganz ungemütlich. Sie wagen kaum, ein Wort zu sagen. Die herannahenden Amerikaner haben ihnen den groben Dünkel schon etwas gedämpft. Als wir aber allein sind, lassen die SS-Banditen ihre Wut an uns aus.“

Die Häftlinge wurden unterwegs schlecht versorgt, Dragomir Tursic schreibt: „Wir magern immer mehr ab.“ „Wann das alles enden und wo unser Ostermarsch hinführen wird, wissen wir nicht. Niemals zuvor haben wir geahnt, was ein Mensch alles ertragen kann. … Unseren Marsch könnten wir auch als Flucht vor der Freiheit bezeichnen.“ Zu den Strapazen, Hunger und der Ungewissheit kam noch die Bedrohung durch Luftangriffe der Alliierten.

Weitgehend übereinstimmend berichten drei Zeitzeugen über die Ermordung von zwei mutmaßlich russischen Häftlingen am 21. April in der Ortschaft Winkl. Sie hatten sich beim Appell vor dem Abmarsch in der Scheune versteckt gehalten, um zu fliehen, wurden aber aufgestöbert und erschossen. Am 22. April sei ein Wagen mit Essen vom KZ Dachau gekommen und habe kranke Häftlinge mitgenommen. Zumindest werden vier Tage später im KZ Dachau sechs zugehende Häftlinge von Neckargartach registriert.

Bei ihrer Ankunft in Dachau am 27. April waren die Häftlinge völlig erschöpft und ausgehungert. Stane Ursic erklärt, dass er nur noch 30 Kilogramm wog, zusammenbrach und nur noch dank der Pflege und Solidarität durch zwei slowenische Landsleute überlebte.

Laut dem damals 20-jährigen Joze Grcar kamen von 481 in Neckargartach losmarschierten Häftlingen noch 430 in Dachau an. Der Schwund erklärt sich vor allem aufgrund von Flüchtigen, von denen wohl einige erschossen wurden. Mykhaylo Gavryushyn erinnert sich an keine Toten, Jean-Pierre Bretnacker erklärt: „unterwegs sterben fünf Leidensgenossen“. Hingegen gehen die slowenischen Chronisten von mehr Toten aus, können konkret aber nur wenige nennen.

Trotz der langen Dauer, der enormen Strecke, vieler Härten, einzelner Exzesse und einiger Toter scheint der Neckargartacher Todesmarsch – ohne hier verharmlosen zu wollen – vergleichsweise gemäßigt verlaufen zu sein. Es gab keine oder kaum Erschießungen von Erschöpften; auf Abschnitte des rücksichtslosen Vorantreibens folgten Pausentage, einmal hatte der Kommandoführer „ein gutes Herz“ usw. Andere Todesmärsche wie die aus den Natzweiler Außenlagern Kochendorf, Hessental (bei Schwäbisch Hall), Adlerwerke Frankfurt und aus den Lagern des „Unternehmens Wüste“ (zwischen Schwäbischer Alb und Schwarzwald zum Aufbau von Schieferölfabriken) forderten deutlich mehr Todesopfer.

Drei Häftlinge

Michel Clas, 1897 in Laning geboren, wohnhaft in Metz, verheiratet, vier Kinder, Arbeiter, „wegen Zugehörigkeit zur kommunistischen Partei am 16. Juni 1944 verhaftet, kam über Queuleu und Natzweiler nach Dachau. Er starb auf dem Außenkommando Heilbronn am 28. Januar 1945 vor Kälte und Hunger.“

Einige ehemalige Häftlinge des KZ Neckargartach: Alphonse Haag, Michel Clas (+), Paul Dosda, Henri Mangenot, Jean-Pierre Bretnacker (Q: Francois Goldschmitt: Elsässer und Lothringer in Dachau. 1945)

Der 16-jährige Ukrainer Mykhaylo Gavryushyn wurde im Juni 1942 zur Zwangsarbeit in einem Junkers-Reparaturwerk nach Leipzig und als Bergarbeiter in einer Kohlegrube in Kattowitz verschleppt. Nachdem er von der Arbeit abhaute, wurde er bald wieder festgenommen und im Juni 1943 wegen „Arbeitsuntreue“ ins KZ Auschwitz eingeliefert. Er trug den roten Winkel der Politischen Häftlinge, kam in die Natzweiler Außenlager Wesserling (Mai 1944), Markirch (Juli 1944) und Neckargartach (September 1944). Nach dem Krieg arbeitete Mykhaylo Gavryushyn fünfzehn Jahre lang als Gleisarbeiter auf der Eisenbahnstrecke zwischen Moskau und Simferopol und schließlich in einem Werk zur Metallverarbeitung in Nowomoskowsk. 2006 besuchte er im Rahmen einer Einladung durch das Maximilian-Kolbe-Werk in Billigheim auch den ehemaligen Lagerstandort in Neckargartach.

2002 und 2003 hatten Vertreter der KZ-Gedenkstätte Neckarelz Kontakt mit Stane Ursic aus Slowenien. Er hatte sich im März 1943 als 16-Jähriger den Partisanen im nationalen Widerstand gegen die deutsche Besatzung angeschlossen, wurde Ende November 1943 verraten und verhaftet und Mitte März 1944 ins KZ Dachau eingewiesen. Zwei Wochen später wurde er zum Außenlager Markirch überstellt, wo er die Natzweiler Häftlingsnummer 10.136 erhielt, und am 9. September 1944 zum Außenlager Neckargartach. Die KZ-Häftlinge arbeiteten in zwölfstündigen Tag- und Nachtschichten. Arbeitsfreie Tage gab es praktisch nicht. Nicht alle Häftlinge hatten im Winter Mäntel, weshalb sich Stane Ursic verbotenerweise Zementsackpapier unter die Kleidung stopfte. Die Holzschuhe waren schnell abgenutzt. Da er eine Zeit lang keine Strümpfe hatte, schürfte seine Haut stark auf. Laut Stane Ursic mussten die Häftlinge im Salzbergwerk große Produktionshallen ausbauen, den Boden ebnen und betonieren. Weil Stane Ursic einmal mit einer „Riesenbetonmaschine“ nicht zurecht kam, warf ihn der beaufsichtigende OT-Mann zu Boden und schlug und trat ihn mit den Stiefeln bewusstlos. Kameraden versteckten ihn daraufhin eine Woche lang, bis er sich etwas erholt hatte und wieder arbeiten konnte. Bei Aufräumarbeiten nach dem Luftangriff am 4. Dezember 1944 in Heilbronn organisierten sich Häftlinge in den Trümmern Lebensmittel und Wertsachen zum Eintauschen gegen Essen. Nach der Befreiung in Dachau und seiner Genesung erreichte Stane Ursic am 20. Juni 1945 endlich wieder sein Zuhause. Er fand nur schwer ins normale Leben zurück, war jahrelang depressiv und zornig. In seinem späteren Berufsleben war er – auch international – vielseitig tätig. Stane Ursic hielt engen Kontakt mit anderen slowenischen Überlebenden der deutschen Konzentrationslager. Er starb im März 2004 in seiner Wohnung in Ljubljana. Einmal gestand er uns: „In meinem nächsten Leben möchte ich aber Schmetterling werden – sie fliegen von Blume zu Blume und genießen nur den Nektar.“

16 tote KZ-Häftlinge Ende März 1945 in Böckingen

Letztlich nicht geklärt werden kann die Herkunft von 16 Toten in Böckingen und 14 Toten am Bahnhof Kochendorf – beides gegen Ende März 1945. Zumindest teilweise sollen sie aufgrund Entkräftung von ihren Bewachern brutal erschlagen worden sein oder waren halbtot liegen gelassen worden. Verschiedene Anhaltspunkte legen nahe, dass diese KZ-Häftlinge nicht aus den Lagern Neckargartach, Kochendorf, Neckarelz oder Neckargerach stammen.

Eine Spekulation: Vielleicht waren es Häftlinge des Natzweiler Außenlagers Offenburg. Laut einem Rapport sei am 28. März 1945 vom Bahnhof Offenburg ein Krankenzug mit dem Außenlager Neckargerach als Ziel abgegangen. Eine Stärke des Transports wurde zwar keine angegeben, es sollen aber zum damaligen Zeitpunkt 180 Häftlinge des Lagers Offenburg krank gewesen sein. Aufgrund des Vormarsches der Alliierten und zerstörter Schienenwege konnte dieser Zug aber nicht mehr nach Neckargerach durchkommen. Möglicherweise sollten diese Häftlinge deshalb in die Lager Neckargartach und Kochendorf als Zwischenstation gebracht werden, und die Transportführer holten sich währenddessen weitere Befehle ein. Erst am 6. April trafen schließlich 76 Häftlinge von Offenburg im Konzentrationslager Flossenbürg ein und eventuell weitere am 12. April. Möglicherweise wurden während dieses Zeitraums etliche Tote dieses Transports an verschiedenen Orten zurückgelassen.