80. Hiroshima-Jahrestag: Redebeitrag auf der Kundgebung in Mosbach
Anlässlich des achtzigsten Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki hatte die Initiative AtomErbe Obrigheim zu einer Friedenskundgebung auf den Marktplatz Mosbach eingeladen. Arno Huth konnte zwanzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer begrüßen und positionierte sich in seiner Rede gegen die Bedrohung durch Atomwaffen, die Rüstungsspirale und die Militarisierung der Gesellschaft. Die Kundgebung appelliert in einem Brief an die Bundesregierung, weiterhin auf Atomwaffen zu verzichten, die ab 2026 geplante Stationierung von amerikanischen Mittelstreckenraketen in Deutschland abzusagen, die nukleare Teilhabe Deutschlands zu beenden und die amerikanischen Atomwaffen aus Büchel in der Eifel abzuziehen sowie dem Atomwaffenverbotsvertrag beizutreten.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer spendeten 64 Euro für die Gaza-Nothilfe der Hilfsorganisation medico international, welche die Gelder an ihre Partnerorganisationen weiter leiten wird. Die Initiative AtomErbe Obrigheim verdoppelte diesen Betrag.
Abgeschlossen wurde die Kundgebung mit einer Schweigeminute für die Hunderttausenden Opfer der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, der Atomwaffentests, des Uranabbaus und seiner radioaktiv strahlenden Hinterlassenschaften sowie aller anderen Opfer der militärischen und zivilen Atomkraftnutzung.

Die beiden Atombombenabwürfe der USA auf die japanischen Großstädte Hiroshima und Nagasaki kurz vor der sich abzeichnenden Kapitulation beziehungsweise Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg waren die ersten und bisher einzigen Atomwaffeneinsätze in einer kriegerischen Auseinandersetzung.
In Hiroshima, wo eine Uran-Atombombe eingesetzt wurde, verloren etwa 70.000 Menschen am 6. August 1945, dem Tag des Angriffs, ihr Leben. Drei Tage später am 9. August beim Einsatz einer Plutonium-Bombe auf Nagasaki waren es ungefähr 40.000 Todesopfer. Bis Ende des Jahres stieg die Summe der Toten auf über 200.000. Viele überlebten schwer verletzt und litten ihr Leben lang. Weitere Zehntausende starben an den Spätfolgen. Zum Vergleich: im Neckar-Odenwald-Kreis leben heute fast 150.000 Menschen.
Wir erinnern auch an die Opfer der ober- und unterirdischen Atomwaffentests und der dadurch weltweit verteilten radioaktiven Niederschläge. Seit 1945 führten die USA, die Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan und Nordkorea 2.058 Atomwaffentests durch. Betroffen waren viele von Indigenen bewohnte Gebiete, zum Beispiel in Nevada in den USA, Inseln im pazifischen Ozean und französisch Polynesien, in der französischen Kolonie Algerien, auf der Nordpolarmeer-Insel Nowaja Semlja und in den mittelasiatischen früheren Sowjetrepubliken wie beispielsweise Kasachstan, in Australien, das chinesische Versuchsgelände Lop Nor in der uigurischen Provinz Xinjiang und anderswo.
Wir dürfen auch die erkrankten und Todesopfer des Uranabbaus und seiner radioaktiv strahlenden Hinterlassenschaften sowie der Vergiftung von Grundwasser und Böden zum Anbau von Nahrungsmitteln nicht vergessen.
Eine Atomwaffenexplosion erzeugt eine gewaltige Druckwelle, die Geschwindigkeiten von mehreren Hundert Stundenkilometern erreicht. Der Druck tötet Menschen nahe des Epizentrums und verursacht Lungen- und Ohrenverletzungen sowie innere Blutungen bei jenen, die etwas weiter weg sind. Es entstehen Verletzungen durch zusammenstürzende Gebäude und durch die Luft geschleuderte Objekte.
Die Hitzestrahlung der Explosion ist so intensiv, dass fast alles in der Nähe des Epizentrums verdampft. Die extreme Hitze verursacht schwere Verbrennungen und entfacht in einem großen Gebiet Feuer, die in einem gigantischen Feuersturm zusammenfließen. Sogar Menschen in unterirdischen Bunkern sterben an Sauerstoffmangel und Kohlenmonoxidvergiftung.
Hohe Dosen von radioaktiver Strahlung töten Zellen, beschädigen Organe und führen zu einem raschen Tod. In niedrigen Dosen schädigt Strahlung Zellen und führt zu Krebs, genetischen Schäden und Mutationen.
Die Sprengkraft der Atombombe von Hiroshima betrug 15.000 Tonnen beziehungsweise also 15 Kilotonnen TNT-Äquivalent, die von Nagasaki 21 Kilotonnen. Die erste 1952 von den USA gezündete Wasserstoffbombe hatte ungefähr die 500-fache Sprengkraft, nämlich 10.400 Kilotonnen beziehungsweise über 10 Megatonnen. Die bisher stärkste Bombe mit 57 Megatonnen zündete die Sowjetunion im Jahr 1961. Im Kalten Krieg zwischen der USA und der NATO einerseits und der Sowjetunion und dem Ostblock andererseits standen sich zeitweise bis zu 65.000 Atomwaffen gegenüber.
1985 entsprach das Zerstörungspotential der Atomwaffen der 6.000-fachen Zerstörungskraft des Zweiten Weltkriegs, in welchem rund 55 Millionen Menschen ihr Leben verloren hatten. Trotz der Verringerung der Anzahl der Atomwaffen seit Ende des Kalten Krieges bleibt der Menschheit immer noch ein vielfacher Overkill – also ausreichend um die gesamte Menschheit mehrfach zu vernichten.
Bei einer 100-Kilotonnen-Atombombe tötet ein radioaktiver Feuerball alles Leben in einem Umkreis von drei Kilometer Radius. Auch im Radius von fünf Kilometern stirbt die überwiegende Mehrheit der Menschen rasch an den Folgen von Verletzungen durch die Druckwelle, an Ersticken oder im Laufe der nächsten Wochen an der Strahlenkrankheit. Selbst im Zehn-Kilometer-Umkreis erliegt die Hälfte der Menschen ihren Verletzungen und Verbrennungen. Viele sterben bald nach der Explosion aufgrund von Bränden und an der Strahlenkrankheit. Weit darüber hinaus verbreitet sich radioaktiver Niederschlag: Im Laufe der Zeit werden Tausende Menschen an der Strahlenkrankkeit und an Krebs sterben.
Abgesehen davon kann schon allein der Einsatz eines Bruchteils der weltweiten Bestände an Atomwaffen durch aufgewirbelten Staub die Atmosphäre verfinstern und einen globalen nuklearen Winter hervorrufen. Die gesamte menschliche Zivilisation und Versorgung würde zusammenbrechen und Milliarden Menschen an Hunger, Kälte und Elend sterben. Der Philosoph Günther Anders fasst diese absurde Logik in der Feststellung zusammen, dass die Atombombe die Menschheit in die Lage versetzt, sich selbst zu vernichten.
Weltweit bedrohen uns zur Zeit immer noch rund 10.000 Atombomben, vier Fünftel davon teilen sich die USA und Russland. Rund 3.900 davon sind stationiert und gelten als einsatzbereit, während 5.700 weitere gelagert werden. Die Atommächte arbeiten daran, ihre Atomwaffen zu modernisieren.
Wir dürfen uns mit diesem über der Menschheit schwebenden Damoklesschwert nicht abfinden. Auch wenn wir seit Jahrzehnten ohnmächtig mit dieser Bedrohung leben müssen, weigern wir uns frei nach dem Titel des Filmes von Stanley Kubrick „Dr. Seltsam“ die Bombe lieben zu lernen:
Die perverse Abschreckungslogik „Wer als Erster schießt, stirbt als Zweiter“ kann uns nicht beruhigen. Nur wenn keine Atomwaffen mehr existieren, können sie auch nicht eingesetzt werden. Nur dann kann es keinen Atomkrieg aus Versehen geben aufgrund der Verkettung unglücklicher Umstände oder einer außer Kontrolle geratenen Künstlichen Intelligenz. Nur dann kann es keinen Atomkrieg aufgrund einer politischen und militärischen Eskalation geben oder weil Ultimaten und Rote Linien nicht eingehalten werden. Nur dann können Atomwaffen nicht zum Spielzeug skrupelloser Menschenverächter oder durchgeknallter Egomanen werden.
In diesem Jahr spielen in mindestens vier Konflikten und Kriegen Atomwaffen eine Rolle, auch ohne dass sie bisher zum Einsatz kommen. Seit dreieinhalb Jahren führt Russland einen brutalen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Putin sichert seinen Krieg mit Roten Linien und seinem Atomwaffenarsenal gegen den Westen ab.
Erst vor wenigen Tagen haben sich US-Präsident Donald Trump und der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrates Dmitri Medwedew gegenseitig den Einsatz von Atomwaffen angedroht. Die USA verlegen aktuell zwei Atom-U-Boote näher an Russland und weitere Atomwaffen nach Großbritannien. Russland hingegen stationiert Atomwaffen in Belarus.
Dieses Frühjahr hatten die Atommächte Indien und Pakistan sich gegenseitig kriegerisch angegriffen und eine Ausweitung ihres Konflikts angedroht.
Die Atommächte Israel und USA haben Angriffe gegen iranische Atomanlagen geführt, um zu verhindern oder wenigstens zu verzögern, dass der Iran Uran bis zur Atomwaffentauglichkeit anreichert. Befürchtet wird, dass ansonsten auch weitere Staaten in der Region wie beispielsweise Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten und die Türkei an der Herstellung eigener Atomwaffen arbeiten könnten. Diese Regionalmächte bauen zur Zeit Atomkraftwerke und erwerben sich damit auch Know-How über den Umgang mit atomwaffenfähigem Material.
Weiterhin schwelt der Konflikt zwischen Nordkorea einerseits und den USA, Südkorea und Japan andererseits. Um seine Diktatur unverwundbar gegen äußere Einmischung zu machen, arbeitet Nordkorea am Ausbau und der Perfektionierung seiner Atomsprengköpfe und Raketen als Trägersysteme. Auch in Südkorea und Japan werden Stimmen nach eigenen Atomwaffen laut.
China arbeitet am massiven Ausbau seines Atomwaffenarsenals und seines Status als Weltmacht. Die ungelöste Taiwan-Frage, die Auseinandersetzungen um Inseln, Rohstoffe und Handelswege im Chinesischen Meer sowie die Präsenz auswärtiger militärischer Seestreitkräfte – darunter auch Deutschland – bergen dabei ein schwer einzuschätzendes Eskalationspotential.
Weltweit werden jährlich fast 100 Milliarden Dollar für die atomare Rüstung ausgegeben – mit steigender Tendenz.
Wir hingegen wollen ohne Atomwaffen leben und fordern zu weltweiten Anstrengungen auf, alle Atomwaffen abzuschaffen. Wir sind entsetzt über Diskussionen und Forderungen von Politikern und Politikerinnen aus Union, SPD, Grüne und AfD, in verschiedenen Medien und von sogenannten Sicherheitsexperten nach Atomwaffen für Deutschland oder einem europäischen oder französischen „nuklearen Schutzschirm“ für den Fall, dass die USA unter Präsident Donald Trump als führende NATO-Macht aus Europa ganz oder teilweise militärisch abziehen sollten.
Eine deutsche oder eine europäische Atombombe aber würde einen Bruch mit dem Atomwaffensperrvertrag bedeuten, den Deutschland 1975 ratifiziert hat, sowie mit dem 2+4 Vertrag, als Deutschland anlässlich der Wiedervereinigung im Jahr 1990 auf den Besitz von Atomwaffen verzichtete. An beide Verträge ist Deutschland völkerrechtlich gebunden.
Es ist eh schon umstritten, ob die nukleare Teilhabe Deutschlands ein Verstoß gegen den Atomwaffensperrvertrag ist. Denn in Büchel in der Eifel werden zwanzig amerikanische Atomsprengköpfe bereit gehalten, um diese im Ernstfall von Kampfflugzeugen der Bundeswehr in gegnerische Angriffsziele zu schießen.
Aktuell werden die Atomsprengköpfe in Büchel modernisiert. Die Bundesregierung hat für diese in den USA F-35-Kampfflugzeuge als Trägersysteme bestellt. Die Kosten belaufen sich auf insgesamt 10 Milliarden Euro, wobei weitere Steigerungen erwartet werden. Die geplanten Ausgaben von 800 Millionen Euro für die Erneuerung des Militärflughafens sind bereits überholt: hier wird nach aktuellen Meldungen mit inzwischen 2 Milliarden Euro gerechnet.
Wir, die Initiative AtomErbe Obrigheim, fordern: Deutschland muss die nukleare Teilhabe aufkündigen und zusätzlich dem Atomwaffenverbotsvertrag beitreten, der im Januar 2021 in Kraft getreten ist!
Leider wird der Atomwaffenverbotsvertrag auf der großen politischen Weltbühne wenig ernst genommen und eher mit feindseliger Missachtung bestraft. Zwar haben mittlerweile 94 Staaten den AVV unterzeichnet und 73 Staaten ratifiziert, aber die großen Mächte sind nicht mit dabei. Auch Europa und die Europäische Union, die 2012 den Friedensnobelpreis bekommen hatte, fehlen weitgehend.
In Europa haben nur fünf Mini- und Kleinstaaten – der Vatikan, Österreich, San Marino, Irland und Malta – dem Atomwaffenverbotsvertrag ratifiziert, zudem hat noch Liechtenstein unterzeichnet.
Eine Vertreterin des Auswärtigen Amts der vergangenen Bundesregierung hatte im November 2023 mit Verweis auf Russland und China erklärt: Deutschland bekenne sich „voll und ganz zur nuklearen Abschreckung der NATO“ und werde dem AVV weder beitreten noch dessen Anspruch akzeptieren. Auch die von der deutschen Bundesregierung mit initiierte Stockholm-Initiative zur atomaren und konventionellen Rüstungsbegrenzung war eher ein Feigenblatt: In den letzten zwei Jahren ist praktisch nichts mehr von dieser zahnlosen Nebendiplomatie zu hören.
Papst Leo XIV hingegen hat gestern Atomwaffen als „Affront gegen die Menschheit“ bezeichnet: „Atomwaffen verletzen unsere gemeinsame Menschlichkeit und verraten auch die Würde der Schöpfung, deren Harmonie zu bewahren wir berufen sind.“ Der Glaube an Sicherheit durch gegenseitige Bedrohung sei eine Illusion, die man kategorisch ablehnen müsse. „Stattdessen müssen wir eine globale Ethik schaffen, die in Gerechtigkeit, Geschwisterlichkeit und im Gemeinwohl verwurzelt ist“. Papst Leo ruft dazu auf, eine „unbewaffnete und entwaffnende“ Friedenspolitik zu verfolgen.
Wir, die Initiative AtomErbe Obrigheim fordern, dass alles getan wird, diese atomare Bedrohungen durch Verhandlungen und diplomatische Anstrengungen einzudämmen und zu entschärfen. Wir brauchen eine neue Weltfriedenspolitik auf allen Ebenen und vor allem von unten! Wir fordern Euch in Mosbach auf, werdet Teil der globalen friedensbewegten Zivilgesellschaft, engagiert und vernetzt Euch und nehmt den Frieden in die eigene Hand!
Ein wichtiger Teil dieser globalen Zivilgesellschaft sind auch die „Bürgermeister und Bürgermeisterinnen für den Frieden“. Die „Mayors for Peace“ wurden 1982 durch den Bürgermeister von Hiroshima gegründet und 1991 vom Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen als Nichtregierungsorganisation registriert. Inzwischen gehören dem Netzwerk über 8.500 Städte und Gemeinden aus 166 Ländern an. In Deutschland sind 924 Mitglieder dem Bündnis beigetreten.
Im Oktober 2020 konnten wir die Stadt Mosbach und ihren Oberbürgermeister dafür gewinnen, dem Bündnis „Mayors for Peace“ und dem Städteappell der Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen ICAN beizutreten. Ihre Fahne weht in diesen Tagen auch vom Mosbacher Rathaus.
Eine weitere Ermutigung ist die Auszeichnung der Japanischen Konföderation der Atombomben- und Wasserstoffbombenopfer Nihon Hidankyo letztes Jahr mit dem Friedensnobelpreis.
Aber auch der Wahnsinn der weltweiten Rüstungsspirale muss durchbrochen werden. Letztes Jahr wurden weltweit 2.718 Milliarden Dollar für das Militär ausgegeben, was einer Steigerung von 250 Milliarden oder inflationsbereinigt rund 9 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.
Angekündigt wurden weitere massive Erhöhungen der Rüstungshaushalte in den nächsten Jahren. Die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen verkündete die Mobilisierung von 800 Milliarden Euro für die Aufrüstung Europas und militärische Unterstützung der Ukraine. Die NATO und Deutschland wollen in Zukunft 5 % ihres Bruttoinlandsproduktes für Militär und militärische Infrastruktur ausgeben.
Deutschland ist letztes Jahr mit Militärausgaben von 77,6 Milliarden Euro schon auf Platz vier in der Welt vorgerückt. Im Haushaltsplan der Bundesregierung sollen sie auf über 150 Milliarden im Jahr 2029 steigen. Dazu kommen noch Milliarden-Investitionen, um die öffentliche Infrastruktur wie zum Beispiel Verkehrswege, Brücken und Krankenhäuser für Militär und Krieg tauglich zu machen.
Würde diese Fünf-Prozent-Marke für die weltweite Entwicklung zugrunde gelegt, würden sich bei einem Welt-BIP von über 100 Billionen die jährlichen Rüstungsausgaben auf fast 5 Billionen verdoppeln. Das ist aber die Summe, die wir laut Berechnungen des linkslibertären Intellektuellen Noam Chomsky und des Klimaökonomen Robert Pollin weltweit jedes Jahr investieren müssen, um die Klimazerstörung zu stoppen.
Militär und Krieg verschärfen jedoch die Klimazerstörung. Abschätzungen haben ergeben: Wäre das weltweite Militär ein Land, dann stünde es mit den Treibhausgasemissionen weltweit auf Platz vier – hinter China, den USA und Indien. Geschätzt wird, dass 5,5 Prozent der globalen Emissionen auf das Konto der Streitkräfte dieser Welt gehen. Genauere Zahlen gibt es nicht, weil das Militär aus den Klimaverhandlungen und der Pflicht zur Berichterstattung ausgenommen wurde.
Und auch in Deutschland wird die Militarisierung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft voran getrieben.
So verschärft das Militär seinen Griff nach jungen Menschen. Und für den wahrscheinlichen Fall, dass das Kriegstrommeln und die Propaganda für das hippe Soldatentum doch nicht ausreichen, um genügend Militärdienstleistende zu rekrutieren, kündigt die Regierung an, die jungen Leute härter anzufassen und die ausgesetzte Wehrpflicht wieder zu aktivieren.
Nebenbei: Auch bei der Frage der Wehrpflicht enttarnt sich die AfD als eine militaristische Partei, auch wenn sie sich in letzter Zeit gerne als einzige Friedenspartei geriert: Schon im November 2020 – noch vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine – stellte die AfD den Antrag, die Wehrpflicht wieder einzuführen. Ihr verteidigungspolitischer Sprecher Rüdiger Lucassen fordert zudem eigene Atomwaffen für Deutschland. Anfang dieses Jahres preschte die AfD-Vorsitzende Alice Weidel vor und übernahm den Vorschlag von Donald Trump, fünf Prozent des Bruttoinlandprodukts in das Militär zu investieren. Der Möchte-gern-Führer und Nazi Björn Höcke zitierte im Jahr 2018 Goebbels, lieber Wolf als Schaf zu sein, und 2017 äußerte der damalige AfD-Chef Alexander Gauland, stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen.
Die Friedensbewegung hingegen wendet sich gegen die Reaktivierung der Wehrpflicht, gegen die Militarisierung der Gesellschaft und gegen Forderungen nach Kriegstüchtigkeit! Wir wollen nicht, dass Bildung, Erziehung, die öffentliche Meinung, die Gesundheitsversorgung, Verkehr, Energieversorgung und die Wirtschaft nach Erfordernissen von Militär und Kriegsplanungen ausgerichtet werden!
Entsetzt war ich auch über ein Interview mit dem baden-württembergischen Finanzminister Danyal Bayaz in der RNZ vom Februar: Früher verstanden die Grünen unter Konversion die Umwandlung von Rüstungsproduktion in eine zivile Produktion für das Leben, frei nach einem biblischen Motto „Schwerter zu Pflugscharen“. Und während umwelt- und klimabewusste Gewerkschafter und Beschäftigte der schwächelnden Automobilindustrie zusammen mit Klimagruppen und Umweltschutzverbänden an Konzepten für eine zukunftsorientierte Mobilität und Produktion arbeiten, sieht Bayaz Chancen in der Aufrüstung Europas: Er möchte den baden-württembergischen Standort für die Produktion von Rüstungsgütern und militärischer Technologie stärken und ausbauen. Erst auf Nachfrage der RNZ fiel ihm zum Schluss noch ein, dass auch Klimaschutz ein Standortfaktor sei.
Statt der von der Politik geforderten Kriegstüchtigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft fordern wir Friedensfähigkeit! Wir haben andere Vorstellungen vom Leben und Überleben.
Soziale Verteidigung heißt, schon jetzt in Friedenszeiten eine starke global-vernetzte demokratische, resiliente, soziale und kooperative Gesellschaft aufzubauen. Wir müssen diese gegen Privatisierungen, gegen den Ausverkauf an das große Kapital, gegen finanzielle Kürzungen in Verbindung mit sozialen Grausamkeiten verteidigen. Wir alle sind die Gesellschaft. Und nur wenn uns das Land und das Leben gehören, besteht auch die Möglichkeit, sie zu verteidigen.
Wir brauchen massive Investitionen und Anstrengungen, um die großen Menschheits- und Zukunftsausgaben anzupacken: Das geht nicht mit nationaler Borniertheit. „Das größte lösbare Problem“ ist der Welthunger. Mit einem niedrigen einstelligen Prozentsatz von den weltweiten Rüstungsausgaben könnte er beseitigt werden.
Und wir müssen die Klimazerstörung, die Vermüllung und Vergiftung unserer Welt sowie die Verluste unserer fruchtbaren Böden und der Biodiversität stoppen, um die Lebens- und Ernährungsgrundlagen auf unserem Planeten zu erhalten. Erst vor zwei Wochen hat ein Gutachten des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag festgestellt, dass das Völkerrecht zu nachhaltigem Klimaschutz verpflichte.
Auch dürfen wir nicht zulassen, dass Privatisierung, Bereicherung, Bürokratisierung und Überwachungstechnologien ein demokratisches, selbstbestimmtes und solidarisches Leben unmöglich machen.
Lenken wir die Billionen für Militär und Zerstörung um in eine Welt für alle Menschen! Wehrt Euch gegen den Atomtod! Wir wollen ohne Atomwaffen leben!
Unser Appell aus Mosbach an die Bundesregierung: „Wir wollen ohne Atomwaffen leben!“
Mosbach, den 6. August 2025, 80. Hiroshima-Jahrestag
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Friedrich Merz, sehr geehrter Herr Außenminister Johann Wadephul, sehr geehrter Herr Verteidigungsminister Boris Pistorius,
Wir sind Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer kleinen Friedenskundgebung in Mosbach, um der Opfer der beiden Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki vor 80 Jahren zu gedenken.
Wir appellieren dabei an die Bundesregierung, ein starkes Signal für das Leben und Überleben der Menschheit und eine friedliche Zukunft zu setzen:
– Deutschland muss auch weiterhin auf Atomwaffen verzichten! Alles andere ist ein Verstoß gegen den Atomwaffensperrvertrag und den 2+4-Vertrag.
– Sagen Sie die ab 2026 geplante Stationierung von amerikanischen Mittelstreckenraketen in Deutschland ab!
– Beenden Sie die nukleare Teilhabe Deutschlands und sorgen Sie für den Abzug der amerikanischen Atomwaffen aus Büchel.
– Wir fordern den Beitritt Deutschlands zum Atomwaffenverbotsvertrag!
Es muss alles dafür getan werden, mittels Verhandlungen, diplomatischen Anstrengungen, vertrauensbildenden Maßnahmen und Abrüstung die Bedrohung durch Atomwaffen und die Rüstungsspirale einzudämmen und zurückzudrängen.
Mit den durch Abrüstung und Entmilitarisierung freiwerdenden Ressourcen hätte die Menschheit die Chance, die großen Zukunftsaufgaben zu lösen. Der Welthunger, die Klimazerstörung, die Vermüllung und Vergiftung unserer Welt, die Verluste unserer fruchtbaren Böden und der Biodiversität, die sozialen Fragen und die Gefährdungen für Freiheit und Demokratie brauchen dingend unsere Antworten.
Wir wollen ohne Atomwaffen leben und ein gutes Leben für alle!
Mit freundlichen Grüßen,
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