Von der Bäckerei hinaus in die Welt – Aufgeklärtheit über Grenzen hinweg

Fahrenbach und Togo: Bericht zum Vortrag von Friedemann Weber

Der Bericht über den Vortrag von Friedemann Weber wurde ergänzt durch Statements in der Diskussion, weitere Informationen in einem Telefonat und per E-Mail von Weber sowie durch ein paar Internetrecherchen zu Togo. Die Fotos stellte Friedemann Weber zur Verfügung, herzlichen Dank.

Der Bäckermeister Friedemann Weber aus Fahrenbach …

Anfang September 2019 fanden über 30 Leute den Weg zur ersten Veranstaltung aus der Reihe „Abende für Vielfalt und Demokratie“. Veranstalter war das ver.di-Bildungszentrum Mosbach, Referent der pensionierte Bäckermeister Friedemann Weber aus Fahrenbach. Er berichtete über seine Kontakte nach Togo und erklärt über sich selbst in der Ankündigung der Veranstaltung: „Ich bin kein Politikprofi, auch kein Ökonomieexperte, ich kann nur das erkennen und beurteilen, was ich mit eigenen Augen gesehen habe, was ich täglich an Nachrichten aufnehme und wie sich das beim Alltagsmenschen auswirkt. Bildung von Anfang an ist einer der Schlüssel zur besseren Welt“.

Engagiert aufgefallen war er schon durch einen Leserbrief in der RNZ Mosbach wenige Tage nach den Europawahlen im Ende Mai 2019, in welchem er aufgerüttelt ausführte: „Ich schäme mich für die 15 % ‚rechte‘ Stimmen bei der Europawahl in meiner Gemeinde [das zweitbeste Ergebnis im Neckar-Odenwald-Kreis für die AfD]. Ich schäme mich: Als Bürger, der seine Heimat und die Menschen schätzt und liebt. Als Bürger, dessen Eltern in gutem Glauben den Nazis damals ihr Vertrauen schenkten. Sie haben damit millionenfaches Morden ausgelöst. Ich schäme mich: Als Mensch, der Angst hat, dass solche dumpfen, menschenverachtenden Gedanken wieder hochkommen. Als Mensch, der dachte, die Geschichte mit Corneille hätte in Fahrenbach ein Bewusstsein für Weltoffenheit und Solidarität erzeugt. Ich schäme mich: Als Christ, der die Botschaft Jesu im gemeinsamen Alltag leben möchte, denn dieser Jesus hat keinen ausgegrenzt, keinen Ausländer und keinen Verbrecher. Bei aller Kritik haben wir unserem Land und Europa so viel zu verdanken; In erster Linie Frieden und Rechtsstaatlichkeit, wie in keiner Region dieser Welt. Mit den ‚Rechten‘ droht uns das, verloren zu gehen. Wer grölend auf der Straße nach alten Zeiten ruft, ohne Kenntnis der wirklichen Geschichte, der verdient keine Akzeptanz. Wer sich als politische Partei mit denen gemein macht, verdient keine Toleranz. Wer Angst vor Überfremdung des christlichen Abendlandes hat, soll sich kritisch fragen, wie seine Haltung zu unserer Kultur und Religion ist. Hier gilt es, unsere Werte zu leben und zu verteidigen. Wir müssen die Einwanderungsfrage aus Sicht der Flüchtlinge sehen: Kriegsursachen hatten wir in Europa auch über Jahrhunderte. Armut und Hunger haben auch Deutsche zur Auswanderung getrieben. Fluchtursachen haben viel mit Perspektivlosigkeit vor allem der Jungen zu tun, verursacht durch Ausbeutung von der Kolonialzeit bis heute. Auch deshalb stehen sie vor unseren Grenzen. Wenn wir Probleme klar und deutlich ansprechen, die Hintergründe bedenken, und nicht den Populisten die Hoheit überlassen, dann dürfen wir unserem demokratischen und sozialen Gemeinwesen Vertrauen schenken. Dann muss ich mich auch nicht mehr schämen. Friedemann Weber, Fahrenbach“

… und sein Auszubildender Corneille aus Togo

Es war etwa Anfang der 1990er Jahre, als Friedemann Weber aus Fahrenbach auf Anfrage den jungen Studenten Corneille aus Togo bei sich aufnahm, um ihn zum Bäcker auszubilden. Damals war eine große Migrationswelle, die Republikaner zogen 1992 und 1996 mit jeweils fast 10 % in den baden-württembergischen Landtag ein, Rufe nach „Ausländer raus“ und Abschaffung des Asylrechtes waren laut. So mussten auch etliche bürokratische Hindernisse überwunden werden, damit Corneille überhaupt nach Deutschland durfte. Corneille war ein wissbegieriger junger Mann. In seinem Heimatland hatte er vier Jahre lang die deutsche Sprache und Kultur studiert. Er hätte in Togo den Beruf eines Lehrers ergreifen können, welcher allerdings insbesondere in den staatlichen Schulen schlecht bezahlt wird, und wobei die Lehrer oft monatelang auf die Auszahlung der Gehälter warten mussten. Von Anfang an war klar, dass Corneille das Bäckerhandwerk in Deutschland erlernen wollte, um wieder nach Togo zurückzukehren. Neben Fahrenbach erlernte er den Bäckerberuf auch in anderen Orten. Gleich am ersten Sonntag nach der Ankunft nahm ihn der Geselle mit in den Verein zum Sportfest. Nach seiner Gesellenprüfung hätte Corneille eigentlich wieder nach Togo zurückkehren sollen. Wieder kostete es einen großen Aufwand an Bürokratie und Knüpfen von Beziehungen, um ihm die Verlängerung seines Aufenthalts in Deutschland um zwei Jahre bis zur Meisterprüfung zu ermöglichen.

Corneilles Projekte: eine deutsche Bäckerei in Togo, ein Biergarten und ein Hotel mit Seminarräumen

Zurück in Togo wollte Corneille eine eigene Bäckerei aufbauen, wozu er ein Grundstück benötigte. Erleichtert wurde ihm dies mittels eines einflussreichen, angesehenen christlichen Menschen, der Abkömmling eines deutschen Besatzungssoldaten war und über gute Beziehungen in die muslimische gehobene und bestimmende Mittelschicht verfügte. Heute umfasst Corneilles Betrieb neben der Bäckerei auch einen Biergarten und ein Hotel mit Bildungsbetrieb. In den ersten Jahren hat Corneille auch den Leuten in der Umgebung Wasser „verkauft“, damit sie nicht den langen Weg zum Brunnen gehen mussten. Corneille beschäftigt etliche Angestellte mit regulären Arbeitsverträgen und Sozialversicherung. Hinzu kam noch eine Krankenstation.

Bäckermeister Friedemann Weber mit Berufsschülern in Togo

Eindrücke Friedemann Webers aus Togo (ehemals deutsche Kolonie)

Friedemann Weber hat selbst vor etwa zwanzig und zuletzt vor zwei Jahren Togo besucht. Er zeigte Fotos, um ein paar Eindrücke von dem Land, den Menschen und dem Projekt zu geben. Togo ist ein kleines afrikanisches Land, flächenmäßig vergleichbar mit Baden-Württemberg. Sein Küstenstreifen im Süden umfasst nur etwa 50 Kilometer, dafür ragt der Landstreifen umso weiter in den Kontinent hinein. Nachbarländer sind im Westen Ghana, im Norden Burkina Faso und im Osten Benin. In Togo werden etwa vierzig verschiedene Sprachen gesprochen. Dabei gibt es ein ausgeprägtes klimatisches und Vegetationsgefälle zwischen dem Süden und dem Norden.

Viel Regenwald sei nicht mehr übrig geblieben, da die Leute Brennholz benützen. Ebenso wurden Wälder zu Gewinnung von Holzkohle gerodet, um diese an den Süden zu verkaufen. Im Norden ist das Land sehr trocken, es gibt nur wenig Vegetation. Die Leute bewohnen beispielsweise dreistöckige zylinderförmige Lehmbauten: unten das Vieh, in der Mitte die Bewohner, oben der Getreidespeicher. Nationalgericht ist das Fufu, das aus der Yamswurzel gewonnen wird, die hauptsächlich Kohlenhydrate liefert. Müll wird meist wild entsorgt, sodass sich Plastikmüll in offenen Kanälen und Löchern sammelt.

die Lehmbauten der Tambermas im Norden

Nach Einschätzung Webers hätten die Deutschen in Togo trotz des Kolonialismus viel Gutes hinterlassen, indem sie das Land strukturell entwickelten. Beispielsweise bauten sie Eisenbahnlinien für den Transport von landwirtschaftlichen Erzeugnissen wie Baumwolle und Rohstoffen wie Phosphat. Zudem legten sie einen Tiefseehafen an. Heute ist die Eisenbahn in vernachlässigtem Zustand. In der Baumwollregion hatten die Deutschen eine weiter verarbeitende Fabrik für Garn errichtet, die heute nicht mehr existiert. Weber meint – etwas zu optimistisch –, dass mit etwas gutem Willen aus dem deutschen Kolonialismus eine „Partnerschaft auf Augenhöhe“ zwischen Deutschland und Togo hätte werden können. Vielleicht noch von dieser Zeit hätten die Deutschen – anders als Franzosen – einen verhältnismäßig guten Ruf in Togo. Ein Diskutant widersprach und meinte, dass Kolonialismus weniger der Entwicklung, sondern vielmehr der Ausbeutung diente. Friedemann Weber stimmte der Aussage zu.

In der Diskussion: Probleme von Entwicklungshilfe, Ernährungssouveränität und Weltmarkt

Auf dem Markt werden Altkleider aus den reichen Staaten verkauft – in einem Land, wo Baumwolle wächst. Andere bunte Stoffe oder Kleider mit afrikanischen Motiven und Mustern für Kleider werden in Europa hergestellt. Sie sind billiger als beispielsweise bei einer lokalen Schneiderin.

Das Bildungssystem ist nur rudimentär entwickelt. Außer den Grundschulen (und der Universität) gibt es kaum weiterführende Schulen. Junge Menschen gehen wissbegierig in Berufsschulen, haben aber wenig Perspektiven. Zudem vermittle ihnen das Internet (falsche) Vorstellungen und Anreize von Europa, weshalb manche jungen Leute – wohl insbesondere Männer – überlegen, zu emigrieren.

Nachträglich ergänzt Friedemann Weber, dass er noch eine weitere Entwicklung in Togo beunruhigend findet: in vielen Dörfern sind insbesondere die Moscheen gut instand gehalten. Schilder erläutern: gesponsert insbesondere von Saudi-Arabien oder Kuwait, aber auch von den Vereinigten Arabischen Emiraten und anderen Staaten. Viele Männer, welche nach der Haddsch, der Pilgerfahrt nach Mekka, zurückkehrten, seien manchmal wie verwandelt. Es gebe einen islamistischen Trend.

Ein Foto zeigt den heutigen deutschen Entwicklungsminister Gert Müller (CSU) zu Besuch in der Bäckerei von Corneille (mit seinem deutschen Meisterbrief) und Gebäck. Weber meint, dass Müller im Vergleich zu bisherigen deutschen Entwicklungsministern eine gute Arbeit mit richtigen Ansätzen macht. Weber sieht im Transfer von Know-how den richtigen Weg.

Das Hotel von Corneille beinhaltet einen Seminarraum. Die deutsche Entwicklungshilfe unterstützt das Projekt, dass Frauen aus allen Gegenden Togos kommen, um ausgebildet zu werden. Zum Beispiel lernen sie Rezepte kennen. Das vermittelte Wissen ist angepasst an die Verhältnisse ihres Landes, zum Beispiel Backen in Lehmöfen, Zutaten aus dem eigenen Land, Unterricht über Verkauf, für (Lebensmittel-)Hygiene usw. Die Frauen kehren dann mit Wissen in ihre Dörfer zurück, um es dort umzusetzen. Insbesondere die Ausbildung von Frauen, von denen viele Analphabeten sind, sei wichtig, da diese eher als Männer genossenschaftlich denken und arbeiten und mit dem erwirtschafteten Geld haushalten können.

Friedemann Weber verschweigt nicht, dass das Projekt von Corneille zwar Arbeitsplätze schafft und Bildung vermittelt, aber letztlich auch Abhängigkeiten vom Weltmarkt aufrecht erhält durch den Import von billigem Getreide. Es werden aber möglichst viele inländische Zutaten zur Weiterverarbeitung verwendet, wobei der Import von Getreide schon länger etabliert ist. Immerhin wird es in heimischen Mühlen gemahlen. Zum Anbau von Getreide und anderen Zutaten für deutsche Bäckerei- und Brauereierzeugnisse fehlen die klimatischen Voraussetzungen in Togo. Auch der Import von Getreide aus Äthiopien, der Kornkammer Afrikas, zum Beispiel von Triticale – einer Kreuzung von Weizen und Roggen – würde am Transport scheitern. Weber zeigt weitere problematische Beispiele des Welthandels auf: der Import von thailändischem Reis, weil der billiger als der einheimische ist. Oder europäische Konzerne exportieren billige Milchprodukte nach Togo und in andere afrikanische Länder, was sich wegen der niedrigen Einfuhrzölle und der Milch-Subventionen der EU rentiert.

Als zahlreiche afrikanische kolonialisierte Staaten in den 1960er Jahren in die Unabhängigkeit entlassen wurden, waren sie nicht darauf vorbereitet und wurden ihrem Schicksal überlassen. Weber verweist auf den Kongo, ein riesiger Staat, der mit nur 300 Akademikern anfangen musste. In der Diskussion wurde noch ergänzt, dass auch die Entlassung in die staatliche Unabhängigkeit nur begrenzt eine eigenständige Entwicklung bis heute zuließ: die ehemaligen Kolonialmächte und andere Staaten wie die USA, die Sowjetunion, heute beispielsweise auch China und Institutionen des Weltmarkts intervenieren massiv mit militärischen, wirtschaftlichen und politischen Mitteln, um ihre eigenen ökonomischen und politischen Interessen durchzusetzen.

Während einerseits die USA, europäische und andere Staaten in Afrika billige, subventionierte Agrarprodukte auf den Markt werfen, schotten diese Staaten umgekehrt oft ihre Märkte gegen afrikanische Produkte ab oder diktieren ungünstige Handelspreise (terms of trade). Weltweit sind durch Landgrabbing – unter anderem durch europäische Staaten, USA, China, Saudi-Arabien und internationale Landfonds – in den letzten Jahrzehnten hunderte Millionen Hektar Land mehr oder weniger durch Enteignungen insbesondere Kleinbauern weggenommen worden, was die Ernährungssouveränität von grob einer Milliarde Menschen betrifft. Viele dieser Menschen werden dann als landwirtschaftliche Arbeiter zum Beispiel im Monokulturanbau ausgebeutet, ziehen dann in die (Mega-)Städte, bevölkern die Slums oder emigrieren.

Ein Diskutant wies zudem auf die Folgen von Klimawandel und Bevölkerungswachstum hin: irreguläre Niederschläge, Bodenerosion, Ertragseinbußen, eine immense Binnen- und Verzweiflungsmigration usw. Die europäischen Institutionen hätten viel zu lange verschiedenen Interessensverbänden nachgegeben. Als Beispiel nannte er auch die großen Fischereiflotten Europas, Nordamerikas, Russlands, Chinas, Japans usw. vor den Küsten Afrikas, die unzähligen Kleinfischern in afrikanischen Staaten ihre berufliche Perspektive nehmen.

Bild vom Seminar für die Bäcker-Frauen

Perspektiven, Hoffnung und weitere ermutigende Projekte

Bezüglich der Abholzungen und Regenwaldbrände im Zusammenhang mit dem Klimawandel wurde appellierend gefragt: Was ist der Weltbevölkerung der Regenwald wert? Und welche Gegenleistungen und Perspektiven für dessen Erhalt ist sie bereit, den Menschen in diesen Ländern zu geben?

Friedemann Weber betont, dass trotz Entwicklungshilfe letztendlich das Land und seine Menschen ihren Weg selber finden und gehen müssen. Er zitierte Obama, die ganze Welt könne Afrika helfen, das nütze den Menschen aber nichts, sie müssten sich selber helfen. Abschließend betonte Weber nochmals die Bedeutung von Bildung und den Transfer von Know-how. Seine Hoffnung gründet sich auf eine neue Generation von jungen wissensdurstigen Menschen in Togo. Das Projekt von Corneille sieht er als einen Hoffnungsmacher. Martin Luther King: „I have a dream…“.

Friedemann Weber freut sich, dass die Besucher seines Vortrags anschließend rund 400 Euro für das Projekt Kinder-Schul-Speisung KISS ( https://www.aktionpit.de/projekt/kiss-kinder-schul-speisung/ ) der Aktion „PiT – Togohilfe e.V.“ in Maisach ( https://www.aktionpit.de/ ) spendeten. PiT engagiert sich seit 1980 im Gesundheitsbereich, Schulbildung, Kinderhilfe sowie Dorfentwicklung in Togo. PiT erläutert zur „Kinder-Schul-Speisung: Nur 25 Cent kostet eine Mahlzeit im KiSS-Programm für die Kinder in unseren Dorfschulen in Togo. Um ein Kind ein Schuljahr lang mit Schulspeisung zu versorgen, genügen 50 Euro. Ein kleiner Betrag mit großer Wirkung: bessere Gesundheit, bessere Konzentration, bessere Schulabschlüsse, bessere Aufstiegschancen, bessere Mitgestaltung für ein lebenswertes Dorf“, „Schaffung von Arbeitsplätzen für Frauen (mehrere geschulte Köchinnen)“ sowie „regelmäßiger Einkauf von Lebensmitteln = verbesserter Absatzmarkt vor Ort“. Weber ergänzte, dass das KISS-Programm auch ein Anreiz insbesondere für Mädchen sei, die oft langen Wege zurückzulegen, um überhaupt die Schule zu besuchen. Ein weiterer positiver Aspekt sei, dass dadurch Mädchen die Schule länger besuchten und als Jugendliche nicht gleich selbst schon wieder Kinder bekämen.

Friedemann Weber weist noch auf ein weiteres Projekt von der evangelischen Hilfsorganisation „Brot für die Welt“ passend zu seinem Vortrag hin. Deren Partnerorganisation OADEL propagiert in Togo eine Ernährung durch regionale Produkte, welche die heimische Wirtschaft stärken und gesünder sind, entgegen des Trends auch in der Hauptstadt Lomé, wo sich immer mehr Menschen von importierten Billigwaren ernähren: https://www.brot-fuer-die-welt.de/projekte/togo-regional-erste-wahl/ Ein ausführlicher lesenswerter Beitrag zum Thema sowie zur Arbeit und Praxis von OADEL findet sich unter: https://www.brot-fuer-die-welt.de/fileadmin/mediapool/2_Downloads/Projekte/Togo/Projektinformationen_OADEL_Togo.pdf

Fortwirkungen des deutschen Kolonialismus in Togo

In einem Artikel vom 7.2.2005 berichtete die taz von Togo als ein „unrühmliches Kapitel deutscher Afrikapolitik.“ „Wir Schwarzen müssen zusammenhalten“, war das geflügelte Wort von Franz Josef Strauß, um seine Duzfreundschaft mit Togos Diktator Gnassingbe Eyadema zu begründen. Als Staatsgast ließ sich der bayerische CSU-Ministerpräsident in den 1980er Jahren gern vom togoischen Gewaltherrscher empfangen, mit Schulkindern, die „Josef ist der Größte“ sangen. Das Lokal „Alt-München“ war Szenetreffpunkt in der Hauptstadt Lomé, und das bayerische Fleischereiunternehmen Marox von Josef März besaß in Togo Ländereien. Eyademas Unrechtsstaat war jahrzehntelang Deutschlands Vorzeigepartner in Westafrika. Insgesamt 94,52 Milliarden CFA-Franc deutsche Entwicklungshilfe – rund 600 Millionen DM damals – flossen zwischen 1960 und 1990 nach Togo. Dazu kamen in den 1980er-Jahren Schuldenerlasse von 295,5 Millionen DM. Die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung bildete Togos Beamte im Einparteienstaat aus, und Bundeswehrsoldaten trainierten das für brutale Repression bekannte Militär. Dominic Johnson führt in der taz vor dem Hintergrund, dass Togo von 1884 bis 1916 eine deutsche Kolonie war, weiter aus: ( https://taz.de/!645626/ ):

„… Seine Hoheit ist das Haupt, das Togoland ist der Leib“, lautete eine Ergebenheitsadresse pensionierter Kolonialbeamter an den letzten deutschen Gouverneur von Togo, Herzog Adolph Friedrich zu Mecklenburg, als dieser im Alter von 87 Jahren den Unabhängigkeitsfeiern 1960 beiwohnte. „Togoland, stehe auf und werde hell! Denn das prophetische Licht der Deutschen ist hocherfreulicherweise über dir aufgegangen und verwandelt deine frühere leidende Form in den sichtbaren sozialfürsorglichen Mittelpunkt mit übernatürlichem ewigen Ziel einer Herrlichkeitsgegenwart deutscher Kultur.“ Nicht nur der deutsche Sprachgebrauch aus Kolonialzeiten blieb in Togo länger erhalten als in Deutschland. Auch Togos Arbeitslager pflegten koloniale Tugenden. Ein Häftling des verrufensten Lagers Kaza erinnerte sich später an die Bedingungen im „togoischen Gulag“: „Wir traten völlig nackt zur Zwangsarbeit an. Diejenigen von uns, die nicht mehr genug Kraft hatten, um sich aufrecht zu halten, folgten uns, indem sie ihre ruinierten Körper auf allen Vieren dahinschleppten. Wir arbeiteten den ganzen Tag mit Soldaten im Rücken.“ … Aus einem düsteren Kapitel deutscher Afrikapolitik hätte dennoch mehrmals eine Sternstunde werden können. Togos erster Präsident, Sylvanus Olympio, der 1963 von Eyadema erschossen wurde, war schließlich auch ein enger Freund Deutschlands gewesen, und hinter seinen Mördern vermutete man damals französische Interessen. 1966 täuschte Bundespräsident Lübke bei einer Togo-Reise eine Verletzung vor und kam mit einem Gipsarm, um Eyadema nicht die Hand schütteln zu müssen. Und als Togos Einparteienstaat ab 1990 zerfiel, blickte die Opposition hoffnungsfroh auf Deutschland: Die Bundesregierung suspendierte 1991 die Entwicklungshilfe für Togo und sorgte Anfang 1993 für einen entsprechenden EU-Beschluss, nachdem Staatsminister Helmut Schäfer (FDP) zufällig in Lomé mit erlebt hatte, wie Polizisten ein Blutbad unter friedlichen Demonstranten anrichteten. Deutschland und Frankreich richteten danach gemeinsam im elsässischen Colmar politische Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien Togos ein. Sie scheiterten daran, dass Togo seine Armee nicht unter internationale Überwachung stellen wollte. Deutschland, das immerhin diese Armee mit ausgebildet hatte, zog daraus keine weiteren praktischen Konsequenzen – außer, sich aus den Togo-Wirren zurückzuziehen. Aber als die EU-Kommission im April 2004 mit Togos Regierung einen 22-Punkte-Plan über politische Reformen vereinbarte, dessen Erfüllung die Wiederaufnahme der Entwicklungszusammenarbeit bedeuten würde, preschte Deutschland vor – und organisierte eine Sammelabschiebung politischer Flüchtlinge nach Togo. Nach Angaben von Flüchtlingshelfern sind mindestens fünf Abgeschobene in Togo nach ihrer Ankunft verschwunden.

Eine Buchbesprechung zu deutschem Kolonialismus in Togo anhand eines Skandals:

Rebekka Habermas: „Skandal in Togo – Ein Kapitel deutscher Kolonialherrschaft.“ (erschienen 2017) https://www.heise.de/tp/features/Sachbuecher-des-Monats-Februar-2017-3614297.html In „Skandal in Togo“ geht es um koloniale Sehnsüchte, fragile Macht und Gewalt. Im Mittelpunkt steht ein Skandal, der sogar den Reichstag im fernen Berlin auf den Plan rief: 1900 soll der Kolonialbeamte Geo Schmidt eine junge Afrikanerin vergewaltigt haben. Der Kolonialbeamte, eigentlich der mächtigste Mann vor Ort, rang nicht nur mit der afrikanischen Bevölkerung. In Togo waren auch christliche Missionare tätig, die vor allem Gottes Wort verbreiten wollten und ihre Bemühungen durch Geo Schmidt gefährdet sahen. Ihre unzähligen Briefe nach Berlin, in denen sie Schmidts Treiben schildern, sind beredte Zeugnisse eines grundlegenden Konflikts im kolonialen Raum. Und sie führten dazu, dass im Berliner Reichstag Abgeordnete wetterten, die Mission der Zivilisierung in Afrika werde durch brutale Kolonialbeamte gefährdet. Rebekka Habermas schildert die Beziehungen, Interessen und Motive der Beteiligten, den Rassismus und Alltag vor Ort und die kolonialen Echos, die der Skandal in der Gesellschaft des deutschen Kaiserreichs hervorrief.

Weitere Beiträge zur Geschichte und Politik Togos:

= Andrea Naica-Loebell, 12.3.2005: „Keine Besserung in Togo. Der Diktator ist tot, doch die Diktatur geht weiter.“ ( https://www.heise.de/tp/features/Keine-Besserung-in-Togo-3438851.html )

= Dezember 2014: „Ohne Versorgung: Gesundheitswesen in Togo – zwischen Spardiktat und Korruption“ ( https://afrique-europe-interact.net/1735-0-Gesundheitssystem-in-Togo.html )

= Urgence Togo und Afrique-Europe-Interact zur Diktatur in Togo, Stand 6.4.2018: Aufruf zur „Doppeldemo in Berlin“: „Solidarität mit der Demokratiebewegung in Togo – keine politisch-militärische Zusammenarbeit mit dem togoischen Regime! … „ ( https://afrique-europe-interact.net/1714-0-Demo-6-April-2018-Berlin.html )

= Association Togolaise des Expulsés (ATE) – die Togoische Vereinigung der Abgeschobenen: „Les expulsé(e)s ne sont pas oublie(e)s! … Togo: Flucht, Migration und Abschiebung … Selbstorganisierung und Selbsthilfe … Eine Stimme für die Abgeschobenen… “ ( https://afrique-europe-interact.net/161-0-ate.html )

= Bernard Schmid (allgemein zur Entkolonialisierung in Afrika), etwa 2010: „Von Massenmördern und ungeliebten Statuen – Dossier zum 50. Jahrestag der Dekolonisation“ ( https://afrique-europe-interact.net/204-0-Bernhard-schmid-dossier-unabhngigkeit.html )

= Vincent Munié in Le monde diplomatique (9.2.2007): „Mord am Dakar-Niger-Express – Folgen einer Privatisierung im Senegal ( https://www.monde-diplomatique.de/pm/2007/02/09.mondeText.artikel,a0038.idx,10 )

= Zu Togo siehe zudem einfach unter Wikipedia, beispielsweise: https://de.wikipedia.org/wiki/Togo sowie https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Togos sowie https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Kolonie_Togo