Bad Soden – Sinsheim – Emden: Karriere eines AfD-Parteifunktionärs
Siehe unseren ausführlichen Nachruf unter https://mosbach-gegen-rechts.de/patrick-bauer-will-in-landtag-niedersachsen/
Vor der Sommerpause war AfD-Heimatpolitiker Patrick Andreas Bauer noch im Kraichgau unterwegs. Dann tauchte der 31-jährige Parteifunktionär ziemlich unvermittelt in Ostfriesland auf, ohne sich von seinen Wählerinnen und Wählern sowie Followerinnen und Followern zu verabschieden. Eine Frau schrieb am 26. September als Kommentar unter einem Post: „Ich habs heute erst gecheckt, dass Du weggezogen bist und es schockt mich.“ Es kursieren Gerüchte, die vermuten lassen, dass dem Karrieristen das Wasser bis zum Hals stand. Es ist die Rede von anstehenden Verfahren vor dem Landesschiedsgericht der AfD Baden-Württemberg, weshalb er sich einen anderen Betätigungsraum suchte.

So zog Bauer von Sinsheim ans andere Ende der Republik nach Emden, stürzte sich frisch ins Getümmel, als gerade der AfD-Kreisverband Ostfriesland geteilt wurde. Nun ist er Vorsitzender des neu gegründeten AfD-Kreisverbands Aurich-Emden und Pressesprecher des Landesverbandes der AfD Niedersachsen. Wahrscheinlich hat ihn der AfD-Landeschef Ansgar Schledde unter seine Fittiche genommen, dem er umgekehrt zur Seite steht, nachdem dieser wegen Korruptionsvorwürfen parteiintern in die Kritik geraten ist und der Landtag ihm gerade die Immunität entzogen hat. Nichtsdestotrotz wurde am vergangenen Wochenende Ansgar Schledde mit großer Mehrheit auf Platz 2 der Landesliste für die niedersächsische Landtagswahl ein Jahr später am 26. September 2027 gewählt. Der Neuling Patrick Bauer errang Platz 28 und hat damit gute Aussichten für einen Sitz, denn der niedersächsische Landtag umfasst mindestens 135 Mandate und die AfD steht in einer aktuellen September-Umfrage bei 21 Prozent.
Spätestens 2015 stieg der damals etwa 20-jährige Patrick Andreas Bauer in die Politik ein. Damals war er noch auf der Suche nach Orientierung: 2014 ließ er sich in einer evangelischen Freikirche taufen, deren Festhalten an reaktionären gesellschaftlichen Überzeugungen er schätzte. Und bald darauf findet mensch ihn im Umfeld der Identitären Bewegung und der Jungen Alternative Hessen, deren Vorsitzender er wenige Jahre war. Im April 2015 soll er als Redner auf einer Veranstaltung des Frankfurter Pegida-Ablegers „Bürger für Deutschland“ aufgetreten sein. 2016 organisierte er die queerfeindliche und antifeministische „Demo für alle“ in Wiesbaden mit. Zudem wurde er für die AfD in den Gemeinderat in Bad Soden und in den Kreistag im Main-Taunus-Kreis gewählt.
Im Januar 2019 widmete ihm die Frankfurter Rundschau einen ganzen Beitrag unter dem Titel „AfD-Mann mit rechtsextremen Kontakten“. Allerdings begann Bauer schon zu dieser Zeit sich von der Identitären Bewegung abzusetzen. In einem Aufsatz vom Mai 2020 forderte er Klarheit: „Markenkern“ der Partei sei das Parteiprogramm. Er plädierte für Konservatismus und Marktwirtschaft und verwarf Rechtsextremismus und Sozialismus. Die Partei solle diejenigen, „die nicht zum Markenkern stehen können“, „kaltstellen“.
2021 schied Patrick Andreas Bauer als Stadtverordneter in Bad Soden aus und wurde schon bald neuer Sprecher des AfD-Kreisverbands Rhein-Neckar. In seinem Beruf als „examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger“ hat Patrick Andreas Bauer wahrscheinlich kaum jemals längere Zeit gearbeitet, sondern sich recht bald auf eine Karriere als Parteifunktionär oder Politiker festgelegt. Zunächst soll er für Gunnar Beck aus Nordrhein-Westfalen gearbeitet haben – Beck war von 2019 bis 2024 AfD-Abgeordneter des Europaparlaments – und schließlich im Landtagsbüro von AfD-MdL Ruben Rupp in Stuttgart. Bei den baden-württembergischen Kommunalwahlen am 9. Juni 2024 wurde Bauer in den Kreistag des Rhein-Neckar-Kreises und in den Gemeinderat in Sinsheim gewählt.
Immer wieder eckte Patrick Andreas Bauer an. Wegen seines Vorwurfs, die Schulen würden politische Indoktrination betreiben, und seinem Unverständnis für das freiwillige Angebot der „queeren Mittagspause am Wilhelmi-Gymnasium“ kam es zu Auseinandersetzungen im Sinsheimer Gemeinderat. Im November 2024 ergriff Bauer mit einer anscheinend vorbereiteten Rede das offene Mikrofon einer kleinen Kundgebung der Mischszene aus „Querdenkern“, „Reichsbürgern“, „Bauern“ und anderen „Verschwörungstheoretikern“.
Im April 2025 beantragte er für die AfD im Gemeinderat dauerhaftes Beflaggen aller öffentlichen Gebäude der Stadt und das Aufstellen von Flaggenmasten, wo es noch keine gibt. Unzufrieden damit, dass die Stadt Sinsheim daraufhin nur an zwei Standorten Deutschlandfahnen hisste, wollte er anlässlich der Fußball-WM 2026 Spendengelder für „1.000 Deutschlandfahnen für Sinsheim“ sammeln. Unter seinem Facebook-Post hängte er dazu noch den queerfeindlichen Hashtag #stolzmonat an, was sicherlich eher polarisierend wirkt, als dass es allgemeine „Zugehörigkeit“ stiftet. Was aus der Aktion wurde, wie spendenfreudig die Sinsheimer waren, und wo die 1.000 Deutschlandfahnen in Sinsheim aufgehängt wurden, ist hier nicht bekannt.
Bei der Bürgermeisterwahl am 1. Juni 2025 in Helmstadt-Bargen konnte Patrick Andreas Bauer mit 33,6 Prozent bei einer relativ hohen Wahlbeteiligung einen guten Achtungserfolg verbuchen, auch wenn der Amtsverteidiger mit dem Ergebnis seinen Posten verteidigte. Im Ort Flinsbach holte Bauer sogar 53 Prozent. In allen drei Teilorten hatten der verteidigende Amtsinhaber und sein Herausforderer Patrick Andreas Bauer ein Podium erhalten, wo sich Bauer als freundliches, bürgernahes Gesicht präsentieren konnte. Bauer sprach sich nicht offen pauschal gegen Migranten aus, sondern auf einem Wahlplakat gegen „Migration auf Kosten der Dorfgemeinschaft“. Im Falle seiner Wahl wolle er sein Parteibuch am Rathaustor abgeben, behauptete er.
Einen Tag nach der Bürgermeisterwahl wurde Patrick Bauer in den Mitgliederrat der TSG Hoffenheim gewählt. Er hatte dafür ohne offenes AfD-Ticket kandidiert. Daraufhin kam es innerhalb der TSG zu Kritik: „Es ist jemand in den Mitgliederrat gewählt worden, der nicht auf dem Boden unserer neuen Satzung steht“. Die TSG Hoffenheim entschied anderthalb Monate später, die Mitgliedschaft des Patrick Andreas Bauer bis auf Weiteres ruhend zu stellen. Mit der Maßnahme sollte verhindert werden, dass der Vereinsfrieden gefährdet oder das Ansehen des Vereins beschädigt würde. Bauer kündigte seinerseits an, er wolle dagegen anwaltlich ankämpfen, damit das nicht Schule mache und kein Präzedenzfall werde. Im Mai 2026 wurde dann beschlossen, „AfD-Mann Patrick Bauer bleibt Hoffe-Mitglied“, aber sein Amt im Mitgliederrat werde bis einschließlich 3. März 2027 ruhend gestellt. Die Ruhendstellung dieses Amtes erfolge nicht aufgrund der AfD-Zugehörigkeit Bauers, „sondern wegen der Verquickung seiner politischen Aktivitäten mit der TSG Hoffenheim“.
Mitte Juli 2025 wurde Patrick Andreas Bauer wegen blauer Partei-Kleidung – eine blaue Jacke mit einem großen AfD-Logo und einer AfD-Schildmütze – vom Stadtfest in Neckarbischofsheim verwiesen. Wie es dazu kam, ist umstritten. Gegen Mitte September wurde er von einem „stadtbekannten Kurden“ in Sinsheim bedroht und beleidigt, wie auch das rechtspopulistische Magazin Nius meldete. Der Mann wurde nach dem Vorfall in die Psychiatrie eingeliefert. Auch in der zweiten Septemberhälfte auf der Kerwe in Waldwimmersbach trat Patrick Andreas Bauer wieder in „blauer Jacke mit Parteisymbol“ auf, worauf er wieder von mehreren unbekannten alkoholisierten Männern angesprochen, bedrängt und beleidigt worden sei. In der zweiten Novemberhälfte hatte Patrick Andreas Bauer an einem AfD-Infostand in Mauer einen Konflikt mit einem 65-jährigen Passanten, wobei es zu wechselseitigen Provokationen und schließlich zu gegenseitigen Beleidigungen“ und Schubsereien gekommen sei. Anfang Januar 2026 wurde ein von Patrick Andreas Bauer geplanter „Bürgerdialog“ der AfD vom Gastwirt einer Pizzeria in Bammental abgesagt, da Kunden der Pizzeria sich beschwert und Tischreservierungen reihenweise zurückgezogen hätten.
Bei der Direktkandidatur für den Wahlkreis 41 Sinsheim holte Patrick Andreas Bauer 20,2 % der Erststimmen bei der Landtagswahl im März 2026, was jedoch nicht für den Einzug in den Landtag reichte. Für die Landesliste hatte er sich anscheinend nicht beworben.
Wahrscheinlich bereitete Patrick Bauer schon gegen Ende März 2026 seinen Wechsel zur AfD Niedersachsen vor. Bei einer Gemeinderatssitzung in Sinsheim gab der Oberbürgermeister bekannt, dass Bauer nicht mehr Fraktionssprecher sei. Und während der Sommerpause verschwand Bauer dann endgültig aus dem Sinsheimer Gemeinderat und dem Kreistag des Rhein-Neckar-Kreises, um nun in Niedersachsen seine Karriere als Parteifunktionär fortzusetzen und in parteiinternen Intrigen in Niedersachsen mitzumischen.