„Soziale Ökologie“ und „libertärer Kommunalismus“

(Update eines Textes anlässlich Bookchins 100. Geburtstag vor fünf Jahren)

Murray Bookchin (gesprochen Buktschin) wurde heute vor 105 Jahren am 14. Januar 1921 in New York als Sohn jüdisch-russischer Immigranten geboren. Seine sozialrevolutionäre Großmutter war nach der gescheiterten Revolution von 1905/1906 aus Russland geflohen.

Bookchin wuchs in der Bronx auf, zwischen EinwanderInnen aus allen Ländern Europas, Linken und Rechten, Religiösen und Atheisten. Nicht weit entfernt, wo sich heute die Stadt türmt, lagen damals noch Parks und Farmen.

Mit neun Jahren wurde er Mitglied der kommunistischen Jungen Pioniere und mit vierzehn des Kommunistischen Jugendbunds. Wegen des autoritären Charakters der Bewegung und während Stalins Schauprozessen (1936-1938) näherte er sich den Trotzkisten an und schloss sich der Sozialistischen Arbeiterpartei SWP an.

Er war Arbeiter in einer Stahlgießerei, Gewerkschaftsaktivist und politisch aktiver Soldat. Später arbeitete er in der Autoindustrie, verließ aber nach dem General-Motors-Streik von 1946 die Branche und die Gewerkschaft und trat bald auch aus der SWP wieder aus.

Seine Interessen verschoben sich auf die Umwelt und das Schreiben. Er schloss sich 1947 dem Kreis um die Zeitschrift „Contemporary Issues“ an, es waren vor allem ehemalige Trotzkisten um den deutschen Emigranten Joseph Weber. In Contemporary Issues (und parallel in der deutschsprachigen Ausgabe „Dinge der Zeit“ veröffentlichte er unter dem Pseudonym Lewis Herber seine ersten Artikel, unter anderem zur Lebensmittelchemie. Bookchin zählt zu den Vorbereitern der ökologischen Bewegung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg jagte eine Fortschrittseuphorie durch die USA. Bookchin: „Man versprach uns Gratisstrom aus Atomkraftwerken. Pestitzide sollten alle Moskitos vernichten. Besprühe das Baby mit DDT, und es gibt nie wieder Malaria und Gelbfieber.“ Autobahnen zerstörten die Natur. Sümpfe wurden ausgetrocknet. Die Stadt wucherte und stank nach Abgasen. Ende der 1940er Jahre untersuchte das Delaney-Committee des US-Kongresses Chemikalien in Lebensmitteln. Bookchin hörte zu und las sich durch dicke Studien: „Meine marxistische Ausbildung ließ mich begreifen, dass es eine ökologische Katastrophe geben könnte, wenn der Kapitalismus hemmungslos wuchs.“

Bookchin schrieb einen grundlegenden Aufsatz („The Problem of Chemicals in Food“, 1952) über die Gefahren bei der Chemisierung der Landwirtschaft, über Pestizide, über die Zerstörung des Bodens, über chemisch angereicherte Nahrung, die Krebs erzeugen könnte. Der Text erschien in Deutschland, wo er ein großer Erfolg wurde unter dem Titel „Lebensgefährliche Lebensmittel: Sind unsere Nahrungsmittel noch Lebensmittel?“ (1953). Fast einhundert Medien rezensierten ihn.

Bookchin wandte sich auch anderen großen Themen zu: Atombombentests, McCarthy-Ära, Korea-Krieg, Atomenergie und „Konsum, Konsum, Konsum… Es musste einfach eine kulturelle Veränderung geben, eine Neuen Linke, die sich aus vielen Quellen einer breiten Unzufriedenheit speiste: Langeweile, die Leere der kapitalistischen Gesellschaft, Entfremdung und Ökologie.“

1954 schrieb er das Flugblatt „Stop the Bomb!“ Der radioaktive Fallout sollte endlich ernst genommen werden, und die Atombombenfrage auch als Umweltfrage wahrgenommen werden.

Murray Bookchin vertrat einen ökologischen Dezentralismus, bezeichnete sich ab 1958 als Anarchist und schloss sich später der New York Federation of Anarchists an.

Im April 1962, sechs Monate vor Rachel Carsons berühmten Silent Spring (Stummer Frühling) erschien Bookchins Buch „Our Synthetic Environment“ (Unsere synthetische Umwelt), gegen Atomkraftwerke, gegen Umweltchemikalien und gegen die Zerstörung der Städte. Carsons Buch wurde zum Bestseller, Bookchins Buch nicht, trotzdem fand es in Wissenschaftszeitschriften eine begeisterte Aufnahme, auch in Großbritannien (1963) und Deutschland (1977).

Neben grundlegenden Veröffentlichungen zur Umweltthematik wie z. B. „Ecology and Revolutionary Thought“ (1964, Ökologie und revolutionäres Denken) – ein radikal ökologisches Manifest – und „Ökologie und revolutionäre Freiheit“ sah Bookchin ab 1970 die Stadt bzw. die Gemeinde als Arena sozialer Veränderungen an. Der bürgerliche Staat sollte durch Versammlungen der direkten Demokratie ersetzt werden, die eine neue Organisationsform der Gesellschaft darstellen.

Bookchin wurde Ideengeber einer grünen Bewegung, die sich kritisch und ablehnend mit der Grünen Partei der USA auseinandersetzte. 1971 beteiligte er sich an der Gründung des Institute for Social Ecology (ISE) in Plainfield (Vermont), das bis heute existiert und zeitweise zum organisatorischen Zentrum einer internationalen Bewegung für „Libertären Kommunalismus“ wurde. Er war Professor am Ramapo College von New Jersey in Mahwah, wo er von 1977 bis 1981 lehrte. Mit den Kongressen in Lissabon 1998 und Vermont 1999 wurde eine Organisierung für einen pragmatischen Anarchismus versucht, die aber aus verschiedenen Gründen scheiterte.

Als Theoretiker fühlte sich Bookchin der ökologischen Bewegung eng verbunden, aber er meinte, dass der Beherrschung der Natur durch den Menschen auch immer Hierarchien und Machtstreben bzw. Herrschaft zugrunde lägen, weshalb er eine anarchistische Ethik und Philosophie entwickelte.

Er formulierte das Konzept der Sozialen Ökologie, die auf Dezentralisierung, dualer Gegenmacht, Selbstverwaltung und Selbstorganisation aufbaut, den Klassenkampf alter Prägung ablehnt und stattdessen auf Stadtteilarbeit, Bürgerversammlungen und direkte Demokratie setzt.

Wichtiges Vorbild war für ihn die Polis der griechischen Städte im Altertum, deren Bürgerversammlungen und gleichberechtigte Entscheidungsmöglichkeit der männlichen Vollbürger er als vorbildhaft sah, auch wenn ihm bewusst war, dass diese frühe Variante der Demokratie die Frauen ausschloss und zudem auf Sklaverei basierte. Neben dieser Kehrseite sah er aber Züge, die nachahmenswert schienen. Seine Ideen und Theorien veröffentlichte er in Büchern, Interviews und Artikeln.

Zuletzt lebte Bookchin in Burlington (Vermont) und hielt als emeritierter Direktor des Institute für Social Ecology in Plainfield (Vermont) jeden Sommer Kurse. Nebenbei arbeitete er am dritten Band seiner Revolutionsgeschichte.

Als radikaler Antikapitalist und Befürworter der Dezentralisierung hatten Bookchins Ideen und Schriften auch einen großen Einfluss auf die globalisierungskritische Bewegung, auf die US-amerikanische Ökologiebewegung sowie auf den radikalen Flügel der US-amerikanischen Grünen.

Bookchin war Autor einer Vielzahl von Artikeln und Büchern, die in Deutschland unter anderem im Karin Kramer Verlag, im Trotzdem Verlag und dessen Zeitschrift Schwarzer Faden erschienen. In meinem Bücherregal befinden sich unter anderem „Die Neugestaltung der Gesellschaft, Pfade in eine ökologische Zukunft“ (Grafenau 1992) und “ „Die Agonie der Stadt, Aufstieg und Niedergang des freien Bürgers“ (Grafenau 1996). Sein umfangreiches Werk „Die Ökologie der Freiheit“ erschien letztes Jahr im Unrast Verlag.

Murray Bookchin starb am 30. Juli 2006 in Burlington (Vermont).

Bookchins Ideen wurden später von Abdullah Öcalan, dem Gründer der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) aufgegriffen. Der von der PKK (Türkei) und der PYD (Syrien) vertretene „Demokratische Konföderalismus“ steht für den Aufbau basisdemokratischer Strukturen der Selbstverwaltung, wie in Rojava (Nordsyrien) versucht wird sie in die Praxis umzusetzen. Lokale Autonomie und demokratische und wirtschaftliche Selbstbestimmung sind wichtige Aspekte des „Demokratischen Konföderalismus“. PYD wie auch PKK streben kein vereintes sozialistisches Kurdistan an, sondern eine Autonomie innerhalb der Türkei bzw. in Syrien. Frauen und Männer sollen gleichberechtigt in allen gesellschaftlichen Strukturen entscheiden. Sexistische Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen wird bekämpft. Auch ethnische, religiöse und andere politische Gruppen sollen in den Entscheidungsstrukturen repräsentiert werden. Auch die Ökologie soll berücksichtigt werden. Der Demokratische Konföderalismus wurde 2005 ins Parteiprogramm der PKK aufgenommen.

Erschwert wird die Umsetzung dieses Programms durch der Kriegsbedingungen (Bekämpfung der kurdischen Emanzipation vor allem durch den türkischen Staat, islamistische Strömungen und den syrischen Staat), durch historischen Ballast der PKK als ursprünglich autoritär-sozialistische Partei, verknöcherten Gesellschaftsstrukturen und Anpassung an Kriegsbedingungen sowie die Notwendigkeit zu überleben. Hoffnungen, dass der demokratische Konföderalismus sich ausweiten und somit eine Perspektive für den ganzen Nahen Osten bieten könnte, scheinen angesichts der politischen und militärischen Realität und der mangelnden Unterstützung vorerst allerdings illusionär zu sein.

Vielleicht aber werden auch bei uns Bookchins Konzeptionen von freien demokratischen und sich vernetzenden Städten und Gemeinden einmal noch in der Zukunft benötigt im Widerstand gegen Verstädterung, gegen neoliberale und autoritäre Stadtplanung und gegen die Ideologie von Smart Cities, also der durchdigitalisierten Stadt, wo Bewohner, Konsumenten und Arbeitenden ständig vermessen, gelenkt und kontrolliert werden, aber nicht wirklich demokratisch entscheiden können.

Aktuell dringt das Ende 2024 an die Macht gekommene syrische Regime der ursprünglich islamistischen Gruppe Ha’iat Tahrir asch-Scharm HTS auf die Durchsetzung eines zentralistischen, autoritären, islamischen Nationalstaates. Die kurdisch dominierte „Demokratische Selbstverwaltung im Norden und Osten Syriens“ hat aber bereits gegen Ende 2023 einen neuen Gesellschaftsvertrag beschlossen, der „eine Blaupause für ein zukünftiges, dezentrales und demokratisches Gesamtsyrien darstellen“ könnte – auch um der Vielfalt der verschiedenen ethnischen und religiösen Volksgruppen und beiden Geschlechtern gerecht zu werden.

Quelle unter anderem Jutta Ditfurth, Wikipedia, Peter Berens.