Gedenktafel für die 1943 aus dem Kreis Mosbach deportierten Sinti

Am späten Samstag Nachmittag wurde in Mosbach ein Denkmal für die aus dem früheren Kreis Mosbach deportierten Sinti eingeweiht. Es waren insgesamt 53 Menschen – Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer, Alte –, die auf den Tag genau vor 81 Jahren (am 23. März 1943) abtransportiert worden waren. Laut dem im Generallandesarchiv Karlsruhe überlieferten Fahrplan verließ der Zug um 5.06 Uhr Mosbach und traf zwei Tage später um 15.01 Uhr in Auschwitz ein. Begleitet wurde der Transport von fünf Ortspolizisten. Die Deportierten waren laut einem Erlass an einem Stichtag im Oktober 1939 an ihren jeweiligen Wohn- beziehungsweise Aufenthaltsorten festgesetzt worden und hatten zuletzt in den Orten Dallau, Heinsheim, Lohrbach, Mosbach, Muckental, Obrigheim, Rittersbach und Sattelbach gewohnt.

Die meisten von ihnen kamen im sogenannten „Zigeunerlager“ des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau ums Leben beziehungsweise wurden ermordet. Hintergrund war ein Deportationsbefehl des Reichsführers-SS Heinrich Himmler vom 16. Dezember 1942. Rund eine halbe Million Sinti und Roma wurden Opfer des Völkermords der Nazis.

Die Gedenkfeier mit Ansprachen von Museumsleiter Stefan Müller, Oberbürgermeister Julian Stipp, Landrat Dr. Achim Brötel und dem Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma Romani Rose fand im voll besetzten unteren Rathaussaal statt, bevor anschließend die Gedenktafel auf der Mauer zwischen Markt- und Kirchplatz enthüllt wurde. Die Bronze-Tafel listet die 53 Namen der Verschleppten auf, die von den Bürgermeistern und Ortsvorstehern der Orte vorgelesen wurden. Der Violinist Sandro Roy ( https://www.sandro-roy.com/ ) umrahmte die ganze Feier ausdrucksstark mit ergreifenden Stücken von Gluck („Melodie“), Faure („Après un rêve“) und Williams („Schindlers List“).

Stefan Müller wies auf die vernichtete Existenz der Menschen hin: Sie durften schließlich nicht einmal einfach nur noch da sein. Zuück blieben nur noch einzelne Erinnerungen, wie zum Beispiel das Gesicht der 10-jährigen Erika aus Dallau auf einem Foto ihrer Schulklasse oder ein Gebetsbuch des aus Lohrbach deportierten und in Auschwitz ermordeten Karl Wagner.

Oberbürgermeister Stipp möchte ein bleibendes Zeichen setzen. Die Erinnerung an die Schicksale soll wieder einen Platz in Mosbach finden. Er dankte Romani Rose dafür, den Anstoß für diese Idee bei der Ratsherrenweckfeier vor einem Jahr gegeben zu haben. Stipp begrüßte auch Schülerinnen und Schüler der Geschichts-AG der Realschule Obrigheim und ihren Lehrer, die eine Ausstellung über Vinzenz Rose (Onkel von Romani Rose und Begründer der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma) erarbeitet hatten und sich dafür engagieren, ihre Realschule nach diesem zu benennen. Auch Romani Rose dankte ihnen für ihre Bereitschaft zur Auseinandersetzung.

Stipp weiter: Das Gedenken sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – in den Orten, Kommunen, in der Stadt Mosbach. Es sei beschämend, dass der Völkermord an den Sinti und Roma erst 1982 durch Bundeskanzler Helmut Schmidt anerkannt wurde. Auch Mosbach schließe nun eine Lücke in seiner Erinnerungskultur, nachdem schon 1986 der Synagogenplatz zur Erinnerung an die jüdischen Opfer eingeweiht wurde. Romani Rose ergänzte, dass er vor vierzig Jahren nicht an das heute Erreichte glauben konnte. 1997 wurden die deutschen Sinti und Roma als eine der vier nationalen Minderheit (neben den Dänen, Friesen und Sorben) anerkannt.

Landrat Dr. Brötel bekannte, dass er sich erstmals anlässlich einer Gedenkveranstaltung im Jahr 2013 im Martin-Luther-Haus mit dem Thema auseinandersetzte, als er eine Ansprache beigetragen hatte. Das Gedenken müsse über die historischen Tatsachen hinausgehen: genauso wichtig sei das daraus hervorgehende Vermächtnis für die Zukunft. Mahnend verwies er auf eine Studie, dass nur noch knapp über die Hälfte der Bürger mit unserer Demokratie zufrieden seien. Auch der Machtergreifung der Nazis im Jahr 1933 ging eine gezielte Schwächung der Demokratie voraus. Gesellschaftliche Vielfalt sei nur unter der Bedingung von Freiheit möglich.

Diese Gedenktafel komme sehr spät, aber vielleicht gerade zur richtigen Zeit. Die Demokraten müssten Geschlossenheit zeigen. Er zitierte aus einer Rede des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog: „Totalitarismus und Menschenverachtung bekämpft man nicht, wenn sie schon die Macht ergriffen haben. Man muß sie schon bekämpfen, wenn sie zum ersten Mal – und vielleicht noch ganz zaghaft – das Haupt erheben.“ Brötel erklärte seine Wertschätzung für Romani Rose als „Brückenbauer“.

Dr. Brötel begrüßte den Standort der Tafel als Ort im Herzen der Stadt Mosbach, wo das Leben pulsiert und die Leute sich treffen. Die Tafel sei ein Stolperstein für die Augen und die Seele. Auch die Einweihung des nationalen Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma am 24. Oktober 2012 in Berlin hatte langjähriger Auseinandersetzungen bedurft. Brötel schloss mit den Worten des von Santino Spinelli verfassten Gedichts „Auschwitz“, eingeschrieben am Rand des Brunnens des Denkmals in Berlin: „Eingefallenes Gesicht / erloschene Augen / kalte Lippen / Stille / ein zerrissenes Herz / ohne Atem / ohne Worte / keine Tränen“.

Romani Rose zeigte sich gerührt angesichts dieser Gedenkfeier. „Erinnerung heißt Verantwortung in der Zukunft zu übernehmen.“ Er spannte in wenigen Beispielen einen Bogen von der Geschichte bis heute. Seit 600 Jahren lebten Sinti und Roma als Bürger in Deutschland, wo sie sich in das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben intergrierten. Seine Großeltern fühlten sich selbstverständlicherweise als Sinti und Deutsche.

Im Nationalsozialismus wurden die Sinti und Roma durch verschiedene Maßnahmen aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen: die Nürnberger Rassegesetze von 1935 wurden entsprechend eines Kommentars von Reichsinnenminister Frick auf Sinti und Roma in gleicher Weise wie auch auf Juden angewandt. Die dem Reichssicherheitshauptamt beigeordnete Rassenhygienische Forschungsstelle betrieb die totale Erfassung der Sinti und Roma mittels genealogischer und anthropologischer Untersuchungen. 24.000 sogenannte Rassegutachten bildeten die entscheidende Grundlage für die Deportationen in die Vernichtungslager. Im Dezember 1938 kündigte der Reichsführer-SS Himmler den Völkermord mit der „endgültigen Lösung der Zigeunerfrage“ „aus dem Wesen der Rasse heraus“ an.

Auch heute noch sei der tradierte Antiziganismus in unserer Gesellschaft verwurzelt und wirkungsmächtig. Romani Rose sieht deshalb in der Bekämpfung des Antiziganismus eine wichtige Aufgabe in der Politik. Er sagte aber auch: Erinnerung habe nichts mit Schuldübertragung an heutige oder kommende Generationen zu tun. Er rief auf, unsere gemeinsamen Werte zu verteidigen. Es mache Hoffnung, dass Hunderttausende in den letzten Wochen für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit demonstrierten, so auch 3.000 Menschen im Januar in Mosbach.

Nähere Informationen zur Deportation der Sinti aus unserer Region sowie zu den Sinti in den KZ Neckarelz und Neckargerach gibt es in der Dokumentation „Verfolgung der Sinti, Roma und Jenischen im ländlichen Raum des Kraichgaus, des Neckartales, des Elztales und des Baulandes“ von Arno Huth (KZ-Gedenkstätte Neckarelz, 2009).